07. Januar 2002 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Requiem for a Dream

Die Welt als Pille und Vorstellung

Darren Aronofsky verfilmt Hubert Selbys Roman REQUIEM FOR A DREAM als Höllensturz durch Brooklyn

Paranoia, so heißt es, sei der Glaube an eine verborgene Ordnung hinter dem Sichtbaren. Darren Aronofsky ist der Regisseur dieses Gefühls, das fast schon eine Art amerikanischer Freizeitbeschäftigung ist. Schon in seinem Erstling „Pi“ mußte die gleichnamige Zahl als Muster herhalten, das die Kabbala und die Börse zusammenhält. In REQUIEM FOR A DREAM sind Fernsehen und Drogen die Einstiegsluken in jenen Wahn, der die Welt in neue Zusammenhänge zwingt. Mit der Kamera in das Reich jenseits des Sichtbaren hinabzusteigen ist im Kino immer ein verlockendes Unterfangen – solange man nicht den Zeitpunkt verpaßt, irgendwann von dort auch wieder aufzutauchen.

Darren Aronofsky scheint in seiner Verfilmung des Romans von Hubert Selby aber gar nicht daran interessiert, jene letzte Ausfahrt zu finden, die aus der Unterwelt wieder hinauf nach Brooklyn führen würde. Er steigt immer weiter hinab in die Hölle der Paranoia. Andererseits kann man sagen, daß im Zusammenhang mit Fernsehen und Drogen alles andere auch nur eine jener süßen Lügen wäre, mit denen sich das Kino gerne die Welt schönredet.

REQUIEM FOR A DREAM folgt vier Personen auf ihrem Weg ins Verderben, der natürlich mit allerlei Verheißungen gepflastert ist. Harry (Jared Leto), seine Freundin Marion (Jennifer Connelly) und sein Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) sind auf Drogen, schießen Heroin und glauben an eine goldene Zukunft unter Floridas Sonne; Harrys Mutter Sara (Ellen Burstyn) dämmert unterdessen vor ihrem Fernseher dahin, glotzt Diät-Shows und nimmt deren Versprechen beim Wort. Das ist erst einmal der ganz normale Wahnsinn namens Coney Island, diesem Brachland der gestrandeten Träume und billigen Vergnügungen. In der Ferne ragt der ehemalige Übungsturm der Fallschirmspringer in den Himmel, eine rostige Eisenblume, die nichts Gutes verheißt. Wo einst unterm Pflaster der Strand zu liegen schien, da findet sich bei Hubert Selby under the boardwalk nur Unrat und Müll.

Selby gehört zu jenen Autoren, die sich wie Blutegel an der Unterseite des amerikanischen Traums festgesaugt haben und seinen unsichtbaren Verbindungslinien ins Reich der Schatten nachspüren. Wohin er blickt, sieht er Abhängigkeiten, die das Chaos in eine fatale Ordnung zwingen. Und Aronofsky ist der Mann, all dies sichtbar zu machen. Hingebungsvoll wiederholt er den Moment, in dem mit einem Flash das Heroin ins Blut schießt: Man sieht das Gift strömen, hört einen Seufzer und blickt in eine sich weitende Pupille. Und es ist fortan, als wäre auch die Kamera unter Drogen: Die Farben pulsieren, die Schatten wachsen, die Perspektiven verzerren sich, und die Oberflächen drohen zu platzen – man starrt in eine Fratze, die zwischen dümmlichem Grinsen und jähem Schrecken changiert. Das ist anfangs faszinierend, auf Dauer jedoch etwas ermüdend. Auch an Albträume kann man sich gewöhnen.

So sehr sich Aronofsky um einen eigenen Ausdruck bemüht und nach einer originellen Einstellung sucht, sowenig entkommt er den genrehaften Formeln des Drogenfilms. Das Pärchen glaubt, der Sucht ein Schnippchen schlagen zu können, indem es selbst mit dem Stoff handelt – und am Ende wird genau das ihm zum Verhängnis. Das stete Hin und Her zwischen vollmundigen Überzeugungen und leeren Versprechungen, hochfliegenden Träumen und heulendem Elend wirkt auf Dauer nur wie das ewig gleiche Lied: Nach dem Schuß ist vor dem Schuß.

Es beginnt schon damit, daß Harry den Fernseher seiner Mutter versetzen will, ein Vorgang, der offenbar auch schon Routine ist. Für die Witwe ist der Kasten die Nabelschnur zur Welt, für ihn die Aussicht auf den nächsten Schuß. Er brüllt und droht, sie jammert und fleht, und Aronofsky zeigt beider Wahn, indem er das Bild zur split screen zerteilt. Dieses in den Siebzigern in Ungnade gefallene und unlängst wieder in Mode gekommene Verfahren ermöglicht die Durchdringung zweier Perspektiven, eine Überlagerung verschiedener Fluchtlinien, die von Regisseuren wie Brian De Palma oder Richard Fleischer brillant gehandhabt wurde. Hier hat man jedoch den Eindruck, daß auf beiden Seiten der Schleuse derselbe Zustand herrscht und kein irgendwie gearteter Austausch stattfindet und das Verfahren nur noch Selbstzweck ist.

Womöglich ist ja alles, was bei Erscheinen des Romans im Jahr 1978 noch neu und spannend schien, mittlerweile ein alter Hut. Insbesondere der Höllensturz der Mutter, die nach einem Anruf der Fernsehproduktion dem Schlankheitswahn verfällt und sich unter dem Einfluß von Pillen nach und nach in ein Monster verwandelt, wirkt wie ein etwas veralteter medientheoretischer Ansatz. Von der Gleichung Fernsehen und Droge wird heutzutage eben keiner mehr high. So erfindet sich Aronofsky die siebziger Jahre neu, als wären sie die verborgene Ordnung hinter dem, was wir als Gegenwart wahrnehmen. Zu diesem Traum ist aber das Requiem längst gespielt worden.

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