12. April 1996 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Beim nächsten Kuss knall’ ich ihn nieder!

It’s only money!

Hans-Christoph Blumenbergs Film über Reinhold Schünzel

Wenn Filme gut sind, hinterlassen sie eine Spur in unserer Erinnerung – und sei es nur ein Bild oder ein paar Worte. In diesem Fall ist es Reinhold Schünzels wunderbarer Satz „It’s only money!“ Er spricht ihn aus wie jemand, dem Geld das wunderbarste Spielzeug der Welt ist. Eine verschwenderische Geste, die vom Genuß erzählt, aber die Gier nicht kennt. Ein Satz, der Geld sagt und viel mehr meint. Eine Ahnung der Dinge, die da kommen werden, liegt darin und ein Hauch von Traurigkeit.

Hans-Christoph Blumenberg hat zuletzt mit ROTWANG MUSS WEG! gezeigt, daß er am besten ist, wenn er aus seinen Nöten eine Tugend macht. Wo er bei ROTWANG seine Phantasie wuchern ließ, da rankt sie sich diesmal an Reinhold Schünzels Biographie entlang. Das bedeutet keine Beschränkung, sondern eine große Freiheit. Wie ein Seiltänzer führt der Film auf Schünzels schmaler Lebenslinie seine Kapriolen auf. Die biographischen Fakten sind das Netz, das diesem Akt Sicherheit verleiht. Aber der Film würde im Zweifelsfall auch ohne Schünzel funktionieren. Und deshalb muß man auch nichts von Schünzel wissen, um BEIM NÄCHSTEN KUSS KNALL‘ ICH IHN NIEDER genießen zu können.

Dennoch in Kürze: Schünzel kam 1888 in Hamburg zur Welt, machte sich nach dem Ersten Weltkrieg als Schurkendarsteller und später als Komödienregisseur einen Namen. Nach Hitlers Machtergreifung blieb er in Deutschland und arbeitete als „Halbjude“ auf dem schmalen Grat zwischen Duldung und Zensur, Amüsement und Provokation. Als er 1937 dann doch emigrierte, war es fast zu spät. Unter den Deutschen in Amerika galt er als Opportunist, der sich viel zu lang mit dem Regime arrangiert hatte. Schünzel drehte drei Filme für die MGM und eine unabhängige Produktion, ehe auch er als Schauspieler seinen Lebensunterhalt verdienen mußte. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er aber als Regisseur nicht mehr Fuß fassen konnte. Ein paar Nebenrollen und ein Filmband in Silber blieben ihm noch, ehe er 1953 in einem Münchner Taxi starb.

So endete eine schillernde Karriere am Ende zwischen allen Stühlen. Schünzel war ein Spieler, der zu hoch gepokert hatte, gegen Leute, die entweder die besseren Karten hatten oder vor keinem noch so schmutzigen Trick zurückschreckten. Am Ende hätte ihn die Filmgeschichte um ein Haar vergessen. Es ist kein geringes Verdienst dieses Films, daß er Reinhold Schünzel wieder in das Rampenlicht der Erinnerung holt.

In 33 Spielszenen fächert Blumenberg dieses Leben auf, und stets genügen ein paar Kulissen, um die Vorstellungskraft auf die Reise zu schicken: Berlin, Karlsbad, Hollywood, Pacific Palisades, New York, München. Jede Szene bringt etwas auf den Punkt, ohne daß es dabei nur darum ginge, gegen leichte Gegner zu punkten. Blumenbergs Schünzel ist kein Mann der einfachen Pointe, sondern jemand, der seine Sätze so genau setzen kann, daß ihre Spitzen den Gegner treffen, ohne daß er es merkt. Das liegt auch an Peter Fitz, der den Schünzel mit einer Lust spielt, die sich in jeder Szene mitteilt. Und obwohl er nun wahrlich nicht die Figur eines Tänzers hat, bewegt er sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit durch dieses Leben, bis ihm mehr und mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Blumenbergs geschicktester Schachzug war es, verschiedene Rollen mit denselben Schauspielern zu besetzen. Die Produzenten, Agenten, Assistenten und Mätressen haben überall das gleiche Gesicht, ob im „Dritten Reich“, in Hollywood oder in der Bundesrepublik. Das verleiht diesem Lebensweg etwas durch und durch Gespenstisches, wie auf jenen Reisen durch die Totenwelt, wo dem Helden immer dieselben Fratzen entgegengrinsen, wohin er sich auch wendet. Am Ende hat sich Blumenberg an einen Ratschlag gehalten, den Schünzel seiner Tochter für die Bühne mitgegeben hat: „Wenn du rot sagst, musst du nicht auch noch rot spielen!“

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