06. Dezember 1986 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | The Onion Field

Aus sicherer Distanz

THE ONION FIELD nach einem Polizistenroman

Schuld, so sagt ein kleiner Ganove, sei ein Wort, das vor Gericht auftauche, wenn einem das Glück ausgegangen ist und Gerechtigkeit, das meint jetzt allerdings einer der Rechtsanwälte, sei hier überhaupt kein Thema. Tatsächlich widerfährt sie keiner der Personen in diesem Film. Dabei schien der Tathergang völlig klar. Zwei Polizisten auf Streife halten einen Wagen mit zwei Verdächtigen an. Weil sie aber einen Moment lang nicht aufpassen, werden sie überrumpelt, entwaffnet und entführt. Im Übermut der plötzlichen Macht wollen die Gauner ein Wettschießen veranstalten. Dann macht einer eine falsche Bewegung, die nervöse Spannung explodiert, ein Polizist wird erschossen, der andere entkommt mit knapper Not. Auf den Toten werden noch vier Schüsse abgefeuert Ein Polizistenmord auf einem Zwiebelfeld vor Los Angeles, dem Onion Field, – die Routine beginnt.

Und es beginnt ein völlig neuer Fall. Denn, was sich vor Gericht abspielt, hat mit Wahrheitsfindung, mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Es geht um Formalien und Verfahrensfehler, Zeugen und Rechtsanwälte ziehen in Scharen vor den Geschworenen vorbei, um die Opfer kümmert sich keiner mehr. Karl Hettinger, der überlebende Polizist hat mit Alpträumen und Kopfschmerzen zu kämpfen, flieht vor den Selbstvorwürfen in Impotenz und Kleptomanie. Er muß
den Dienst quittieren.

Regisseur Harold Becker schildert die Auswirkungen elliptisch knapp, bleibt auf Distanz, spiegelt so die Unverhältnismäßigkeit von Ursache und Wirkungen, von Tat und ihren Folgeerscheinungen. Zu Beginn schwebt die Kamera ein paar Meter über dem Boden eine Straße entlang. Nirgends verweist das Kino so auf sich selbst wie in dieser Einstellung, weil die Kamera durch ihren unmenschlichen Standpunkt Illusion oder Identifikation verhindert.

In THE ONION FIELD taucht sie auch später nie richtig ins Geschehen hinab. Ständige Ortswechsel, immer neue Episoden verschiedener Figuren, lassen die Erzählung kaum in Gang kommen. Die scheinbar fortdauernde Gleichzeitigkeit wird allein durch harte Zäsuren, große Zeitsprünge überwunden. Das wirkt durchaus schlüssig, weil in diesem Film Kausalität ohnehin nichts mehr gilt. Nur droht der Film, indem er von vielen wenig erzählt auseinander zufallen. Es scheint als habe sich Joseph Wambaugh, der das Drehbuch zu seinem Roman selbst schrieb, von manchen Teilen seines Stoffs einfach nicht trennen können. Wambaugh war einer der ersten Polizisten, die sich aufs Bücherschreiben verlegten. Wie Robert Daley („Year ofthe Dragon“, „Prince of the City“) legt er seine Romane („The New Centurions“, „The Choirboys“) breit an, erzählt spannend detailgenau.

Im Buch darf er 400 Seiten brauchen, im Film hat er nur zwei Stunden Zeit. Die präzisen Schilderungen, die psychologischen Porträts der Polizeiarbeit werden nur angerissen, bleiben große Bruchstücke ritualislerter Abläufe. Immerhin ist das nicht einmal ohne Logik, dass man in dieser Welt ein Fremder bleibt.

Was den Film dann doch interessant mach,‘ über seine Schwächen lange Zeit hinwegzutäuschen vermag, sind James Woods, der sich auf einem Grat zwischen nervöser Anspannung und selbstsicherer Berechnung, charmanter Glätte und bedrohlicher Präsenz bewegt und John Savage, der seiner Figur die Unsicherheit und innere Verzweiflung verleiht die die Dramaturgie oft nur behauptet.

(In München im Werkstattkino.)

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