26. Februar 2002 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Mademoiselle

Zug um Zug

MADEMOISELLE mit Sandrine Bonnaire im Kino

Dies ist die Sorte Film, die es eigentlich schon gar nicht mehr gibt – nicht einmal in Frankreich. Eine kleine Geschichte, die niemanden hinterm Ofen vorlockt, weil sie sich selbst genügt. Wenn man sagt, daß sie von einer kurzen Affäre ohne Zukunft handelt und davon, daß das Leben weitergeht, dann läßt sich damit nach heutigen Maßstäben wenig Staat machen. Es ist eben nur so ein kleiner französischer Film, in dem man sich freut, zwei sympathische Schauspieler wie Sandrine Bonnaire und Jacques Gamblin dabei zuzusehen, wie sie sich verlieben und im nächsten Moment schon wieder verlieren. Um so schöner, daß so etwas bei uns mal wieder ins Kino kommt.

In Frankreich war Philippe Liorets MADEMOISELLE sogar ein Überraschungserfolg – wahrscheinlich weil sogar die Franzosen diese Art von kleinerem Film aus der Provinz vermißt haben, ohne sich dessen bewußt zu sein. Solche Geschichten sieht man auch dort sonst nur im Fernsehen, wo der Seitensprung noch abendfüllend scheint. Im Kino müssen schon andere Attraktionen her, aber das ignoriert Lioret geflissentlich und konzentriert sich ganz auf die feinfühlige Umsetzung seines unaufwendigen Drehbuchs, das bei Sandrine Bonnaire und Gamblin bestens aufgehoben ist.

Sie ist Pharma-Vertreterin, verheiratet, zwei Kinder; er ist Mitglied einer dreiköpfigen Schauspieltruppe, die mit Improvisationen und Provokationen über die Lande zieht, mal bei einem Betriebsfest, mal bei einer Hochzeit auftritt. Sie verpaßt den Zug, wird von den dreien mitgenommen, und so kommen die beiden einander näher, als sie sich anfangs eingestehen wollen. Das sind vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau, in einer Rückblende erzählt, welche den Erinnerungen nicht mehr Gewicht als nötig verleiht. Ein Schatten von Begierde scheint Sandrine Bonnaire zu umwehen, der offen läßt, ob es sich nur um eine Liebelei gehandelt hat oder die Sehnsucht womöglich nie ganz erloschen ist. So durchlebt sie noch einmal das kurze Glück, das die Konsequenzen scheute.

Die Performances des Improvisationstheaters ziehen dem Geschehen eine zusätzliche Ebene ein, ohne die der Film womöglich auch ausgekommen wäre. Und auch die Spannung zwischen Bohème und Bourgeoisie, die beim Auftritt auf der Bonzenhochzeit akzentuiert werden soll, ist nicht übermäßig fruchtbar für den Film. Es geht eben um eine Frau, deren Leben in geordneten Bahnen verläuft, und die kurz vom Weg abkommt und sich den Kopf verdrehen läßt. Den Rest erzählen ein Motel, eine Bushaltestelle, ein Bahnhofsimbiß und eine Jukebox. Daran ist vielleicht nicht Außergewöhnliches, aber manchmal ist das ja schon ein Glücksfall.

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