17. März 2010 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Green Zone

Männer ohne Mission

GREEN ZONE von Paul Greengrass

Wer gedacht hat, der Sieg von HURT LOCKER bei den Oscars würde die Neugier des Publikums auf Irak-Filme doch noch befeuern, ist an diesem Wochenende eines Besseren belehrt worden. Kathryn Bigelows Kriegsthriller war ja schon der Oscar-Gewinner mit dem niedrigsten Einspiel seit einem halben Jahrhundert – und auch GREEN ZONE ist in Amerika noch schlechter als befürchtet gestartet, obwohl die Paarung von Regisseur Paul Greengrass und seinem Star Matt Damon nach ihrer Zusammenarbeit bei zwei Teilen der Jason-Bourne-Trilogie bei Produktionskosten um die hundert Millionen Dollar deutlich mehr anvisierte als die neunzehn, die das erste Wochenende einbrachte.

Der Irak-Krieg bleibt also ein Thema, das die Amerikaner gern hinter sich lassen würden und dem sie sich sogar dann verweigern, wenn es ihnen als intelligentes Star-Action-Kino präsentiert wird. Denn GREEN ZONE ist ein Kriegsfilm, der die Paranoia-Thriller der siebziger Jahre mit dem hyperkinetischen Stil der Gegenwart versöhnt, den zurzeit kaum einer so virtuos beherrscht wie Paul Greengrass, der die Action-Fantasy des BOURNE ULTIMATUMS hier wie schon bei FLIGHT 93 in die Realität umzusetzen versucht.

Matt Damon spielt den Offizier Roy Miller, der mit seiner Einheit im Bagdad des Jahres 2003 nach den Massenvernichtungswaffen suchen soll. Aber jedes Mal, wenn er und seine Männer ihr Leben riskieren, machen sie die frustrierende Erfahrung, dass sich die Geheimdienstinformationen als falsch erweisen und sich das ABC-Waffenlager als aufgelassene Porzellanfabrik entpuppt oder sie vergeblich ein Fußballfeld umgraben, wo sie außer Staub nichts finden. Auf Millers Nachfragen reagieren die Vorgesetzten gereizt, verweisen auf Quellen, die anonym bleiben müssen, und bescheiden ihm, er solle einfach seinen Job erledigen.

Das ist zunächst einmal noch keine Wendung, die über die Konstellation vom aufrechten Soldaten und den gesichtslosen Handlangern der Macht in Washington hinausgeht, und die Art und Weise, wie Greengrass von Anfang an die permanent unruhig tastende Kamera von Barry Ackroyd (der übrigens auch THE HURT LOCKER fotografiert hat) einsetzt, weckt bald die Sehnsucht nach Zeiten, als Action sich auch weniger hektisch vermitteln ließ.

Doch Greengrass gelingt wieder einmal das Kunststück, dass man bald vom Sog erfasst wird und ohnehin nicht mehr links noch rechts gucken kann, weil die Handlung so atemlos nach vorn drängt. Denn Miller steht bald zwischen den Fronten von Pentagon und CIA, verkörpert durch Greg Kinnear auf der einen und Brendan Gleeson auf der anderen Seite, und die Entscheidung Millers für eine der beiden Seiten ist dabei durchaus ambivalent. Das Gesetz des Handelns sieht in diesem Genre jedoch nicht vor, dass die Konsequenzen noch einmal überdacht würden, sobald sich der Held in Bewegung gesetzt hat. Und so sieht man sich plötzlich in der ungewohnten Situation, mit einem Helden um eine Mission zu bangen, deren Ziele allenfalls weniger dubios sind, als sie es im Falle der Alternative wären.

Wobei die Jagd auf Leben und Tod durch die nächtlichen Straßen Bagdads ihresgleichen suchen, was die Mischung von blinder Hektik und topographischem Überblick angeht. Bei Greengrass ist der Krieg keine Droge, er ist eigentlich noch nicht einmal eine Option – und am Ende erhebt sich die Kamera und zeigt ganz lakonisch, worum es wirklich ging: die Ölraffinerien.

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