31. Januar 2001 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Die innere Sicherheit

Die Gespenster der Freiheit

Der Film zu einem durch und durch deutschen Dilemma: DIE INNERE SICHERHEIT von Christian Petzold

Einen Film wie diesen hat die so genannte Debatte um 68 und die Folgen gar nicht verdient. Er fragt nicht nach Schuld, fordert keine Sühne, verweigert sich den einfachen Antworten, aber stellt die richtigen Fragen: Was bleibt übrig von den Utopien, wie viel taugen sie für den Alltag – und dazwischen die alte existenzielle Frage, wofür man sich entscheiden würde, wenn man wählen müsste zwischen dem Leiden und dem Nichts.

DIE INNERE SICHERHEIT ist natürlich ein hübsch mehrdeutiger Titel, in dem sich die ganzen Entwicklungslinien vom Privaten ins Politische abzeichnen. Wie viel Liebe braucht ein Kind, wie viel Spannungen verträgt eine Familie, wie viel Rachsucht braucht ein Staat, um innere Sicherheit zu erlangen oder zu bewahren? Und wie unterscheidet man dabei trügerische Ruhe von notwendiger Veränderung? Es gilt auch hier der Satz aus DER LEOPARD, der dieser ganzen jüngsten Vergangenheitsdebatte die Zunge herausstreckt: Die Dinge müssen sich ändern, um die gleichen zu bleiben.

Es geht – wie übrigens auch in Sidney Lumets Film RUNNING ON EMPTY – um eine Familie im Untergrund, seit 15 Jahren unterwegs in der Anonymität des Auslandes. Was die Eltern genau verbrochen haben, wird nie gesagt, und auch der Name RAF wird nie erwähnt, aber es gehört nicht viel dazu, sich eine entsprechende Vergangenheit auszumalen. Gerade diese bedingungslose Verlagerung in die Gegenwart verleiht dem Film eine ungeheuere Kraft – und illustriert außerdem genau jenes Verhältnis zur Vergangenheit, das die Ziele und Motive von einst buchstäblich für indiskutabel hält. Als sei eine ganze Epoche von den Nebeln des deutschen Herbstes verschluckt worden.

Man begegnet der Familie in DIE INNERE SICHERHEIT in einem Moment, da alles ins Wanken gerät. Die Tochter ist 15 und beginnt, sich nach einer anderen Art von Anonymität zu sehnen, nach einer Normalität der Beziehungen, Freundschaften, Alltagsabläufe. Sie sitzt mit ihren Eltern in einer Touristenburg an der portugiesischen Atlantikküste, beobachtet vom Balkon aus die Gleichaltrigen und muss den Jungs, die sie ansprechen, ausweichen und Lügen auftischen. Tagsüber sitzt sie am Strand, paukt Vokabeln, liest Bücher und sieht den anderen beim Leben zu – nachts hört sie die Eltern beim Sex und träumt von etwas, das sie selbst Leben nennen könnte.

Christian Petzold, der mit seinem Co-Autor, dem Filmessayisten Harun Farocki, bislang nur ein paar Fernsehfilme gemacht hat, wurde zu der Geschichte von Kathryn Bigelows Vampirfilm NEAR DARK inspiriert, in dem die Schattenwesen immer unterwegs sind. So gesehen sind auch seine traurigen Helden so etwas wie Gespenster, die sich nach Erlösung sehnen, nach Menschwerdung. Diese Geschichte erzählt Petzold mit einer inneren Sicherheit, die wirklich atemberaubend ist. Er lässt den Figuren genau jenen Raum, der jede Umgebung in feindliches Territorium und alle Unschuld in Paranoia verwandelt. Bei aller Beengtheit der Situation geht es nicht um Klaustrophobie, sondern um ihr Gegenteil: Agoraphobie, die Angst vor großen Plätzen, das Gefühl, immer und überall ausgesetzt zu sein, den Schwindel, sich zu verlieren, den Horror der Entgrenzung.

Das einzige, was die drei diesem Gefühl entgegenzusetzen haben, ist der Zusammenhalt als Familie. Genau das ist aber das Problem: dass sich die Tochter wie jeder junge Mensch irgendwann mal selbst erfinden, sich eine eigene Geschichte und Identität zurechtzimmern muss. Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, unternehmen die Eltern alles, um die Tochter genau daran zu hindern. So wird im quasi luftleeren Raum ein Familienexperiment durchexerziert. Was einst eine revolutionäre Zelle gewesen sein mag, ist nun zur gläsernen Zelle der Familie geworden. Wo die Eltern einst ihre eigene Wahrheit suchten, erstickt nun alles in den Lügen, mit denen die Untergrund-Existenz aufrecht erhalten werden muss – running on empty, weiter mit leerem Tank.

Man merkt schon, wie enorm tragfähig die Geschichte ist, die sich Petzold und Farocki ausgedacht haben, wie das Besondere immer ins Allgemeine mündet. Und wahrscheinlich könnte der Film ewig so weitergehen: mit dem Blick auf den trotzig verschlossenen Lebenshunger der Tochter (Julia Hummer), die mühsam antrainierte Härte der Mutter (Barbara Auer) und die hilflosen Gesten des Vaters (Richy Müller). Diese drei Schauspieler sind schon ein Abenteuer für sich, und ihre Kunst liegt darin, den Widerspruch einer unauffälligen Präsenz zu verkörpern, Unsichtbarkeit darzustellen und dennoch immer greifbar zu bleiben.

Dann kommen aber die Dinge in Bewegung: Das Mädchen lernt einen Deutschen kennen, der von einer leer stehenden Villa erzählt und in den sie sich verliebt; das Appartement mit dem Geld und den falschen Pässen wird ausgeraubt; man flieht nach Deutschland in die leere Villa, um alte Verstecke und alte Gefährten anzuzapfen. Die Eltern wollen nach Brasilien, das Mädchen will einen Freund. Die Alten wollen die Vergangenheit abschütteln, die Jugend will Gegenwart – beides zugleich geht nicht. Wenn das kein deutsches Dilemma ist.

Es gibt Momente in diesem Film, die wird man so schnell nicht mehr los: Wenn die Familie im Wagen an einer Kreuzung steht, deren Ampeln alle auf Rot schalten, und das Warten so lange dauert, bis kein Zweifel mehr zu bestehen scheint, dass es sich um eine Polizeiaktion handelt – und just in dem Moment, als der Vater mit erhobenen Händen aus dem Auto steigt, wird es grün.

Oder jener Moment, in dem endlich das alte Versteck ausgegraben wird und sich herausstellt, dass es sich bei dem Geld um alte, also unbrauchbare Banknoten handelt. Auch dies ist eines jener sprechenden Bilder, das wortlos zeigt, wie viel die Vergangenheit noch wert ist. Wenn man nochmal auf die Debatte zurückkommen will, dass damals mit anderer Münze gehandelt wurde. Und das Problem ist, dass keiner so recht zu wissen scheint, zu welchem Wechselkurs das Einst ins Jetzt getauscht werden darf. Der Film wird mit oder ohne Debatte überleben als bester deutscher Film des Jahres.

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