28. September 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Schatten der Wahrheit

Unter den Dingen

SCHATTEN DER WAHRHEIT ein Thriller von Robert Zemeckis

Im Original heißt der Film WHAT LIES BENEATH. Und darum, was unter der Oberfläche liegt, geht es tatsächlich in mehrfacher Hinsicht: Welche Schrecken birgt die Struktur des Thrillers? Welche Geschichten erzählen die Geräusche aus dem Nachbarhaus? Was findet sich auf der Rückseite eines alten Fotos? Welches Geheimnis liegt auf dem Grunde eines Sees? Warum ist das, was wir sehen, immer nur die halbe Wahrheit – und manchmal nicht mal das?

WHAT LIES BENEATH bezeichnet sowas wie den Sirenengesang des amerikanischen Kinos. Die Oberflächen locken uns an und entpuppen sich als Falle. Das Sichtbare ist immer nur eine Hülle, hinter der das Eigentliche liegt. Und wenn man so will, dann hat Regisseur Robert Zemeckis mit dieser Erkenntnis von jeher sein Spiel getrieben. In FORREST GUMP hat er die amerikanische Geschichte genommen und darunter die Geschichte eines Trottels gefunden. In CONTACT hat er in der Welt der Außerirdischen unsere eigenen Träume gespiegelt gesehen. Und in ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT hat er unter der Gegenwart die Vergangenheit gefunden. Das war im Grunde jedesmal der selbe einfache, aber enorm erfolgreiche Trick: das Sichtbare sozusagen von innen heraus umzudeuten. Es scheint ein großer Trost darin zu liegen, die komplexen Zusammenhänge unserer Geschichten einer einfachen Mechanik zuzuführen.

SCHATTEN DER WAHRHEIT heißt der Film auf deutsch, aber es geht natürlich um den falschen Glanz der Lüge. Und weil Zemeckis ein Gewächs aus dem Hause Spielberg ist, schadet es nicht, wenn man zitiert, was Norbert Grob über DER WEISSE HAI geschrieben hat: „Der Thriller ist kein horizontales Genre wie der Western. Er schweift nicht in die Weite. Er ist ein vertikales Genre. Alles, wodurch er an Leben gewinnt, an Atmosphäre und Spannung, kommt von unten. Wenn der Phantasie-Raum der Poesie hinter den Dingen liegt, so liegt der Phantasie-Raum des Thrillers stets unter den Dingen. ” Das lässt sich kaum schöner und treffender sagen.

Michelle Pfeiffer und Harrison Ford sind ein Ehepaar in den besten Jahren. Und natürlich leben sie auch in bester Lage, in einem zauberhaften Haus mit eigenem Steg an einem kleinen See. Er ist erfolgreicher Wissenschaftler, sie war Cellistin, ehe sie bei einem Autounfall nur knapp dem Tode entronnen ist. Die Tochter zieht gerade aus dem Haus, nach der Pflicht könnte nun die Kür folgen. Aber er hat seine Karriere, und sie sieht plötzlich Gespenster. Überraschend daran ist vor allem, wie lange sich Zemeckis damit Zeit lässt, dieses Wechselspiel von Ruhe und Unruhe zu beschwören. Und wie hemmungslos er dabei Anleihen bei den Großen des Genres nimmt – bei Hitchcock vor allem.

Der Anfang vor allem wirkt wie eine zeitgemäße, aufs Land verlagerte Version von FENSTER ZUM HOF. Aus dem Nachbarhaus vernimmt Michelle Pfeiffer erst die Geräusche eines heftigen Ehestreits, dann von wildem Sex. Im Lichte eines Gewitters sieht sie später, wie der Mann ein großes, in eine Plane gewickeltes Paket in seinen Kofferraum lädt. Und natürlich erinnert man sich daran, wie einst James Stewart glaubte, Raymond Burr würde seine zerstückelte Frau in einem Koffer außer Haus bringen. So war es ja auch. Aber unter der Oberfläche des Hitchcock-Films verbirgt sich hier ein ganz anderer Film. Und unter dem anderen Film doch derselbe Film.

Natürlich entpuppt sich der nachbarliche Streit als Hirngespinst. Aber wen die Gespenster einmal am Wickel haben, den lassen sie auch nicht mehr los. Eine Tote scheint Verbindung mit der an ihrem Verstand zweifelnden Frau aufnehmen zu wollen – und der Ehemann gibt ihr erst sanft, dann nachdrücklich zu verstehen, dass sie womöglich professionelle Hilfe braucht. Und langsam bewegen wir uns auf das Terrain von Hitchcocks VERDACHT zu, wo Joan Fontaine plötzlich überzeugt ist, ihr Ehemann Cary Grant wolle sie vergiften – aber wir sind noch lange nicht am Ende.

Nochmal Norbert Grob: „Zur Strategie gehört, dass nur geschieht, was die Spannung zum Äußersten treibt. Die ruhigen Momente sind lediglich Tricks. Der Thriller ist Kino des Wirkens. Das Zeigen ist nichts; alles ist die Reaktion, die das Unsichtbare ausfüllt, als sei es sichtbar geworden. Der Zuschauer tut, was man von ihm verlangt. ” Es gibt eine Szene in SCHATTEN DER WAHRHEIT, da steigt Michelle Pfeiffer rückwärts die Treppe hinab. Ganz groß sieht man ihre Füße, und weil man weiß, dass sie im nächsten Moment auf einen sehr spitzen Gegenstand treten wird, entlädt sich die Situation in unkontrolliertem Gelächter – weil die Spannung schier nicht mehr auszuhalten ist. Und man sieht direkt, wie sich Zemeckis die Hände reibt.

Das ist der Witz an diesem Film – und in gewisser Weise auch seine Schwäche. Irgendwann merkt man, dass die Figuren nur noch Agenten der Handlung sind: Sie handeln nur noch, „um Wirkung zu erzielen”. Das kann man als Stärke des Hollywood-Kinos begreifen – oder als seinen Mangel.

WHAT LIES BENEATH, USA 2000 – Regie: Robert Zemeckis. Buch: Clark Gregg. Kamera: Don Burgess. Musik: Alan Silvestri. Mit: Michelle Pfeiffer, Harrison Ford, Diana Scarwid, Joe Morton, Miranda Otto, James Remar, Amber Valletta. UIP. 130 Minuten.

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