Aimée & Jaguar

Dies ist nun also der große Auftritt, von dem der deutsche Film so gerne träumt. Eröffnungsfilm der Berlinale, mit großem Tamtam und (voraussichtlicher) Anwesenheit der Kanzlers. Man muß die Verbindung von Politik und Film nicht vorbehaltlos gutheißen, bei uns schon gar nicht, aber es schadet auch nichts, wenn sich in diesem speziellen Fall das eine mal im Glanz des anderen sonnt – und umgekehrt.

In den USA lassen sich Präsidenten gerne ausgewählte Filme vorführen, in Frankreich ist die Cinephilie ohnehin Ehrensache – nur bei uns beschränkten sich die Beziehungen zwischen beiden Sphären bislang auf die Auftritte von schlecht vorbereiteten Innenministern, die regelmäßig schon über die einfache Frage stolperten, welchen (womöglich gar deutschen) Film sie zuletzt im Kino gesehen haben. Man kann sagen, was man will, solches kaum verhohlenes Desinteresse trug nicht gerade dazu bei, das Ansehen des deutschen Films im eigenen Land zu fördern. Und wie soll man exportieren, woran man nicht einmal selber glaubt?

Schröder soll nun also – falls ihm Spielberg und Clinton dafür Zeit lassen – die Berlinale eröffnen, ganz im Sinne seines Kulturministers Naumann, der gerade gefordert hat, das Festival müsse hauptstädtischer werden, um endlich Cannes Konkurrenz machen zu können. Nachdem er dafür kein Geld geben kann, wird er wohl die politische Präsenz meinen – aber die Anwesenheit von Kanzlern, Ministern oder Senatoren wird der Sache bestenfalls Klasse, aber sicher keinen Sex und auch keinen Glanz und nicht einmal Flair verleihen. Genau davon lebt aber Cannes, dessen topographische und klimatische Vorzüge Berlin nur bejammern, aber nicht wegdiskutieren kann. Hier schneit es, dort scheint die Sonne, und daran können auch Schröder und Naumann nichts ändern.

Man muß eigentlich eher sagen, daß Berlin für seine Verhältnisse erstaunlich viele Stars an Land zieht – diesmal kommen Bruce Willis, Nick Nolte, Nicolas Cage, Meryl Streep, Sean Penn und Shirley MacLaine, Claude Chabrol, David Cronenberg, Stephen Frears und Robert Altman. Da muß keiner meckern. Viel mehr waren es in Cannes zuletzt auch nicht, und der Wettbewerb dort war nicht besser besetzt. Aber unter der Mittelmeersonne entfalten die Dinge einfach einen helleren Glanz.

Die Frage ist also: Glänzt AIMÉE & JAGUAR? Ehe man darauf antworten kann, muß man vielleicht vorausschicken, daß es Eröffnungsfilme immer schwer haben, weil sie es selten allen recht machen können. Den geladenen Gästen sollen sie gefallen und den anwesenden Filmkritikern, sie sollen populär sein und doch anspruchsvoll, sollen große Stoffe behandeln und doch die Gegenwart im Auge behalten, sollen große Stars versammeln und doch junge Talente beschäftigen, sollen von lokaler Relevanz und von globaler Bedeutung sein. Man ahnt es schon: In dieses Anforderungsprofil paßt kein Film hinein, auch AIMÉE & JAGUAR nicht – und das ist auch ganz gut so.

AIMÉE & JAGUAR erzählt eine lesbische Liebesgeschichte aus dem Berlin des Zweiten Weltkriegs, eine wahre Geschichte, deren Überlebende Lilly Wust heute 85 Jahre alt ist und den Film allein kraft ihres Überlebens an die Gegenwart bindet. Daß die Geschichte ihrer Liebe zu Felice Schragenheim als Rückblende erzählt wird, erscheint da als eher unnötige Rückversicherung, mit der dem Fall Historizität verliehen werden soll.

