26. Oktober 2003 | Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | Filmkritiken, Rezension | The Company

Enttäuschte Kleinmädchenträume

Die Europapremiere von Robert Altmans THE COMPANY bei den Hofer Filmtagen

Freitagabend. Für fünf Tage im Oktober ist Hof das Zentrum der Filmwelt, zumindest für Festivalchef Heinz Badewitz. Robert Altman habe gerne kommen wollen, sagt er vor der Aufführung von dessen neuestem Film THE COMPANY, sei aber leider verhindert und wünsche jedenfalls viel Spaß bei der Vorstellung.

So war es in Hof schon immer. Eigentlich wollen alle da sein, und wer nicht da ist, ist nur gerade verhindert. Von dieser Illusion leben die Hofer Filmtage seit 37 Jahren, und ihr Chef Badewitz nährt sie mit jeder seiner oberfränkisch launigen Ansagen. Altman also war zur Europapremiere von THE COMPANY nicht anwesend, und auch in seinem Film wirkt er seltsam abwesend. Das Ganze ist ein Herzensprojekt seiner Hauptdarstellerin Neve Campbell, die es durch Filme wie SCREAM zu einigem Ruhm gebracht hat und deren Herz offenbar so am Ballett hängt, daß sie diesen Film über eine Ballett-Company produzieren wollte.

Warum sie sich in den Kopf gesetzt hat, dafür ausgerechnet Robert Altman als Regisseur zu gewinnen, ist insofern verwunderlich, als der 78jährige Amerikaner zwar berühmt für seine Ensemblefilme ist, aber auch für seinen leidenschaftslosen Blick hinter die Kulissen der verschiedenen Milieus, sei es das Country-Business in NASHVILLE, die Modebranche in PRET-À-PORTER oder Hollywood in THE PLAYER. Altman hat auch zahllose Male abgelehnt, ehe er sich doch zu diesem Film breitschlagen ließ. Im Ballett hat er offenbar trotzdem wenig gefunden, was seine Imagination oder auch nur seinen Spott in Gang brächte.

Kaum etwas an dem Betrieb fesselt seine Aufmerksamkeit so, daß er es auch nur für nötig halten würde, mit der Kamera näher zu treten. Alles ist aus einer freundlich desinteressierten Distanz gefilmt, was bei den Aufführungen selbst weniger stört als an den Geschichten, sofern man sie überhaupt so nennen mag. Denn im Grunde sieht man außer Neve Campbell, die für eine verletzte Kollegin einspringt und sich in einen jungen Koch (James Franco) verliebt, und einem lachhaft despotischen Direktor (Malcolm McDowell) fast nichts, was auch nur von fern an jene dramatischen Abläufe erinnern würde, die man aus dem Genre des Tanzfilms kennt.

Es gibt also zahllose, hübsch inszenierte Ballettszenen, viel Kronos-Quartett, und dazwischen bewegt sich die Kamera durch die Garderoben, Trainingsstunden, Regiebesprechungen und Premierenfeiern, als habe man ihr zwar einen Besucherausweis gegeben, aber auch die Auflage, bitte niemandem im Weg zu stehen – dabei handelt es sich keineswegs um einen Dokumentarfilm.

Wenn man sich aber mal von der Hoffnung verabschiedet hat, hier werde irgendwas passieren, hat der eisig spröde Blick fast schon wieder etwas Faszinierendes. Es ist nicht bekannt, ob Neve Campbell mit dem Ergebnis glücklich war – THE COMPANY sieht jedenfalls eher aus wie eine verspätete Rache am Ballett für enttäuschte Kleinmädchenträume.

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