05. Januar 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | The Limey

Die Melancholie der verlorenen Illusionen

Ein Engländer in der Stadt der Engel: Terence Stamp in Steven Soderberghs melancholischem Thriller THE LIMEY

Intelligenz ist nicht immer die beste Voraussetzung für Regisseure. Manchmal stehen sie sich damit selbst im Wege, wenn es darum geht, die Erzählung voranzutreiben. Andererseits gibt es Geschichten, bei denen etwas Intelligenz nichts schaden kann. Wenn die Geschichte schon hundert Mal erzählt worden ist, dann ist es durchaus von Vorteil, wenn sich der Regisseur Gedanken macht, wie sie anders zu erzählen wäre. Wenn also ein Mann in eine Stadt kommt, um den Tod seiner Tochter zu rächen, dann sollte man ein paar gute Gründe vorbringen können, warum man sich dafür interessiert. Steven Soderbergh hat ein paar sehr gute Gründe.

Der beste heißt erstmal Terence Stamp. Der Brite mit den stahlblauen Augen im kantigen Gesicht hat sich im Lauf der Zeit von der fast obszönen Schönheit seiner jungen Jahre zu einer markanten Figur von mysteriöser Anziehungskraft gewandelt. Wobei in diesem Film aparte Kontraste entstehen zwischen seiner eher aristokratischen Erscheinung und seiner unüberhörbar einfachen Herkunft, zwischen dem eher schöngeistigen Äußeren und der brutalen Art, mit der er sich zur Wehr setzt. Nach Möglichkeit sollte man „The Limey” im Original sehen, weil ohne den Zusammenprall zwischen englischem Cockney und kalifornischem Slang gerade diese reizvollen Kontraste verloren gehen, auf die schon der Titel abzielt. LIMEY ist ein alter amerikanischer Ausdruck für die britischen Seeleute, die sich einst auf der Überfahrt nach Amerika mit übermäßigem Limettensaft-Konsum gegen Skorbut zu schützen versuchten.

Hier ist der Limey ein kleiner Gangster, der neun Jahre in einem Londoner Gefängnis gesessen hat und sich nun nach der Freilassung auf die Suche nach dem Mörder seiner Tochter macht, die in L.A. unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen ist. Wie er sich mit seinen handgreiflichen britischen Methoden durch Los Angeles schlägt und dabei immer wieder ins Leere läuft, ist dabei wichtiger als die Verwicklungen des Plots.

Am Ende führen jedoch alle Spuren zu einem einst erfolgreichen Plattenproduzenten, der in einer atemberaubenden Villa über den Hügeln der Stadt wohnt, aber seinen verschwenderischen Lebensstil nur noch mit dunklen Geschäften aufrecht erhalten kann. Dass Peter Fonda diesen Mann spielt, ist der zweite gute Grund, sich für diese Geschichte zu interessieren. Er hat alle Illusionen verloren und längst erkannt, dass das Leben nicht nur ein easy ride ist, hält aber am schönen Leben um jeden Preis fest: vergnügt sich mit schönen, ewig jungen Mädchen und lässt die Drecksarbeit seinen Anwalt erledigen – gespielt wird er von Barry Newman, der seine besten Zeiten als Serienheld Petrocelli auch schon hinter sich hat.

Das ist schon sehr smart, wie Soderbergh seine Figuren so haarscharf am Image ihrer Darsteller besetzt, dass sich Rolle und Biographie verschmelzen. Eine Wahrhaftigkeit gewinnt der Film dadurch, die noch dadurch verstärkt wird, dass der Regisseur für die Rückblenden Szenen aus Ken Loachs „Poor Cow” verwendet, in denen der blutjunge Terence Stamp zu sehen ist.

Der dritte gute Grund, sich den LIMEY anzusehen, ist die intelligente Art, wie Soderbergh seine Geschichte erzählt. Er folgt nicht besinnungslos der Rache-Dramaturgie und setzt auch nicht allein auf die Perspektive des fremden Engländers auf das vertraute L.A., sondern blickt von zwei Seiten auf die Geschichte. Unausweichlich treiben diese beiden Männer, die das Beste hinter sich, ihre Träume gelebt und den Preis dafür gezahlt haben, aufeinander zu. So legt sich eine gewisse Melancholie über die Bilder, und die Inszenierung besitzt die Gelassenheit von Männern, die nichts mehr zu verlieren und deshalb alle Zeit der Welt haben, ihre letzte Karte auszuspielen.

Soderbergh trägt dieser Stimmung Rechnung, indem er nicht eine Szene an die andere hängt, sondern an den Nahtstellen immer wieder vor- und zurückspringt, als würde sich das Echo der Szenen durch den ganzen Film ausbreiten. Dadurch entstehen seltsam verschobene Momente der Leere, fast wie in den Gemälden von Edward Hopper, wo der Alltag auf einmal eine unerträgliche Spannung entwickelt. An diesen Bruchstellen wird der Film fast porös, so dass auf die üblichen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung ein ganz neues Licht fallen kann. Gut, dass es so intelligente Regisseure wie Steven Soderbergh gibt.

THE LIMEY, USA 1999 – Regie: Steven Soderbergh. Buch: Lem Dobbs. Kamera: Ed Lachman. Schnitt: Sarah Flack. Musik: Cliff Martinez. Mit Terence Stamp, Peter Fonda, Lesley Ann Warren, Luis Guzman. Barry Newman, Joe Dallesandro. Verleih: Highlight. 110 Minuten.

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