19. Januar 2005 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Aviator

Was der Himmel erlaubt

Der Mann, der die Flugzeuge liebte: Martin Scorsese erzählt in seinem Film AVIATOR von Howard Hughes

Der Film, den heute jeder als CITIZEN KANE kennt, sollte ursprünglich AMERICAN heißen. Niemand weiß das besser als der Autor John Logan, der über die Entstehung des Meisterwerks von Orson Welles ein Drehbuch schrieb, das vor fünf Jahren unter dem Titel RKO 281 verfilmt wurde. So ist es kein Wunder, daß sich auch in Logans Drehbuch zu Martin Scorseses AVIATOR Anleihen bei CITIZEN KANE finden, die Scorsese bereitwillig aufnahm, weil sie seinen Ambitionen entgegenkamen, endlich das große amerikanische Epos zu drehen. AVIATOR wurde ein Film, bei dem es sich der Regisseur nur aus Bescheidenheit versagte, ihn AMERICAN zu nennen. Dabei ist die Geschichte vom Helden, der für seine Größe seinen Preis zahlt, amerikanisch durch und durch.

Scorseses Held Howard Hughes ist der Inbegriff des exzentrischen Milliardärs, in seinen brillanten Anfängen genauso wie in seinem trüben Ende. Mit achtzehn erbte er von seinem Vater die Ölbohrfirma Hughes Tools, und weil er bis zu seinem 21. Geburtstag warten mußte, bis er an das gesamte Vermögen herankam, vertrieb er sich die Zeit in Hollywood, wo er Geschmack an der Filmerei und den Frauen fand, welche wiederum mit seiner Leidenschaft für die Fliegerei konkurrierten. Im Idealfall ging das alles zusammen, wie in HELL’S ANGELS, Hughes‘ sagenhaft teurem Kampffliegerfilm über den Ersten Weltkrieg. Das bestimmte das Bild, das sich die Welt von ihm machte: der perfektionistische Filmemacher, der legendäre Frauenheld, der tollkühne Flieger. Er riskierte Kopf und Kragen, indem er einen Flugrekord nach dem anderen aufstellte, und sein Vermögen, indem er immer noch schnellere und größere Flugzeuge bauen ließ. Sein letztes Projekt wurde zum Sinnbild seines Wahns: Die „Hercules“ war das größte je gebaute Flugzeug und verschwand nach ihrem Jungfernflug 1947 für Jahrzehnte in einem eigens gebauten Hangar, wo sie unter enormen Kosten flugbereit gehalten wurde, ohne sich je wieder in die Lüfte zu erheben.

Das Schicksal des gigantischen Flugboots korrespondiert mit Hughes‘ eigener Geschichte. Der Milliardär zog sich immer weiter zurück, hauste im Hotel Desert Inn in Las Vegas und war in seinen letzten Jahren so verwahrlost, daß man nach seinem Tod 1976 Fingerabdrücke nehmen mußte, um ihn zu identifizieren. Als verfilztes, bärtiges Phantom war er am Ende ebenso legendär wie in seinen Anfängen als Lichtgestalt. So bizarr erscheint dieses Bild vom Schattenmann in seinem einsamen Palast in der Wüste, daß Scorsese und Logan beschlossen haben, die Geschichte vom AVIATOR nicht von hinten aufzurollen. In Ansätzen hatte das übrigens auch Jonathan Demme 1980 in seinem Film MELVIN AND HOWARD gemacht, der allerdings mehr von Melvin als von Howard hatte.

Der Horizont, vor dem sich diese Biographie entspinnt, ist in AVIATOR also nicht der Wahn des späten Hughes, sondern jene Grenze, die in jeder amerikanischen Heldengeschichte vorangetrieben werden muß: die Eroberung von Neuland, die Vision, daß es hinter dem, was man kennt, immer noch etwas gibt, was es lohnt, über sich und das Menschenmögliche hinauszuwachsen. Im Fall von Hughes war der Himmel die Grenze, die er mit seinen Flugzeugen immer aufs neue durchbrechen wollte. So muß der Film schon 1947 enden, wenn Hughes am Steuer der Hercules den Zweiflern beweist, daß sein Ungetüm tatsächlich fliegen kann – ein Mann, der die Schwerkraft überwindet und als solcher eigentlich das Gegenteil aller Scorsese-Helden ist, welche Erlösung suchen und doch auf dem Boden der Tatsachen bleiben müssen.

