Im Innern des Wals

Eine Frau verläßt Ihren Mann; das war vor zehn Jahren. Jetzt schlägt der Mann seine Tochter, weil er Angst hat, daß sie wird wie ihre Mutter. Die privaten Probleme machen ihn im Beruf – der Mann ist Polizist – reizbar. Ein junger Musiker bekommt das zu spüren und reagiert darauf falsch, weil ihn seine Freundin gerade aus der Wohnung geworfen hat. Und da er nichts zu tun hat, folgt er dem Polizisten und bekommt dadurch mit, wie dessen Tochter von zu Hause abhaut. Er nimmt sie als Anhalterin mit und macht sich, weil er immer noch nicht weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll, mit ihr auf die Suche nach ihrer Mutter.

So beginnt Doris Dörries (MITTEN INS HERZ) zweiter Spielfilm IM INNERN DES WALS. Doch man bekommt sehr schnell mit, daß die Dinge nicht so einfach liegen, wie sie sich auf den ersten Blick darstellen. Eine Auflösung der Geschehnisse in kausale Zusammenhänge funktioniert nicht richtig, weil man damit den Personen Motive unterstellt, gegen die sie eigentlich ankämpfen. Unterschlagen werden dabei Widersprüche, die die Personen auch für sich selbst nicht lösen können und die sie überhaupt erst vorantreiben. Für den Film heißt das: Der Mann schlägt seine Tochter, weil er seine Frau liebt, die ihn verlassen hat, weil sie ihn liebt. Oder umgekehrt; denn wo Ursache und wo Wirkung liegen, ist oft nicht mehr auszumachen. Doris Dörrie sagt, weil Gefühle nicht logisch sind, bergen wahrhaftige Geschichten über Menschen immer auch eine Portion Unlogik. Womit sie an die Stelle des Verstehens das Verständnis setzt. Eine Einsicht, die dem Film förderlich ist, weil dadurch einseitige Psychologisierungen vermieden werden und Raum entsteht für die Gedanken der Zuschauer. So bewahrt Doris Dörrie das Rätselhafte, das Geheimnis, und interessiert uns für ihre Figuren.

Das zwingt die Personen natürlich nicht zum Schweigen. Vielmehr bemühen sich alle, ihr Verhalten zu erklären, auch wenn ihnen die rechten Worte oft nicht einfallen. Es wird viel, manchmal zuviel geredet und oft erklärt, was dem Zuschauer ohnehin längst klar war. Wobei Doris Dörrie dann Gefahr läuft, als „wahrhaftiges“ Abbild auszugeben, was in Wirklichkeit ihrer Erfindung und ihrem Willen unterworfen ist. Nicht immer scheint sie der Wirksamkeit ihrer Geschichte zu trauen; sie glaubt deshalb ohne Hinweis nicht auskommen zu können. Daß die Menschen auch in der Wirklichkeit ohnmächtig um Worte ringen und ihre Probleme mit Erklärungen einzukreisen versuchen, entbindet den Regisseur nicht davon, die Wirklichkeit zu formen. Zumal solch obskure Realismusvorstellungen hier durch die Stilisierungstendenzen geleugnet werden.

Der frustrierte Alleinerzieher (Peter Sattmann), die italophilo Emanzipierte (Silvia Reize), die Kindfrau (Janna Marangosoff), der verständnisvolle Musiker (Eisi Gulp): Was die Figuren als Typen stimmig macht, läßt aus echten Widersprüchen scheinbare werden. Doris Dörrie war sich dessen offenbar bewußt, denn man merkt dem Film an, daß sie dagegen ankämpft. Da sieht man dann, wie deutsches Kino mit amerikanischem, mit Schlagzeilenkino ringt. Doch anstatt ihn zu zerreißen, macht diese Uneinheitlichkeit den Film unvorhersehbarer und lebendiger.

Doris Dörrle vermeidet, bei ihrer äußeren Reise durch Norddeutschland auf eine innere zu verweisen. In erster Linie will sie mit IM INNERN DES WALS ein Road-Movie zeigen: wie Carla und Rick mit dem Auto unterwegs sind, was sie sich dabei zu erzählen haben und wie sie ihren Verfolgern, die an eine Entführung glauben, zu entkommen suchen. So wird aus ihrer Behelfsgemeinschaft eine Freundschaft. Wir bekommen vorgeführt, wie das klappen kann, wenn man sich nicht wie Carlas Eltern, durch falsche Bilder voneinander jede Annäherung verstellt. Gleichzeitig ist die Suche nach der Mutter Carlas Versuch, ein letztes Mal in die heile Welt der Kindheit zu gelangen. Nicht wissen zu müssen, was ein Erwachsener weiß: daß die Zeit der Unschuld, der Geborgenheit und des Staunens unwiderruflich vorbei ist. So bleibt die Sehnsucht nach dem großen, ausgestopften Wal, von dessen Herz sie weiß, daß es tonnenschwer ist – ein Bild, das im Film immer wiederkehrt-, ein Traum.

Was Doris Dörrie in IM INNERN DES WALS wagt, ist im deutschen Film selten. Sie erzählt eine geradlinige Geschichte, ohne deswegen amerikanische Vorbilder zu kopieren, sie nimmt sich Zeit, ihren Figuren zuzuschauen und will vor allem Antworten nicht erzwingen. Daß sich Leichtigkeit und Bemühtheit dabei manches Mal im Weg stehen, ist zu verschmerzen, denn hinter den Widersprüchen verbirgt sich der Charme des Films.

(In München im Rottmann.)

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03. Juni 1985 von marieundtom
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Schreibe einen Kommentar

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