20. Januar 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | American Beauty

Sex, Lügen & Video

Chronik eines angekündigten Todes: AMERICAN BEAUTY

Manchmal geschehen auch in Hollywood noch Wunder – dies ist eines davon. Da bekommt also ein britischer Theaterregisseur, der noch nie einen Film gedreht hat, von Spielberg den Zuschlag für ein Drehbuch, hinter dem halb Hollywood her ist, und macht daraus den nach Meinung der meisten amerikanischen Filmkritiker besten Film des Jahres – Favorit bei den Golden Globes und Anwärter auf diverse Oscars. So einfach geht das, denkt man sich. Aber so einfach war es natürlich nicht.

Als Sam Mendes nach den ersten Drehtagen verkündete, er müsse nochmal ganz von vorne beginnen, weil er mit dem Ergebnis stilistisch nicht zufrieden sei, musste die Produzenten erstmal schlucken. Und als er später den Rohschnitt seinem Kameramann Conrad L. Hall zeigte, war dieser so entsetzt darüber, wie Mendes mit dem Material umgegangen ist, dass er erst nach gutem Zureden bereit war, die Lichtbestimmung vorzunehmen. Vielleicht sind es ja genau diese Dinge, die „American Beauty” letztlich auszeichnen: dass hier ein Regisseur zwar weiß, was er will, aber durchaus bereit und offenbar auch fähig ist, immer wieder einen neuen Blick auf die Sache zu werfen. Sein Film wirkt jedenfalls so frisch und originell und vergnüglich wie schon lange kein amerikanischer Film mehr. Dabei erzählt er im Grunde nichts Neues. Aber wie er das tut, ist schon aufregend.

AMERICAN BEAUTY beginnt wie tausend andere amerikanische Filme auch: Die Kamera senkt sich herab auf eine jener Vorstadtstraßen, in denen verabredungsgemäß das Glück zuhause ist, obwohl man im Kino nun schon oft genug gesehen hat, dass dort unter der Oberfläche der Schrecken lauert. Und während man wartet, dass der Zeitungsjunge auf seinem Fahrrad um die Ecke biegt, verkündet die Stimme des Helden: „In weniger als einem Jahr werde ich tot sein. Aber natürlich weiß ich das noch nicht. ”

Mit der Stimme eines Toten fing auch schon Billy Wilders SUNSET BOULEVARD an, und man weiß, dass diese Perspektive dem Erzählen eine Richtung, den Szenen eine Zwangsläufigkeit und den Dingen einen Schärfe verleiht, die man andernfalls so nicht wahrnehmen würde. Man weiß, der Mann wird sterben, und durchsucht jedes Bild nach Indizien für den angekündigten Tod. Das wären fürs erste: eine Ehefrau (Annette Bening), die wie besessen am Erscheinungsbild von Haus und Garten feilt, weil sie ahnt, dass nur noch die Hülle die Familie zusammenhält; eine Tochter (Thora Birch), die ihre Eltern als fortwährende Zumutung empfindet und sie das auch spüren lässt; und eben ein Mann, der durchaus weiß, was für eine traurige Figur er abgibt, aber keine Ahnung hat, wie er dem eigenen Unglück entkommen könnte. Der Mann ist ein Nichts, ein Niemand, der weder sich noch die Welt leiden kann – und der einzige Trost ist die Tatsache, dass er von Kevin Spacey gespielt wird, dessen sanfter Sarkasmus wenigstens ermöglicht, dem Elend eine komische Seite abzugewinnen.