Und doch bleibt sich Scorsese auch in AVIATOR treu, weil er den Zwang seiner Helden, sich von ihren Sünden zu reinigen, diesmal ganz wörtlich nimmt. Denn sein Hughes ist ein Zwangscharakter, dessen Ordnungs- und Sauberkeitsfimmel so weit geht, daß er eigentlich nur in seinen Flugzeugen fernab der Erde und der Menschen zur Ruhe kommt. Schon in der ersten Szene sieht man ihn als Achtjährigen, den seine Mutter im Waschzuber einseift und eindringlich vor der Ansteckungsgefahr der damals wütenden Choleraepidemie warnt. Wie ein Mantra läßt sie ihn das Wort „Quarantäne“ buchstabieren, das einen Sog entwickelt wie das magische Wort „Rosebud“ in CITIZEN KANE. Wobei die Szene in ihrer Bedeutungshaftigkeit weniger dem Film zu helfen scheint als ebender Ambition, es Orson Welles gleichzutun.

Jedenfalls verfolgt Hughes der Waschzwang ein Leben lang. Überall trägt er seine eigene Seife in einer Silberschachtel mit sich, schrubbt sich die Hände blutig, ekelt sich vor rohem Fleisch und wagt nicht, die Türknäufe in öffentlichen Toiletten anzufassen. So ausgeprägt sind seine Phobien, daß es als ultimativer Liebesbeweis gilt, wenn er aus derselben Milchflasche trinkt wie Katharine Hepburn. Auch bei Scorsese mündet dieser Wahn bereits in Szenen, in denen sich Hughes für Wochen zurückzieht, unter seinem Bart verschwindet, die Fingernägel zu Krallen wachsen läßt und seinen Urin in Milchflaschen sammelt. Aber gerade wenn man sich daran erinnert, wie in TAXI DRIVER oder RAGING BULL der Wahn als innerste Konsequenz geschildert wurde, wirken sie eher pflichtschuldig eingefügt. Zumal Hughes für seine finalen Auftritte auf wundersame Weise alles abzuschütteln scheint, was ihn vorher bedrängt hat.

Wenn man so will, dann merkt man diesem Film an, wie sehr Scorsese den Erfolg sucht, der ihm den längst überfälligen Oscar bringt. Er hat scheinbar alles, was er braucht, eine große Geschichte, große Stars. Leonardo DiCaprio ist dem jugendlichen Elan von Hughes genauso gewachsen wie seinen Macken. Cate Blanchett als Katharine Hepburn trifft den Ton des Vorbilds ganz gut, aber für eine große Leidenschaft reicht es schon deshalb nicht, weil sich die beiden nur in ihrer Entrücktheit finden. Was Scorsese an ihr hat, weiß man allerdings, wenn man sieht, wie blaß Kate Beckinsale als Ava Gardner bleibt. Aber all diese Affären sind auch nur ein vergeblicher Versuch des Helden, aus der eigenen Hölle erlöst zu werden. So ist es am Ende wie immer bei Scorsese: Männer, die um sich selbst kreisen und sich wundern, daß die Frauen irgendwann nichts mehr von ihnen wissen wollen. Bei aller technischen Brillanz, deren Kühnheit einen immer wieder staunen läßt, wirkt das doch auch irgendwie abgeschmackt. Hoffentlich gewinnt Scorsese mit AVIATOR endlich seinen Oscar, damit er vom künstlich langen Atem ablassen und zur Atemlosigkeit seiner früheren Filme zurückfinden kann. Denn die waren auch ohne Oscar wirklich großes Kino.

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