23. Oktober 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ein (un)möglicher Härtefall

Scheiden muß weh tun

Wie zwei einander umkreisen: Joel und Ethan Coens Filmkomödie EIN (UN)MÖGLICHER HÄRTEFALL

Die Brüder Joel und Ethan Coen können einfach alles. Ob Komödie oder Thriller, Großstadt oder Provinz, Schwarzweiß oder Farbe, stets finden sie einen Dreh, vertraute Muster in anderem Licht erscheinen zu lassen, den Dingen einen neuen Glanz abzugewinnen und ihre Geschichten mit zusätzlichen Verrücktheiten zu versehen. Das ist womöglich ihr Problem. Sie können einfach nicht lockerlassen. Ihre Filme wollen Originalität um jeden Preis. Manchmal sind sie tatsächlich originell, genauso oft wirken sie bemüht, und nur selten kommt etwas wirklich von Herzen. So gesehen, ist eine Komödie um einen Scheidungsanwalt genau der richtige Stoff für sie.

Scheidungen sind schon zu Zeiten der Screwball Comedy ein beliebtes Thema gewesen, es gibt sogar ein eigenes Untergenre der Comedy of Remarriage, aber aus der Sicht des Anwalts hat sich wahrscheinlich noch keiner der Sache angenommen. Jedenfalls ist klar, daß sich die Coens diesmal an Vorbilder wie Preston Sturges halten, der es an Verrücktheit mit der Generation seiner Enkel locker aufnehmen konnte, was diese jedoch nicht daran hindert, immer noch eins draufzusetzen.

Eine eiserne Regel großer Komödien lautet, daß die Kamera nach Möglichkeit nicht versuchen sollte, witziger sein zu wollen als die Situation selbst. Allerdings muß man Lubitsch davon ausnehmen, dessen Touch gerne darin bestand, daß die Kamera entscheidende Dinge nicht zeigte. Die Coens hindert das jedoch nicht daran, immer wieder mal Leute aus Untersicht oder Schauplätze im Weitwinkel zu zeigen, damit man gleich weiß, woran man ist. Da solche exzentrischen Perspektiven aber mittlerweile an der Tagesordnung sind, verpufft ihr Effekt ohnehin schnell.

Trotzdem gelingt es den Coens nicht, durch solche Mätzchen den Spaß richtig zu verderben, weil sie an der entscheidenden Stelle alles richtig gemacht haben. Die Besetzung der Hauptrollen mit George Clooney und Catherine Zeta-Jones erweist sich als solcher Coup, daß man mitunter tatsächlich vergißt, daß die besten Zeiten der Screwball Comedy längst vergangen sind. Clooney, der schon in O BROTHER, WHERE ART THOU? für die Coens gearbeitet hat, ist wahrscheinlich der einzige Star, dessen Intelligenz und Selbstironie es ihm erlauben, die Grenzen der Lächerlichkeit so gnadenlos auszuloten, ohne daran Schaden zu nehmen. Obwohl er als Scheidungsanwalt Miles Massey, dessen wasserdichte Eheverträge so legendär sind wie sein perlweißes Haifischgrinsen, bis zur Karikatur überzeichnet ist, wandelt er mit jener Leichtfüßigkeit durch die Rolle, die einst Leute wie Cary Grant an den Tag legten, wenn sie vertrottelte Paläontologen spielen mußten. Ihm gehen mit einer Selbstverständlichkeit Sätze von den Lippen, an denen andere sich schnell den Mund verbrennen würden.

An INTOLERABLE CRUELTY (Originaltitel) kann man sehen, daß George Clooney nicht nur äußerlich an Stars wie Clark Gable erinnert, sondern tatsächlich auch deren Qualitäten besitzt, bigger than life zu sein. Und wenn er dann durch die Liebe oder das, was er dafür hält, geläutert eine Rede vor seinesgleichen hält und einen ganzen Saal von berufsbedingten Zynikern bekehrt, dann schafft er es, den Witz der Situation auszuspielen und trotzdem keinen Zweifel an der Echtheit seiner Gefühle aufkommen zu lassen, wenn er mit dem furiosen Bekenntnis endet: „Love is good!“ Das ist genau das, was den Coen-Brüdern meistens nicht gelingt, in diesem Fall aber natürlich trotzdem ihrer Kunstfertigkeit zu verdanken ist. Was sie können, stand noch nie unter Zweifel, die Frage war nur immer, warum ihr ganzes Können so selten zu Herzen geht.

Catherine Zeta-Jones war bislang ohnehin immer dann am besten, wenn sie Herzenskälte spielen durfte, wenn sie die ganze Fülle ihrer strengen Schönheit in den Dienst ihrer Gier stellen konnte. Als Marilyn Rexroth in EIN (UN)MÖGLICHER HÄRTEFALL läßt sie ebenfalls niemals Zweifel an ihren niederen Absichten zu, aber schon beim ersten Zusammentreffen von Clooney und Zeta-Jones funkt es auf eine Art und Weise, daß man ihnen wider besseres Wissen das Beste für die Zukunft wünscht. Auch wenn man nicht weiß, was aus dieser Liebe eigentlich erwachsen sollte – die beiden sind einander zumindest gewachsen. Und zwar auf eine Weise, daß man sich fragt, warum die Coens ihre Zeit mit uninteressanten Nebenfiguren verschwenden, wo alle doch nur eines sehen wollen: wie sich Clooney und Zeta-Jones umkreisen und umgarnen, beschnuppern und belauern, immer auf der Suche nach einer Schwäche des anderen.

Das alles – und das ist durchaus im Sinne von Sturges – kann natürlich nur im Slapstick enden. Aber selbst das kriegen die Coens manierlich hin. So haben sie nun also bewiesen, daß sie auch nach einem fremden Drehbuch für einen großen Produzenten arbeiten können. Es ist ein amüsanter Film daraus geworden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

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