03. Mai 2002 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Elling

Fingerschnippen genügt

Petter Næss' Nervenheilkomödie ELLING im Kino

Zwei Männer, eine Wohnung – daraus machte Neil Simon in THE ODD COUPLE eine Komödie am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der norwegische Regisseur Petter Næss rollt die Geschichte von hinten auf: Seine beiden Helden haben den Zusammenbruch schon hinter sich und werden aus der Nervenheilanstalt entlassen, um aus einer gemeinsamen Wohnung zurück ins Leben zu finden – eine Tragödie am Rande der Alltäglichkeit.

ELLING basiert auf einer Reihe von Romanen des in Hamburg lebenden norwegischen Schriftstellers Ingvar Ambjørnsen, aus denen Næss erst ein Theaterstück und dann diesen Spielfilm gemacht hat, der in Norwegen der erfolgreichste Film seit fünfundzwanzig Jahren wurde und im März sogar für den Oscar nominiert war. Wenn man nach Gründen für den Erfolg sucht, könnte man vielleicht sagen, daß sich Næss die Sache nicht schwerer als nötig macht, ohne Gefahr zu laufen, die Situation der beiden auf die leichte Schulter zu nehmen. Allerdings hat man den Eindruck, daß sogar ein Film wie RAIN MAN seinen Helden als Patienten letztlich ernster nimmt und eher bereit ist, dorthin zu gehen, wo es weh tut. Andererseits ist man manchmal ganz froh, wenn ein Film die ausgetretenen Pfade der Nervenheildramaturgie meidet.

Elling (Per Christian Ellefsen) wurde vierzig Jahre lang bemuttert, und als die Mutter starb, war er völlig lebensunfähig – auch nach der Entlassung schreckt ihn jeglicher Kontakt mit der Außenwelt, und selbst ein klingelndes Telefon empfindet er schon als Bedrohung. Sein Wohnungsgenosse Kjell Bjarne (Sven Nordin) wiederum hat nur Essen und Sex im Kopf und neigt in schwierigen Situationen dazu, seinen Schädel gegen die Wand zu schlagen. Seine Mutter, heißt es, sei Alkoholikerin gewesen, aber man kann nicht behaupten, daß sich der Film mit den Krankheitsgeschichten der beiden länger als nötig aufhielte. Letztlich geht es um die simple Geometrie der Konstruktion dieses seltsamen Paares: der eine vogelgesichtig und ordnungsfanatisch, der andere grobschlächtig und freßsüchtig. Und wie es sich für eine richtige Männerwirtschaft gehört, tritt eine Frau ins Leben der beiden – und sie tut das mit einem großen Plumps, weil sie am Weihnachtsabend sturzbetrunken und hochschwanger im Treppenhaus der Männer zu Fall kommt.

Elling ist es, der diese Geschichte aus dem Off erzählt, aber dadurch entsteht auch keine neue Perspektive, sondern es ist eher ein Versuch, gewisse Lücken in der Erzählung zu stopfen. Aber es sind manchmal genau die Lücken, die den Charme von ELLING ausmachen. Einmal zum Beispiel steht der Held am Pissoir neben einem Mann, aber der Strahl läßt auf sich warten. Da wird es dem Nebenmann zu bunt, er schnippt spontan mit dem Finger – und es läuft bei beiden. Das ist eben auch eine Art, im Kino Probleme zu lösen: mit einem Fingerschnippen.

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