06. März 2005 | Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | Filmkritiken, Rezension | Creep

Schrei, Lola, schrei!

In CREEP wird der Horrorfilm zwar nicht neu erfunden, aber Franka Potente macht als Opfer eine gute Figur.

Als wir einst auszogen, um im Kino das Fürchten zu lernen, haben wir Dinge gesehen, bei denen uns beinahe Hören und Sehen vergangen wäre. Aber wir wollten das so. Immer schön tapfer bleiben, die Augen offenhalten, hart sein – härter als die anderen jedenfalls. Wer das Kino liebt, dachten wir, der liebt es mit Haut und Haaren und muß das aushalten. Der wahre Kenner hält sich nicht nur in den oberen Etagen der Filmkunst auf, sondern muß sich auch trauen, in den Keller hinabzusteigen, wo die Dunkelheit noch jene Schrecken birgt, die in der Kindheit unterm Bett lauerten. In jener Finsternis, wo die Vernunft nichts mehr auszurichten vermag, sahen wir Köpfe explodieren, Gedärme hervorquellen, Augen platzen. Die Filme hießen TEXAS CHAINSAW MASSACRE, PARASITEN-MÖRDER oder einfach nur ZOMBIE. Man wurde durch sie kein besserer Mensch und sicher auch nicht klüger, aber offenbar wurde in ihnen etwas zum Ausdruck gebracht, was anders nicht zu haben war. All dieses Wüten gegen den menschlichen Körper und das Fleisch schien von einer Vorahnung getrieben, daß wir in eine Zukunft steuerten, der nach und nach alle Körperlichkeit ausgetrieben würde. Eine Art analoger Overkill vor dem Übergang ins digitale Zeitalter.

Dann verschwanden diese Filme so plötzlich, wie sie gekommen waren. Wie ein Rudel räudiger Hunde, die kläffend im Dorf auftauchen und dann wieder in den Wald verschwinden. Natürlich hatte es vorher Horrorfilme gegeben, und es gab sie auch weiterhin. Aber in den späten Siebzigern waren sie wie von einer Tollwut getrieben, an ihre und unsere Grenzen zu gehen, gegen die der Impfstoff noch nicht gefunden war. Es kam, wie es in dieser Branche immer kommt. Die Regisseure wurden vom Mainstream geschluckt, der den besseren unter ihnen ermöglichte, höhere Ambitionen zu verwirklichen, und den Rest einfach wieder ausspuckte. Die stilbewußten Achtziger trieben dem Genre ohnehin den letzten Rest von Räudigkeit aus und überführten es in die zwanghafte Ordentlichkeit von Serienmörderfilmen oder in die enzyklopädische Ironie nicht totzukriegender Wiederholungstäter, die dann von SCREAM aufgegriffen wurde. Der Horrorfilm zerteilt sich ohnehin mehr als andere in Subgenres, die das Böse katalogisieren, als könnten sie dadurch seiner Herr werden. Am Ende zählt nur der pure Terror, der unbedingte Wille zu einer Bösartigkeit, die der Phantasie alle Ausgänge verrammelt.

Was das angeht, ist CREEP tatsächlich ein Wiedergänger des guten alten Horrorfilms, denn Regisseur Christopher Smith kennt seine Vorbilder gut genug, um auf alle augenzwinkernden Reverenzen verzichten zu können. Er möchte uns einfach nur das Fürchten lehren, und über weite Strecken gelingt ihm das auch ganz gut. Ungewöhnlich ist daran vor allem, daß er in Franka Potente eine Heldin hat, die einem internationalen Star näher kommt, als man das vom Genre gewohnt ist. Und noch ungewöhnlicher ist, daß sich Franka Potente zwischen ihren beiden BOURNE-Filmen mit Matt Damon darauf eingelassen hat, in einem Genre mitzuwirken, das ihr zwar mit „Anatomie“ in Deutschland schon mal Erfolg beschert hat, aber in der Regel hübsche Debütantinnen mit Haut und Haaren verspeist und von ihnen nicht recht viel mehr übrigläßt als eine Blutspur in der Erinnerung der Zuschauer.

