02. Oktober 2005 | Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | Filmkritiken, Rezension | The Brothers Grimm

Der gegen Windmühlenflügel kämpft

Ex-Monty-Python Terry Gilliam glaubt, daß Gott ihn haßt, und lehrt Hollywood mit seinem Film THE BROTHERS GRIMM das Fürchten

Die Filmgeschichte ist wie ein Eisberg. Auf jeden Film, den man sieht, kommen zahllose, die nie das Licht der Welt erblicken. Und natürlich sind die einen ohne die anderen nicht denkbar, auch wenn sich manchmal der Eindruck aufdrängt, manches Projekt, das im verborgenen geblieben ist, wäre womöglich ein interessanterer Film geworden als vieles von dem, was tatsächlich realisiert wurde. So kann man von dem Film THE BROTHERS GRIMM eigentlich nicht erzählen, ohne an Terry Gilliams vorangegangenes Projekt „The Man Who Kills Don Quixote“ zu erinnern, das vor fünf Jahren auf spektakuläre Weise scheiterte und das er heute als seine Epiphanie bezeichnet: „Das war der Beweis, daß es Gott gibt – und er mich haßt.“

Wenn Gilliam sich beim Interview im Berliner „Ritz Carlton“ in den Sessel zurücklehnt, mit breitem Grinsen an diese Zeit erinnert und Gott als „one nasty fucker“ bezeichnet, dann ahnt man hinter seinem berühmten meckernden Lachen kaum, daß es auch für diesen Mann, der sich die Welt mit Humor vom Leib zu halten versteht, tatsächlich jenen Moment gab, in dem er mit seiner Regisseursweisheit am Ende war und daran glaubte, daß sich höhere Mächte gegen ihn verschworen haben. Für Filmfans war es allerdings eine glückliche Fügung, daß ein Filmteam anwesend war, als Gilliam sein 25-Millionen-Projekt buchstäblich unterm Hintern weggespült wurde. THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE gibt es in England auf DVD, und die Dokumentarfilmer Louis Pepe und Keith Fulton haben ihm den treffenden Titel „Lost in La Mancha“ gegeben.

Aber man muß die Geschichte von Anfang an erzählen, um sie in ihrer ganzen Wucht zu begreifen. Mitte der neunziger Jahre hatte Gilliam ein Drehbuch geschrieben, in dem er sich seinen Reim auf Cervantes‘ Romanhelden machte. In Europa trieb er zwanzig Millionen Dollar auf, aber er brauchte mehr. Mit Sean Connery hätte er es auch bekommen, aber er wollte Nigel Hawthorne als Don Quijote und Danny DeVito als Sancho Pansa. Aus der Sache wurde nichts. 1998 machte sich Gilliam noch mal dran, mit einem anderen Drehbuchautor und einer Rahmenhandlung, in der ein gestreßter Werbemanager in Don Quijotes Welt landet. Es brauchte zwei Jahre und drei vergebliche Anläufe, aber schließlich bekam er das Geld zusammen. Er gewann Johnny Depp für die Hauptrolle und den Franzosen Jean Rochefort für die Rolle des Don Quijote. Und er engagierte Keith Fulton und Louis Pepe, fürs „Making-of“ die Dreharbeiten zu dokumentieren, und willigte dafür ein, ein drahtloses Mikrophon zu tragen. Und obwohl er nur auf einen Knopf drücken mußte, um es auszuschalten, sagt es einiges über Gilliam, daß er es auch dann nicht getan hat, als aus dem „Making-of“ ein „Unmaking-of“ wurde.

Im Oktober 2000 fingen die Dreharbeiten in der spanischen Wüste bei Navarra an, aber es stellte sich schnell heraus, daß die spanische Luftwaffe die menschenleere Gegend für Testflüge benutzte und der Ton deshalb unbrauchbar war. Aber das Schlimmste kam erst noch, denn die Gegend, in der es seit zwanzig Jahren nicht mehr geregnet hatte, wurde von einem Unwetter heimgesucht, welches die Wüste in reißende Schlammfluten verwandelte. So kann man in „Lost in La Mancha“ zusehen, wie Sturzbäche die hastig unter Planen verstaute Ausrüstung fortschwemmen. Und während Fulton und Pepe ihren Materialwagen in Sicherheit brachten, hörten sie über das drahtlose Mikrophon Terry Gilliam, der nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Er klang wie jemand, der sich vor Gottes Rache in den Irrsinn rettet. Dann erkrankte auch noch Jean Rochefort, und die Dreharbeiten mußten auf unbestimmte Zeit verschoben werden – daß die Versicherung die Notbremse zog und die Sache abbrach, weil das Geld nie mehr für eine Fertigstellung reichen würde, war dann nur noch eine logische Folge.

Heute sagt Gilliam zu jenen Augenblicken im Oktober 2000: „Das war keine Schauspielerei. Die Jungs haben den Moment eingefangen. Sie haben aber natürlich nicht auf Film, wie lange es dauerte, um überhaupt so weit zu kommen. Es gab in den sieben Jahren bereits drei Fehlstarts. Als es losging, war ich, ehrlich gesagt, bereits so erschöpft, daß ein Teil von mir, als alles zusammenbrach, fast erleichtert war. Denn ich hatte Angst, daß ich nicht in der Lage wäre, den Film durchzustehen. Wir hatten ohnehin weder genug Geld noch Zeit. Also war ich einerseits erleichtert, stürzte aber andererseits natürlich in tiefe Depressionen.“

