24. Dezember 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Down with Love

Die Jungfrauenmaschine

Doris Day und Rock Hudson lassen allerzüchtigst grüßen: DOWN WITH LOVE im Kino

Wer hätte gedacht, daß der heimliche Star des Jahres 2003 ausgerechnet Rock Hudson sein würde, ein Schauspieler, der für alles mögliche berühmt war, aber sicher nicht für die Haltbarkeit seiner Ausstrahlung. Wenn sich Robbie Williams und Steven Soderbergh vor dem Rat Pack verbeugen, dann kann man das nachvollziehen, weil dessen Coolness noch heute jeden Martini kühlen könnte und außerdem derlei Vorstellungen eines gelungenen Abends einen Schlag ins Gesicht heutiger Benimmregeln und Gesundheitsbedenken darstellt. Rock Hudson hingegen verkörperte zu jenen Zeiten in jeder Hinsicht das Gegenteil, auch wenn er hinter dieser Fassade ein anderes Leben führte: Er war der ideale Schwiegersohn, ein Fels, auf den man eine Ehe bauen konnte. Seinem Publikum ist er durch eine bestimmte Art von Filmen zwar ans Herz gewachsen, dennoch wurden seine Qualitäten seither beständig unterschätzt. Nicht einmal seine Wiederauferstehung im Kino dieses Jahres, ist wirklich mit einer Neubewertung seiner Rolle einhergegangen. Fast wirkt es so, als sei sein spätes Outing auch einzig ein weiteres Gefängnis, weil in ihm fortan nur ein Mann gesehen wurde, der seine Sehnsüchte seiner Karriere geopfert hatte. Dabei hat er das, was ihm an schauspielerischer Ausdruckskraft fehlte, durch schiere Präsenz wettgemacht.

Im März also kam FAR FROM HEAVEN in unsere Kinos, ein Film, in dem sich Todd Haynes vor den Melodramen Douglas Sirks aus den späten Fünfzigern nicht nur verbeugte, sondern sie so minuziös und liebevoll nachstellte, daß man fast von einem Remake sprechen konnte. Daß Rock Hudson in den meisten der Vorlagen die Hauptrolle spielte, blieb weitgehend unerwähnt. Jetzt läuft bei uns der Film DOWN WITH LOVE an, der sich zu den sogenannten Sex Comedies der Sechziger genauso verhält wie FAR FROM HEAVEN zu seinen Vorbildern – und auch jene Filme waren ohne Rock Hudson nicht vorstellbar, obwohl natürlich ihre besondere Mischung von Anzüglichkeit und Jungfräulichkeit vor allem von Doris Day verkörpert wurde. Aber es war eben ihr Partner, der in der fiebrigen Welt von Sirk genauso zu Hause war wie in den properen Beziehungskomödien.

Die drei Filme, die Doris Day und Rock Hudson zu den zugkräftigsten Stars jener Jahre machten, waren BETTGEFLÜSTER (1959), EIN PYJAMA FÜR ZWEI (1961) und SCHICK MIR KEINE BLUMEN (1964) – und sie hießen Sex Comedies, weil es immer nur um das eine ging, obwohl schon der Gedanke daran unter Strafe zu stehen schien. Das „Time Magazine“ schrieb damals, die beiden Darsteller sähen „weniger wie Wesen aus Fleisch und Blut aus als vielmehr wie ein Paar Cadillacs, die zufällig in zweideutiger Stellung nebeneinander geparkt wurden“. Die Filme waren eine Leistungsschau der amerikanischen Möbel- und Modeindustrie, alles an ihnen war Ausstattung und Kostüm, Cinemascope und Technicolor – und genau das ist es, was den Regisseur Peyton Reed an DOWN WITH LOVE vor allem interessiert hat. Sein Film ist eine Mimikry, deren Sinn weniger in einer Neubewertung besteht, obwohl sie sich aufdrängt, als in ihrer Freude an der schieren Oberflächlichkeit des Unterfangens.

Das Studiosignet, die Vorspanntitel, die Erzählerstimme, die Farben, das Format, alles ist den Vorbildern nachempfunden, und es ist so, als würden die eigenen Erinnerungen an vergangene Filmnachmittage runderneuert. Renée Zellweger spielt ein Landei, das nach New York kommt und mit einem Ratgeberbuch für Frauen Furore macht: Es handelt von Selbstverwirklichung durch sexuelle Emanzipation. Ewan McGregor ist ein Starjournalist, dessen Enthüllung darin bestehen soll, daß er die Bestsellerautorin verführt und damit den Traum von der sexuellen Gleichstellung zum Platzen bringt. Um nicht ihren Argwohn zu wecken, gibt er sich selbst als unbedarften Provinzler aus – wie einst Rock Hudson.

Natürlich ist es ein Vergnügen, McGregor dabei zuzusehen, wie er sich in die Doppelrolle hineinschraubt, aber bei seinen mimischen Anstrengungen, seiner kaum unterdrückten nervösen Energie realisiert man auch, mit welcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit Rock Hudson Verführer und Verführten verkörperte. Zellweger in ihrer eigentümlichen Puppenhaftigkeit kommt Doris Day auf unangestrengtere Art nahe, obwohl sie den Hang des Vorbilds zur Empörung eher verdruckst nachstellt. Wesentlich überzeugender wirken ihre Sidekicks, Sarah Paulson als Lektorin und vor allem David Hyde Pierce aus FRASIER, der als verklemmter Verleger allen die Schau stiehlt und seinem Vorbild Tony Randall so nahe kommt wie allenfalls Randall selbst, der hier sogar noch in einer kleinen Nebenrolle auftaucht.

DOWN WITH LOVE ist also ein ziemlich ungetrübter Spaß, der sich zu großen Teilen der Kamera von Jeff Cronenweth, der Ausstattung von Andrew Laws, den Kostümen von Daniel Orlandi und der Musik von Marc Shaiman verdankt, der nur gegen Ende etwas schal wird, weil die Geschichte nach und nach zur Blaupause verkümmert, statt neue Akzente zu setzen. So beginnt man sich zu fragen, ob sich seit 1962 wirklich nichts geändert hat zwischen Mann und Frau. Und wenn man im Abspann Renée Zellweger und Ewan McGregor sieht, wie sie „Here’s to Love“ vortragen, weiß man, was in der bonbonfarbenen Popwelt bis dahin gefehlt hat: Es hat zwischen den beiden die ganze Zeit nie wirklich gefunkt. Aber andererseits kann man das von Doris Day und Rock Hudson auch nicht wirklich behaupten.

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