Franka Potente zäumt das Pferd von hinten auf, indem sie ihren seriös errungenen Ruhm in ein durch und durch unseriöses Genre einbringt. Daß sie sich darauf eingelassen hat, spricht natürlich unbedingt für sie, auch wenn sich darin unter Umständen nur abbildet, daß sie mit ihrer Karriere in der Zwickmühle steckt: zwischen internationalen Filmen, in denen ihre Rollen zu klein sind, und großen deutschen Rollen, in denen die Filme zu klein sind. CREEP ist eine englisch-deutsche Koproduktion, in London und Köln gedreht, und Franka Potente hat screen time, die einem Star gebührt, doch ihr wird auf eine Art zugesetzt, die kein Agent einem Star zumuten würde. Das ist mutig – und auch sehr smart.

Franka Potente spielt Kate, eine Deutsche, die in London bei einer Modelagentur arbeitet, gerne mehr trinkt, als sie verträgt, und mehr verspricht, als sie halten kann. Wie sie die Anmache eines Typen auf einer Party abwimmelt, zeigt, daß sie andere Ambitionen hat, aber daß es mit denen womöglich nicht weit her ist, weiß man, wenn sie davon redet, daß sie unbedingt noch zu einer anderen Party müsse, um George Clooney aufzureißen. Weil ihre Mitfahrgelegenheit schon ohne sie vorgefahren ist, faßt sie den fatalen Entschluß, die U-Bahn zu benutzen. Als sie am Ende des Bahnsteigs auf den letzten Zug wartet, leert sie noch ein kleines Wodka-Fläschchen und schläft prompt ein. Als sie aufwacht, ist sie allein, der letzte Zug abgefahren, die Ausgänge versperrt, die Rolltreppen angehalten. Keine schöne Situation für ein Mädchen in einem blaugeblümten, gelben Cocktailkleid, dessen Handy nicht funktioniert. Um so weniger, als man zu Beginn gesehen hat, wie zwei Kanalarbeiter im Untergrund einen Tunnel entdecken, aus dem nur einer wieder entkommt. Man weiß nicht warum, aber die Geräusche ließen Schlimmstes befürchten.

Die Londoner Subway bot schon 1972 in RAW MEAT einer Horde Kannibalen Unterschlupf, und auch John Landis hat sie in AMERICAN WEREWOLF für seine niederen Zwecke genutzt. Regisseur Christopher Smith versichert glaubhaft, daß er „Raw Meat“ nicht kannte, als er das Drehbuch schrieb, sondern in einer steckengebliebenen U-Bahn die Idee zu CREEP hatte, den er zwar in der Tradition von TEXAS CHAINSAW MASSACRE sieht, aber als eine Art BRIDGET JONES MEETS ALIEN beschreibt, was nur zeigt, mit was für schwachsinnigen Querverweisen man solche Ideen heute pitchen muß, weil die Horrorfilme der Siebziger offenbar als Vorbilder nicht ausreichen.

Was Smith nicht erwähnt, ist die Tatsache, daß in einer Zeit, da noch die letzte B-Idee zu einem A-Film aufgeblasen wird, das Horrorgenre eine Zuflucht im Computerspiel gefunden hat, wo heute jene verheerenden Erfahrungen gemacht werden können, die uns das Kino erspart. So erinnert der Schauplatz eigentlich auch mehr an die Abenteuer von Lara Croft in TOMB RAIDER II, aber nicht in der Verfilmung, sondern im viel besseren Computerspiel. Wie überhaupt jene Schrecken, welchen in den Siebzigern das Kino eine Heimat bot, heute vor allem in Spielen wie „Doom“ oder „Resident Evil“ ihr grausiges Haupt erheben. Vielleicht redet das Kino von diesen ungeliebten Brüdern nicht so gerne, weil sich dort eine Anrüchigkeit erhalten hat, die einer Branche, die sich gerne als Familienunterhaltung gebärdet, nicht mehr so gut zu Gesicht steht. Aber wo es offenbar ein Publikum gibt, da legt auch das Kino irgendwann seine Berührungsängste ab.

Kurioserweise findet die Fortsetzung des Schreckens mit anderen Mitteln nicht in den Verfilmungen der Videospiele statt, sondern über den Umweg des Seventies-Horrors. Im vergangenen Jahr gab es Remakes von TEXAS CHAINSAW MASSACRE und DAWN OF THE DEAD, und womöglich sind diese Wiedergänger wie CREEP gar nicht so sehr an der kinematographischen Tradition interessiert, sondern am Bedürfnis einer neuen Generation, nicht nur vorm eigenen Computer das Fürchten zu lernen. Denn letztlich geht doch nichts über die Erfahrung, gemeinsam mit anderen im Dunkeln zu sitzen und deren körperliche Präsenz zu spüren – und sei es nur in Form von Angst.

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