19. Mai 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Dancer In The Dark

Das Kino sieht nur die Hälfte der Wahrheit

Die heimliche Königin von Cannes und ihre Nachfolgerin: Catherine Deneuve und Björk

In Cannes kann es passieren, dass man vor einem Lift steht und die Türe auf geht und man plötzlich einer Frau mit blonder Mähne und getönten Brillengläsern gegenüber steht und erkennt: Das ist Catherine Deneuve. Sie erscheint zu einer Sondervorführung von Taverniers DAS LEBEN UND NICHTS ANDERES, mit der ihr Freund Philippe Noiret geehrt wird, weil ihm die Rolle in diesem Film die liebste war, und außer ihr sind auch Annie Girardot und Sabine Azema gekommen, um dem wunderbaren Schauspieler die Reverenz zu erweisen. Aber nur bei der Deneuve entsteht im Saal jene Ehrfurcht, bei der die Leute einander verstohlen anstoßen und selbst aus der Distanz nur zu flüstern wagen, weil die Gegenwart des Stars so einschüchternd ist. Die Aufmerksamkeit wird wie Kompassnadeln von einem Magneten auf sie gelenkt – und einen Moment lang spürt man das Grauen, das mit diesem Verlust von Anonymität einhergehen muss.

1988 stand der taiwanesische Regisseur Edward Yang in Paris vor einem Aufzug, die Tür ging auf – und heraus kam Catherine Deneuve. Dieser kurze Moment hat ihn so beeindruckt, dass er davon Jahre später zu einer zentralen Szene seines Films YI YI inspiriert wurde. Eine Lifttür geht auf, eine Frau tritt heraus – und blickt dem Mann in die Augen, der vor 30 Jahren ihre große Liebe war und sie hat sitzen lassen. Es dauert einige Zeit, bis dieser Zufall in dem Film an Schwerkraft gewinnt, aber weil es um Menschen geht, die einen Punkt in ihrem Leben erreicht haben, wo sie die Orientierung verlieren, wird dieses verlorene Glück noch einmal verhandelt.

YI YI beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einer Beerdigung – es geht also ums Ganze. Dazwischen kreuzen sich Schicksale aus verschiedenen Generationen einer Familie: Der Mann ist beruflich in einer Krise, die Schwiegermutter hat einen Herzinfarkt, die Frau geht ins Kloster, der kleine Sohn hat in der Schule Probleme. Die Geschichten sind im Grunde weniger aufregend als die Art, wie Yang sie in Szene setzt. Seine Kamera rückt gerne von den Personen ab, zeigt sie als Figuren im städtischen Ambiente, so als sei es die Stadt Taipeh selbst, die hier ihre Geschichten erzählt. Diese Kompositionen tragen nicht durchgehend zweieinhalb Stunden, aber Yang gelingen mehr Momente von Poesie und Zärtlichkeit als seinen asiatischen Kollegen im Wettbewerb: dem Japaner Nagisa Oshima in TABU etwa oder dem Koreaner Im Kwon Taek in CHUNHYANG, die beide in so schönen wie starren Tableaus Vergangenheit heraufbeschwören, die sich der Gegenwart verschließen. Man könnte auch sagen: vor ihr fliehen.

Verrückte Mathematik

Man weiß nicht, welches Erlebnis Lars von Trier mit Catherine Deneuve hatte – wahrscheinlich hat er einen ihrer Auftritte in DIE REGENSCHIRME VON CHERBOURG oder DIE DAMEN VON ROCHEFORT gesehen, wo sie gesungen und getanzt hat. Jedenfalls spielt sie in seinem neuen Film DANCER IN THE DARK mit und hat darin auch einen wunderbaren Moment: Da sitzt sie mit ihrer fast blinden Arbeitskollegin Selma im Kino, und als Selma sie fragt, was gerade auf der Leinwand zu sehen ist, nimmt die Deneuve Selmas Hand und macht mit den Fingern darauf kleine Trippelschritte wie die Tänzerinnen in dem Musical aus den Dreißigern. Das ist ihre größte, schönste Szene – ansonsten gehört der Film vollständig jener Selma, gespielt von der isländischen Sängerin, dem Popstar Björk, deren Gesicht sämtliche Zeitschriften hier ziert. Zu Recht.

DANCER IN THE DARK ist auch ein Musical, aber eines, das sich Hollywood nie hätte träumen lassen. Björk hat die Musik geschrieben, und statt diese Nummern im schwebenden Stil des Genres zu inszenieren, entwickelt Trier eine Choreografie, die den nervösen Bewegungen der Videokamera und Björks sich überschlagender Stimme zu entspringen scheint. Eingebettet hat er das Ganze in ein Melodram, das so hanebüchen ist, wie es das Genre erfordert. Das ist der einzige Berührungspunkt mit den Regeln des DOGMA, mit denen Trier und seine dänischen Kollegen zuletzt die Filmwelt in Atem gehalten haben: Musical, Melo und Dogma funktionieren nur, wenn man sie gnadenlos ernst nimmt, unbewegt bis zu ihrem blutigen Ende geht, ohne auch nur mit den Augen zu zwinkern.

In diesem Fall heißt das: Die erblindende tschechische Flüchtlingsmutter Selma arbeitet Tag und Nacht in einer amerikanischen Fabrik, um das Geld für die Operation ihres an der gleichen Augenkrankheit leidenden Sohnes zusammenzusparen. Weil sie sonst ihren Job verlieren würde, darf sie niemandem von ihrer Erblindung etwas verraten – und als sie es ihrem freundlichen Vermieter doch gesteht, stiehlt der ihr Geld. Weil der Regisseur die Presse gebeten hat, das Ende nicht zu verraten, begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass es noch toller kommt. Wichtiger ist ohnehin, wie es der Däne immer wieder schafft, das Kino auf seine Essenz zu reduzieren und jedesmal überraschende Wirkungen zu erzielen. Auf den ersten Blick wirken seine Filme immer wie reine Mathematik, auf den zweiten denkt man, dass ein Wahnsinniger am Werk sein muss, und auf den dritten sieht man, dass er gegen jede Wahrscheinlichkeit zu den richtigen Ergebnissen kommt – verrückte Mathematik.

Dass DANCER IN THE DARK so faszinierend ist, liegt aber im selben Maße an Björk, die nicht nur fantastische Musik komponiert hat, sondern auch als Schauspielerin eine Entdeckung ist. Dabei hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie diese Erfahrung gehasst hat und garantiert nie wieder vor die Kamera treten wird – und dabei klingt die neue Königin von Cannes so, als würde sie sich auch von einem Preis für die beste Schauspielerin nicht umstimmen lassen. Vielleicht hat sie gespürt, dass ihr die Kamera näher kommt, als ihr lieb ist. Das, was man zeigen will, ist eben nur die halbe Wahrheit – und das, was die Kamera sieht, die andere Hälfte. Das hat auch der kleine Sohn in YI YI erkannt: „Ist das nicht nur die halbe Wahrheit, wenn wir immer nur sehen können, was vor uns ist, aber nie das, was in unserem Rücken geschieht?” Das kann man durchaus als Losungsspruch für das Festival in Cannes gelten lassen.

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