21. Dezember 2001 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ich geh‘ nach Hause

Letzte Kulissengasse links

Wer das Theater satt hat: Michel Piccoli in Manoel de Oliveiras Film "Ich geh' nach Hause"

Der Mann ist dreiundneunzig Jahre alt, und man hat nicht den Eindruck, daß ihn das in irgendeiner Weise bremst. Mit schöner Regelmäßigkeit ist Manoel de Oliveira jedes Jahr auf den großen Festivals vertreten, was die Kenner freut und manche Kritiker nervt. Man könnte sagen, daß der Bewegungsradius des alten Portugiesen auch das Gelände seines Spätwerks umschreibt. Eine Bühnenhaftigkeit ist den Filmen oft zu eigen, die womöglich auch aus der Einsicht rührt, daß es im Kino nichts gibt, was sich nicht auch mit einfachsten Mitteln sagen ließe.

VOU PARA CASA heißt ICH GEH‘ NACH HAUSE, und das ist im Angesicht des Todes eine eindeutige Aussage. Vor dieser Folie scheint hier alles wie zum letzten Mal zu passieren, so daß man den Eindruck hat, dabei zusehen zu können, wie sich alle Formen des Lebens langsam entleeren. Ein große Müdigkeit liegt über diesem Film, die aber nichts Resignatives hat, ein Gleichmut, der alle Dinge miteinander ins reine bringt.

Michel Piccoli spielt den Helden des Films, welcher ihn keine Minute aus den Augen läßt. Als alternder Schauspieler gibt er anfangs auf der Bühne Ionescos sterbenden König, um dann hinter der Bühne zu erfahren, daß Frau, Tochter und Schwiegersohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind – zurück bleibt nur sein Enkel. Und Oliveira akzentuiert das Nebeneinander von Bühne, Leben und Tod, indem er vom König, der nicht sterben will, immer wieder auf die Todesboten in den Kulissen schneidet, die betreten darauf warten, ihre Schreckensnachricht zu überbringen.

Michel Piccoli zwischen Theater und Film, das sei wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, schrieb der französische Filmkritiker Charles Tesson, und bei Oliveira kann man sehen, wie sich die beiden Seelen in seiner Brust vereinen. Natürlich sind die Übergänge fließend, eine doppelte Spiegelung, wie jedesmal, wenn die Kunst selbstreflexiv wird und ein Schauspieler einen Schauspieler spielt.

Als Piccoli nach der Tragödie, deren unmittelbare Folgen Oliveira sanft ausspart, langsam ins Leben zurückkehrt, kauft er sich erst einmal neue Schuhe – das ist eine vielsagende, aber doch so kleine, alltägliche Geste, daß man fortan selbst auf neuen Schuhen durch den Film zu wandeln glaubt. Wie Oliveira durch die Schaufenster des Schuhladens das stumme Spiel zwischen Piccoli, Verkäufer und den Objekten seiner Begierde beobachtet, hat etwas zutiefst Rührendes – und es ist, als würde er dabei die Kunst des Kinos beschwören, das Nichtssagende zum Sprechen zu bringen. Man könnte auch sagen, daß der alte Mann in jenen Momenten durchscheinen läßt, daß er das ganze Theater satt hat.

Um Piccoli herum scheint der Film geradezu in Zeitlupe zu verfallen. Er ist das stille Zentrum im Pariser Durcheinander theatralischer Aufgeregtheiten, und Oliveira scheint nur noch im Blick zu haben, wie sich die Welt langsam von ihm zurückzieht. Genüßlich zeigt er das stumme Schauspiel des täglichen Bistrobesuchs, wo Piccoli mit seiner „Libération“ regelmäßig von einem Geschäftsmann mit dem „Figaro“ abgelöst wird – bis eines Tages ein Leser von „Le Monde“ die schöne Ordnung durcheinanderbringt.

Am Ende nimmt der alte Theatermann auf Drängen seines Agenten doch eine Filmrolle an – in einer Verfilmung des ULYSEES, bei der John Malkovich den Regisseur spielt – und muß dort vor dem Spiegel in der Garderobe mitansehen, wie er mit Schminke und Perücke in einen jüngeren Mann verwandelt wird. Und in dieser endlosen Szene kann man mitfühlen, wie der Schmerz in ihm hochkommt, als er im Spiegel erkennt, daß die Jugend für ihn nur noch Karikatur und Fratze bedeutet. Mit seinem gebrochenen Englisch spielt er den Buck Mulligan, aber seine Sätze entfallen ihm immer öfter.

Es gehe um einen Mann, der sein Gedächtnis verliert, sagt Oliveira. Mit seiner schwindenden Erinnerung geht dem alten Mann die Vergangenheit verloren – und damit auch die Zukunft. Am Ende hält er es auf dem Filmset nicht mehr aus und geht – wie der Titel schon sagt – einfach nach Hause, um sich auszuruhen. Vielleicht auch, um zu sterben. Seine neuen Schuhe sind ihm zu diesem Zeitpunkt längst schon gestohlen worden. So einfach und so schön kann man so etwas zeigen – aber vielleicht muß man dazu auch erst dreiundneunzig Jahre alt werden.

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