Stets ist man bereit, hinter seinem Gleichmut eine diabolische Seite zu vermuten – schließlich könnte das Jenseits, aus dem er sich meldet, durchaus die Hölle sein. Andererseits klingt er auf eine Weise, milde, befriedet, geradezu versöhnt mit dem eigenen Schicksal, dass man doch auf so etwas wie eine Erlösung hoffen darf. Dass die Erlösung aber ausgerechnet in Form des kleinen frühreifen Biestes kommen soll, das die Tochter dem Vater als Schulfreundin vorstellt, trägt eher noch zur Tragödie dieses lächerlichen Mannes bei. Fortan haben Spaceys feuchte Träume ein Ziel, und er fantasiert sich die Lolita in ein Rosenbett, in dem sie eine unschuldige Sexualität ausstrahlt, von der sie in Wirklichkeit weit entfernt ist. Spacey ist sichtlich nicht der erste Mann, in dem sie ganz unväterliche Gefühle weckt, aber er ist wahrscheinlich der erste, bei dem ihr durchtriebenes Spiel dazu führt, dass er sein Leben auf den Kopf stellt. In jedem Fall ist in AMERICAN BEAUTY die Trennungslinie zwischen Wahn und Wirklichkeit stets so dünn, dass man fortwährend befürchten muss, Spacey werde seine Fantasien für bare Münze nehmen.

Tut er dann ja auch, indem er seine Jugend und seine verlorenen Träume mobilisiert. Er trainiert seinen Körper, hört andere Musik, raucht Haschisch, kauft einen Sportwagen und wirft seinen Job hin – um in einem Fastfood-Restaurant zu arbeiten. Wer da sagt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, irrt sich gewaltig. Spacey macht alles falsch – und liegt damit doch richtig. So lächerlich er in seiner Suche nach der verlorenen Zeit auch wirken mag, so unzweifelhaft findet er wieder, was ihm abhanden gekommen war: sich selbst. Er muss erst aus der Haut fahren, um sich in seiner Haut wieder wohl zu fühlen.

Wenn man in diesem Film nie weiß, ob man lachen oder weinen soll, so kann man doch immer wieder staunen. Sam Mendes schafft es, all die Klischees fortwährend so auf die Spitze zu treiben, dass sie irgendwann den Panzer der Abgedroschenheit sprengen. Plötzlich werden Momente sichtbar, von so großer Trauer, Verzweiflung oder Poesie, dass man sich verwundert die Augen reibt, wie Mendes das gemacht hat. Womöglich liegt das daran, dass er so lange konsequent auf die Lügen setzt, bis die Wahrheit sichtbar wird. Vielleicht kommt es aber auch daher, dass AMERICAN BEAUTY als Farce nicht nur erbarmungslos ist, sondern durchaus zu Mitgefühl fähig; dass er als Drama nicht nur das Unglück sieht, sondern auch den Lauf der Welt; und dass er als Komödie nicht alles der Lächerlichkeit preisgibt, sondern durchaus eine Art Galgenhumor entwickelt.

Was dabei natürlich hilft, ist die Tatsache, dass im Schatten von Eheunglück und später Jugendblüte die verschlossene Tochter ausgerechnet mit dem verschlossenen Nachbarsjungen unvermutetes Glück findet. Dieser Junge, der es mit seinem militärischen Vater und seiner psychisch kranken Mutter wahrlich noch schlechter getroffen hat, hat zwischen sich und die Welt seine kleine Digitalkamera geschoben, mit der er die Leute auf Distanz hält. Dieser kleine Voyeur sieht naturgemäß Dinge, die den anderen entgehen. Aber so einfach macht es sich Mendes nicht, einfach nur mit dem Außenseiter zu sympathisieren. Man kann durch seine Kamera sogar miterleben, wie einfach es ist, sich ein falsches Bild von den Dingen zu machen – und am Ende erfährt man auch, wie fatal das sein kann. Wenn man etwas aus dem Film lernen kann, dann ist es die alte Weisheit, dass man erst Schlüsse ziehen soll, wenn man die ganze Geschichte kennt.

Fürs erste hilft es aber auch, wenn man einfach nur die Augen aufhält. Dann kann man zum Beispiel sehen, wie eine Plastiktüte im Wind tanzt. Man muss zwar durch jede Menge Unglück und Verzweiflung hindurch, aber dafür kann es dann passieren, dass dieses einfache Bild einem die Tränen in die Augen treibt.

AMERICAN BEAUTY, USA 1999 – Regie: Sam Mendes. Buch: Alan Ball. Kamera: Conrad L. Hall. Musik: Thomas Newman, Pete Townshend. Mit: Kevin Spacey, Annette Bening, Thora Birch, Wes Bentley, Mena Suvari, Peter Gallagher, Chris Cooper. UIP. 121 Minuten

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