10. Mai 2001 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Beau Travail

In einem wüsten Land

Claire Denis schreibt mit BEAU TRAVAIL ein Gedicht vom Ende der Welt, wo Legionäre der Zeit beim Verstreichen zusehen

Man muss diesen Film ansehen wie man ein Gedicht liest – ohne jenen starren Blick auf den Fortgang der Handlung, von dem man sich sonst so gern verhexen lässt. Es gibt wohl eine Geschichte, die man aus den einzelnen Erinnerungsfetzen destillieren könnte, aber das bringt nicht viel. Sie folgt lose der Konstellation von Herman Melvilles BILLY BUDD, dessen Vertonung durch Benjamin Britten ebenfalls verwendet wird, und erzählt eine Dreiecksgeschichte, die fast ohne Worte auskommt: Ein Adjutant glaubt, die Gunst seines Kommandanten zu verlieren und rächt sich aus Eifersucht an dem jungen Untergebenen, dem die neue Aufmerksamkeit gilt. Um all dies zu vermitteln, genügen Claire Denis einige wenige Sätze, viele mehr oder weniger beredte Blicke und die ansonsten ohnmächtige Präsenz der Körper in einer Landschaft, die ohnehin ihre ganz eigene Geschichte erzählt.

Die Regisseurin hat das Marine-Drama in die Fremdenlegion nach Dschibuti verlegt, in jenes Land am Horn von Afrika, das eine steinige Wüste unter unbarmherziger Sonne ist und genauso gut das Ende der Welt sein könnte. Wer hier freiwillig landet, muss einen verdammt guten Grund dafür haben und alle andere Hoffnungen bereits aufgebraucht haben. Den Legionären sind ihre Schicksale jedenfalls nicht von den Gesichtern abzulesen, auch wenn der Gleichmut, mit dem sie sich in ihre Randexistenz fügen, Abgründe vermuten lässt, wo sich allenfalls Depressionen verbergen. Man raucht, spielt Karten, vergnügt sich mit Dorfprostituierten und sieht ansonsten der Zeit beim Verstreichen zu, wenn man nicht damit beschäftigt ist, im Exerzieren und Trainieren die Auslöschung jeglicher Identität zu betreiben. Es geht Denis jedoch nicht darum, ein Urteil über die Legion oder ihre Verrichtungen zu fällen – allenfalls Neugier und leichtes Befremden liegen in ihrem Blick, der fast ethnografisch die seltsamen Rituale und Exerzitien registriert.

Für das Legionärstreiben wurde der Choreograf Bernardo Montet engagiert, der die unaufhörlichen Körperertüchtigungen im Wüstensand in eine Art Stammestanz verwandelt hat und der Anstrengung und Gewalt so etwas wie Anmut, Grazie und fast Zärtlichkeit abgewinnt. Manche der Übungen sind so undurchdringlich wie fernöstliche Zeremonien, bei denen man genauso fasziniert über Sinn und Zweck rätselt. Immer wieder klatschen die Körper aufeinander, und weil die Bilder himmelweit von der homoerotischen Hochglanzästhetik zeitgenössischer Fotografie entfernt sind, ist wirklich ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Es hat schon einen Grund, warum die Wüste alles Erzählen stets zum Existenziellen hindrängt. Die ihr innewohnende Menschenferne saugt alle Illusionen auf, um sie restlos zu verschlucken. Vor diesem Hintergrund scheinen alle Emotionen überflüssig, sinn- und richtungslos – wie der von Salzkristallen überwucherte Kompass, der vom Opfer des Eifersuchtsdramas übrig bleibt.

Der Adjutant (Denis Lavant) hat bereits alles hinter sich – er erträumt sich sein Dschibuti aus einem Hotelzimmer in Marseille, und die Hitze, die diese Bilder durchflutet, stammt von der Sonne der Erinnerung. Er hat den jungen Soldaten provoziert und dann buchstäblich in die Wüste geschickt, mit einem schadhaften Kompass und einem sinnlosen Auftrag, von dem der Junge nicht wiederkehren sollte. Dann hat der Kommandant (Michel Subor aus Godards PETIT SOLDAT) seinem Adjutanten nahegelegt, Konsequenzen zu ziehen, und der hat die Legion verlassen – aber sein Herz ist zurückgeblieben. Eine traurige Geschichte – aber in einer Welt ohne Mitleid.

Am Ende, wenn alles zu spät ist, steht der Adjutant in einer leeren Disco. Und wenn dann die Musik einsetzt, scheint er geradezu zu explodieren. Als sei dieser Tanz eine Möglichkeit, die Seele endlich aus dem Körper zu befreien. Und genauso ist es auch.

BEAU TRAVAIL, F 1999 – Regie: Claire Denis. Buch: Jean-Pol Fargeau und Denis frei nach Herman Melville. Kamera: Agnès Godard. Choreografie: Bernardo Montet. Musik: Eran Tzur. Mit: Denis Lavant, Michel Subor, Grégoire Colin. Verleih: Alamode Film. 92 Minuten.

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