Auf dem Projekt scheint ein Fluch zu lasten. Schon Orson Welles war an „Don Quijote“ gescheitert, hatte 25 Jahre lang vergeblich versucht, Geld aufzutreiben, um die 1957 in Mexiko begonnenen Dreharbeiten fortsetzen zu können, und hatte das Projekt irgendwann so satt, daß er ihm wegen der dauernden Nachfragen den Arbeitstitel verlieh: „Wann werden Sie ,Don Quijote‘ beenden?“. Gilliam kann Welles verstehen, „aber so verrückt wie er bin ich nicht. Aber wer ist schon wie er? Wenn man mit 25 ein Genie ist und den größten Film aller Zeiten gemacht hat, kann es nur noch bergab gehen. Ich kann mich wenigstens immer von der Hoffnung nähren, daß in mir irgendwann noch ein großer Film steckt. So lebt es sich leichter.“

Aber selbst die Frohnatur Gilliam wurde in der Folge von QUIJOTE mürbe, als sich innerhalb eines Jahres vier weitere Projekte zerschlugen: „Deshalb habe ich die ,Grimms‘ überhaupt begonnen. Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich ohne Arbeit nicht mehr wußte, was ich kann oder wer ich bin.“ Die Grimmschen Märchen waren seine Welt, er war mit ihnen in Amerika aufgewachsen, und sie hatten seinen Blick auf die Welt geprägt: „Alle meine Filme sind Märchen. Im Grunde sehe ich alles mit den Augen der Grimms. Aber das ursprüngliche Drehbuch war mehr ein Horrorabenteuerfilm im Stile von VAN HELSING. Und ich habe es satt, dauernd Armeen von Monstern gegeneinander kämpfen zu sehen. Wir haben das erst mal aufs Märchenmaß zurechtgestutzt: ein Wald, ein Dorf, ein Turm. Und ich habe es mir zum Sport gemacht, so viele Märchenbezüge wie möglich darin unterzubringen, manchmal nicht einmal auf das Original, sondern die Disney-Version. Das war meine Rache an den Brüdern Grimm, die meinen verkorksten Blick auf die Welt auf dem Gewissen haben.“

Sein Pech war nur, daß er mit den BROTHERS GRIMM auf die Gebrüder Weinstein traf, die das 80-Millionen-Projekt produzierten und schon ganz andere Regisseure zur Verzweiflung getrieben hatten. Als der Film fertig war, konnten sich der Regisseur und die Produzenten nicht einig werden, und so blieb der fertige Film ein halbes Jahr liegen, das Gilliam kurzentschlossen nutzte, um einen anderen Film zu drehen: die Romanverfilmung TIDELAND, die gerade in San Sebastián zu sehen war. „Die sechsmonatige Pause hatte allen gutgetan“, sagt er in der Rückschau, „sie ermöglichte mir einen frischen Blick auf die GRIMMS. Ich habe also Änderungen vorgenommen und auf Zuraten von Steven Soderbergh die teuerste Szene herausgeschnitten, obwohl ich diese Art von Verschwendung hasse, und alle waren zufrieden. Und die Szene ist dann auf der DVD zu sehen.“

BROTHERS GRIMM also, der bei uns unter englischem Titel läuft, weil mit den Brüdern Grimm sonst offenbar kein Staat zu machen ist, besitzt alles, was Terry Gilliam auch sonst auszeichnet, aber wie üblich läuft er auch Gefahr, sich in seiner visuellen Originalität zu verlieren. Aber zumindest eine Idee aus dem Originaldrehbuch erweist sich als enorm tragfähig. Die Brüder Wilhelm (Matt Damon) und Jacob (Heath Ledger) ziehen nämlich mit ihren Schauermärchen durch die Lande, um an der Angst der abergläubischen Leute zu verdienen. Sie sind Scharlatane, die als Geisteraustreiber Geld verdienen, aber am Ende die Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr loswerden. Wo sie sonst Komparsen für ein bißchen Spuk in Verkleidung bezahlen, da begegnen sie im Wald von Marbaden Phänomenen, für die ihnen bald die natürlichen Erklärungen ausgehen. Für den Grusel findet Gilliam immer wieder eindrucksvolle Bilder, aber die Figuren der Brüder und der Hexe (Monica Bellucci) bleiben auf Dauer doch etwas blaß. Und wenn man mit ihm redet, hat man fast den Eindruck, als wüßte er selbst, was das Problem vieler seiner Filme ist: „Manchmal denke ich, daß der Film in den Köpfen der Leute womöglich ein besserer Film ist als der, den ich tatsächlich machen würde. Vielleicht sollte ich überhaupt nur noch unvollendete Filme machen, denn für Ruinen habe ich ohnehin etwas übrig.“

Und trotzdem hat der Film, wenn man „Lost in La Mancha“ gesehen hat, etwas zutiefst Bewegendes – weil man begreift, gegen welche Windmühlen Terry Gilliam jedesmal zu kämpfen hat, wenn er einen Film macht. Bleibt eigentlich nur die Frage, warum ein freundlicher Mensch so häufig Schwierigkeiten hat? „Frage ich mich auch manchmal, obwohl ich an dem Punkt angelangt bin, wo ich meinen vermeintlich schlechten Ruf leid bin. Zumal er völlig ungerechtfertigt ist, denn ich habe nur einmal das Budget überzogen und mich nur bei ,Brazil‘ wirklich mit einem Studio angelegt. Aber was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der außer Kontrolle ist. Vielleicht mache ich einfach nur mehr Radau. Andere Regisseure sind leiser, schließen lieber Kompromisse und machen einfach ihre Filme. Ich brauche den Kampf, das ist meine Natur. Das hilft mir, mich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist, denn nur darum kämpft man wirklich. Wenn man mir völlige Freiheit ließe, wäre ich wahrscheinlich verloren.“

Wenigstens kann Gilliam für sich beanspruchen, daß er der Mann ist, der Hollywood das Fürchten gelehrt hat. Und manchmal halten nicht nur Märchen für solche Helden ein glückliches Ende bereit.

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