23. Juli 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Raumpatrouille

Wunderbare Welt der deutschen Schwerkraft

RAUMPATROUILLE lehrte uns, mit dem Bügeleisen durch den Weltraum zu reisen: Jetzt gibt es die Fernsehserie als Kino-Remix

Im September 1966 begann in deutschen Wohnzimmern die Zukunft, und die Tatsache, daß sie heute schon nicht mehr ganz frisch aussieht, nimmt der Sache nichts von ihrem Reiz. Zeitgleich mit der U.S.S. Enterprise nahm das Raumschiff Orion seine Raumpatrouille auf; die amerikanische Serie landete allerdings erst sieben Jahre später auch im deutschen Fernsehen. Bis dahin war man auf den Ausstatter Rolf Zehetbauer angewiesen, wenn man wissen wollte, wie man sich das Jahr 3000 vorzustellen hat.

Daß es dort im wesentlichen aussah wie im heimischen Badezimmer oder Haushaltskeller, tat der Imagination keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Das Raumschiff startete durch jenen Wasserstrudel, den man auch am Badewannenabfluß beobachten konnte, der Weiterflug wurde weitgehend mit dem Griff eines Bügeleisens geregelt, andere Steuerungselemente ähnelten Badearmaturen, und die Deckenverkleidung des Raumschiffs bestand aus jenen Bechern, aus denen man sonst Bowle trank. Dieser vom Kopf auf die Füße gestellte Futurismus überzeugte Kinder durch seine Benutzerfreundlichkeit, weniger hilfreich war die Tatsache, daß die Serie erst um Viertel nach acht ausgestrahlt wurde. Aber weil damals alle nach Zukunft dürsteten und der Wettlauf zum Mond noch keineswegs entschieden war, war man durch Mundpropaganda trotzdem schnell im Bilde.

Sieben Folgen der RAUMPATROUILLE wurden in den Bavaria-Studios gedreht, und da alle Versuche, den Erfolg weiterzuspinnen, im Laufe der Jahre versandet sind, hat man nun kurzerhand die Originale auf Spielfilmlänge zusammengeschnitten und zum besseren Verständnis die losen Enden der Story durch eine liebevoll nachinszenierte sogenannte Sternenschau verknüpft, in der Elke Heidenreich Nachrichten aus der Zukunft verliest. Da sitzt sie nun unter einer Frisur, die aussieht, als habe man ihr einen Bienenkorb übergestülpt, und wenn man es nicht besser wüßte, könnte man meinen, sie gehöre zum Inventar der Serie. Ihre stete Versicherung zum Abschied, alles werde „galaktisch gut“, ist mit genau jener Dosis Tranquilizer dargeboten, die damals offenbar dem ganzen Personal verabreicht worden war. Auch durch Fernsehserien wie DER KOMMISSAR schlafwandelten damals Heerscharen von Schauspielern, die vor lauter Mangel an mimischem Ausdruckswillen kaum die Augen offenhalten konnten.

Ganz im Gegensatz zur angeblichen Aufbruchsstimmung jener Jahre verwirren Zeitdokumente aus den späten Sechzigern durch die übergroße Entspanntheit, mit der sich die Menschen durch die Gegenwart bewegten – auf die Zukunft des Jahres 3000 reagierten sie proportional mit einer geradezu galaktischen Mattigkeit. Ihre Mienen wirken wie festzementiert, ihre Scherze an der Bar des Starlight Casino sind entsprechend müde, die Tänzer dort bewegen sich in einer körperlosen Zeitlupe, die, das Paarungsverhalten betreffend, wenig zur Erhaltung der menschlichen Rasse beiträgt, und abgesehen vom stets jovialen Wolfgang Völz als Mario de Monti entwickelte allein Dietmar Schönherr in der Rolle des Cliff Allister McLane jene Lebendigkeit, mit der er später als Showmaster sein Publikum am Einschlafen hinderte. Andererseits war er in WÜNSCH DIR WAS einer wie auch immer gearteten Zukunft womöglich näher als an Bord der Raumpatrouille, die vielleicht schon von der Großen Koalition träumen wollte, aber doch eher nach Ludwig Erhard aussah.

Was das Geschlechterverhältnis angeht, hat es die Emanzipation auf der Orion noch schwer. „Mein liebes Kind“ nennt McLane seine Überwachungsoffizierin Tamara Jagelowsk, die sich das natürlich verbittet: „Ich bin nicht Ihr liebes Kind!“ Eva Pflug spielt die Amazone jedoch mit so unverhohlener Liebebedürftigkeit, daß ihre Betonfassade bald bröckelt. In Wirklichkeit ist für den deutschen Mann auch im All immer noch Mutter die Beste, und so ist der wahre Motor der Serie McLanes Buhlen um Anerkennung durch General Lydia Van Dyke, die von Charlotte Kerr als Dominatrix gegeben wird, deren liebste Beschäftigung das Bestrafen ist, die aber nichts auf ihren Kleinen kommen läßt, wenn ihm jemand was zuleide tut.

Schade, daß für diesen Zusammenschnitt die bizarre Episode auf dem Frauenplaneten Chroma weggefallen ist, der diese matriarchalischen Tendenzen noch verstärkt hätte. So haben sich die Macher darauf beschränkt, zwei Missionen gegen die Frogs aneinanderzuhängen, die in ihrer Schablonenhaftigkeit weniger die Schwächen der Serie vor Augen führen als die Tatsache, daß die durchschnittlichen Hollywood-Spektakel kaum subtiler vorgehen. Man hat sich längst so daran gewöhnt, daß der Plot kaum noch eine Rolle spielt, daß man auch in der „Raumpatrouille“ getrost seine Aufmerksamkeit ganz auf die anderen production values richten kann, auf die ganze fabelhafte Unterwasserwelt nach Hausmacherart.

Was die deutsche Serie allerdings ganz wesentlich von ihrem amerikanischen Pendant unterscheidet, ist der Umstand, daß sich die Raumfahrer auf der Enterprise beamen lassen konnten. Hierzulande ist eben stets eine andere Schwerkraft am Werk, die uns im Zweifel am Abheben hindert.

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