09. Juli 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Drei Engel für Charlie (2)

Gib Gas, wir wollen Spaß

Fast food für die Augen: DREI ENGEL FÜR CHARLIE - VOLLE POWER ist der erste Trailer in Spielfilmlänge

Bei Filmen dieser Größenordnung ist die Vermarktung bereits die halbe Miete. Mindestens. Wie gut sie wirklich sind, spielt erst in zweiter Linie eine Rolle. Höchstens. Der erste Film vertraute auf den Werbeplakaten wie schon die Fernsehserie auf die Silhouetten der drei Engel. Wobei in den Siebzigern das unverwechselbare Merkmal die Frisuren waren, die der Sache die Krone aufsetzten. Die absolute Krönung war natürlich die Mähne von Farrah Fawcett. Obwohl also Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu mitspielten, verzichtete man aus Werbezwecken auf ihre Gesichter und setzte ganz aufs Markenzeichen: den Schattenriß dreier Frauen, die sich nicht mehr durch ihren Haarschnitt auszeichneten, sondern durch ihre Attitüde.

Für den zweiten Teil hat man das Spiel mit der Starpower noch etwas verfeinert. Auf den Plakaten dreht das Trio dem Betrachter sogar den Rücken zu, und die zwei abgespreizten Finger von Cameron Diaz müssen genügen, damit man sich einen Reim auf die Sache machen kann.

Mehr muß man auch wirklich nicht wissen. Schon Cameron Diaz sagte unlängst in einem Interview, sie habe es satt, dauernd nach der Geschichte befragt zu werden; schließlich gehe es doch allein darum, hübschen Frauen dabei zuzusehen, wie sie im Bikini von Hochhäusern springen. Truffaut hätte das etwas anders formuliert, aber es läuft aufs gleiche hinaus. Daß die drei Engel diesmal hinter zwei Ringen her sind, auf denen verschlüsselt die wahren Identitäten der Teilnehmer des amerikanischen Zeugenschutzprogramms eingraviert sind, ist nicht nur völlig nachrangig – es spielt wirklich überhaupt keine Rolle mehr. Man muß das als Vorteil begreifen, denn es entbindet den Film von der zunehmend lästigen Pflichterfüllung, zum Ende hin die losen Enden der Geschichte wieder aufzugreifen und mehr oder minder umständlich zu verknoten. Man kann sich beim Sprung vom Hochhaus also ganz auf die Damen und ihre Bikinis konzentrieren und muß nicht grübeln, warum sie überhaupt springen.

Schon im Teaser, der dem längeren Trailer als Appetithappen vorausgeschickt wurde, konnte man sehen, wie die drei Engel in einem Militärtransporter über einen Staudamm fahren, einer Panzerfaust ausweichen, in die Tiefe stürzen, im Fallen aus dem Führerhaus klettern und in den Hubschrauber umsteigen, den der Transporter geladen hatte, um kurz vor dem Aufprall noch die Kurve zu kriegen und davonzufliegen. Man würde annehmen, daß diese Szene der kostspielige Höhepunkt des Spektakels ist, bei dem es kein Actionfilm mit der Wahrscheinlichkeit so genau nimmt – statt dessen beginnt der Film mit dieser Szene, und die Vorspanntitel kommen erst danach. Wenn also je das alte Hollywoodgesetz, wonach ein Film mit einer Explosion beginnen und sich dann langsam steigern muß, eine angemessene Umsetzung erfahren hat, dann hier. Der Untertitel VOLLE POWER ist ausnahmsweise kein leeres Versprechen.

Es handelt sich allerdings eher um Frauenpower als um jene Action, die mit aller Macht zur Explosion drängt. Die drei Engel haben die Lektion gelernt, mit der es auch Madonna geschafft hat, die Zügel in der Hand zu halten und die Männer an der Nase herumzuführen: Man muß nur schnell genug die Posen und Verkleidungen wechseln, um dem Vorwurf sexueller Ausbeutung zu entgehen. Es kann also in diesem Film durchaus passieren, daß die drei im Bikini vom Hochhaus springen, aber bereits bei der Landung ein anderes Outfit tragen. So schnell kann man gar nicht schauen, wie die drei ihre Kleidung wechseln. In dieser Peepshow geben tatsächlich die Engel den Ton an.

Der Regisseur Joseph McGinty Nichol, der sich mit Videoclips einen Namen machte, nennt sich nur noch McG, und tatsächlich sind seine beiden Folgen von CHARLIE’S ANGELS Fast food für die Augen. Wo der erste Teil in seiner Atemlosigkeit noch nervte, hat man sich nun entweder an diese Art des Filmemachens gewöhnt, oder es ist McG tatsächlich gelungen, einen Film zu machen, der hinter den Versprechungen des Trailers nicht zurückbleibt, sondern den Zustand andauernder Verheißung auf Spielfilmlänge dehnt. Mag sein, daß das mit dem herkömmlichen Verständnis von Filmemachen nur noch wenig zu tun hat; aber es ist eben auch die gelungene Umsetzung eines durch Videoclips veränderten Sehverhaltens. Natürlich ist VOLLE POWER nichts als ein langer Clip, aber als solcher bleibt er hinter seinen Ambitionen keinen Schritt zurück. Falls sich darunter jemand etwas vorstellen kann, kommt er dem am nächsten, was Tom Wolfe einst ein „bonbonfarbenes tangerinerot-gespritztes Stromlinienbaby“ genannt hat.

Der Film beginnt in einer Hütte voll betrunkener Mongolen, und nachdem die drei Engel dieser Art fröhlichem Hollywood-Rassismus die Zunge rausgestreckt haben, wechselt er auf einen Moto-Cross-Kurs, in eine Wrestling-Arena, an den Surferstrand und überall dorthin, wo sich die Frauen zu Wasser, zu Lande und in der Luft bewähren können. Und noch schneller, als die drei ihre Verkleidungen wechseln können, spult McG die Verweise ans Popkino des letzten Vierteljahrhunderts herunter. Er verbeugt sich nicht nur vor dem Fernsehoriginal, indem er Jaclyn Smith im Heiligenschein auftreten läßt, sondern überrascht auch durch einen Besetzungscoup, der mehr sagt als tausend Worte: Nach sechsjähriger Leinwandabstinenz ist Demi Moore wieder zu sehen, die als gefallener Engel dem Trio Paroli bietet. Demi Moores Karriere zeigt wie keine andere aus dem letzten Jahrzehnt, was passiert, wenn man Hollywoods unmoralische Angebote akzeptiert.

Für STRIPTEASE und G.I. JANE hat sie ihren Körper nach dem Image einer Frau geformt, die zu genau weiß, was sie will. Gerade darum ist es so anrührend und erregend, sie nun als teuflische Konkurrentin der Engel zu erleben. Und womöglich liegt in dieser Rivalität nicht nur der Witz des Films, sondern auch seine Errungenschaft: Auf der einen Seite die Frau, die keinen Spaß versteht – auf der anderen die Mädels, die sich über alles lustig machen, vor allem über Männer, die stets etwas schwer von Begriff sind.

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