Regisseur Max Färberböck hat sich bislang im Fernsehen hervorgetan, mit Filmen wie SCHLAFENDE HUNDE, EINER ZAHLT IMMER und BELLA BLOCK – und man nimmt seinem ersten Kinofilm nicht viel von seiner Kraft, wenn man sagt, daß er mit dem Überschuß an Möglichkeiten, die das große Format bietet, nicht viel anzufangen weiß. Im Herzen ist AIMÉE & JAGUAR ein Kammerspiel – kein Fernsehspiel! –, und dem kleineren Format verweigert er sich vor allem durch die Art, wie die Bilder stets das Dunkel suchen.

Färberböck hat eine Art, sich auf seine beiden Hauptdarstellerinnen zu konzentrieren, sich immer tiefer in ihre Geschichte hineinzuschrauben, die auf Dauer kaum einen Blick beiseite zuläßt. Das, was reale Gefahr war, lenkt nur ab von dem, was die Gesichter seiner Schauspielerinnen erzählen: Juliane Köhler als Lilly Wust, die sogenannte „Nazisse”, die vier Kinder und einen Ehemann an der Front hat, sich mit Liebhabern einläßt und von der Liebe einer Frau verwandelt wird. Und Maria Schrader als Felice Schragenheim, die Jüdin, die aus ihrer Vorliebe für Frauen keinen Hehl macht, als Sekretärin ausgerechnet für den Chefredakteur der Nationalzeitung arbeitet, auch sonst keiner Gefahr ausweicht und sich ausgerechnet in die wenn schon nicht brave, dann doch zumindest biedere Familienmutter verliebt.

Köhler und Schrader sind schon ein Ereignis, das die Kulissen zum Wackeln bringt. Die Hausfrau, die so bieder tut und sich nach Überwältigung sehnt, und der Wildfang, der dem Leben die Stirn bietet und vor den Gefühlen flieht. So kokett die eine und so pfiffig die andere ist, steckt in ihnen doch stets mehr, als der erste Blick verrät. Unruhe, Scham, Sehnsucht, Begierde treiben unter der Oberfläche ihr wechselhaftes Spiel, und es scheint fast so, als würde die äußere Welt allein aus diesen inneren Bewegungen entstehen – als existierte nur, was auch durch Gefühle gedeckt ist. Das ist viel für einen Film, für den selbst der Regisseur „einen immensen Widerstand überwinden mußte”, weil alles, was mit dem Dritten Reich zu tun hat, „nach Klischees und toten Bildern riecht” – und es ist doch auch ein bißchen wenig für einen Film, der großes Kino sein will.

Bei aller Faszination, die von den Schauspielerinnen ausgeht, bei all dem Vibrieren und Beben, die das stete Sehnen und Neigen der beiden erzeugt, bei aller Intelligenz, mit der Färberböck den Fallen des Stoffes entgeht – es bleibt doch der Eindruck, daß der Film nie so recht vom Boden loskommt. Nie wirkt er so richtig beflügelt vom Glück der beiden, von der Sehnsucht der einen oder der Lebenslust der anderen. Vielleicht ist das tragische Schicksal zweier liebender Frauen im Nazi-Berlin auch nicht der richtige Stoff, um einem Film Flügel zu verleihen. Andererseits beweist gerade Roberto Benignis „Das Leben ist schön”, daß man selbst die Verhältnisse im KZ zum Tanzen bringen kann, wenn man an Märchen – und ans Kino – glaubt.

Daß AIMÉE & JAGUAR kein Märchen ist, sondern leider bittere Realität war, muß das Sujet nicht seiner filmischen Möglichkeiten berauben. Es ist aber so, als würde Färberböck ein allzu großes, auch allzu frühes Glück scheuen. Gerade wenn man bedenkt, daß die ganze Geschichte eine Rückblende ist, wäre das vergangene, zerstörte, nie wiedergewonnene Glück der Brennspiegel, durch den das Schicksal schärfere Konturen hätte bekommen können. Dabei muß man dem Film zugute halten, daß er den Mangel lange Zeit nicht spürbar macht. Erst als man die beiden beim Baden sieht, wird einem bewußt, warum der Geschichte manchmal der rechte Zug fehlte.

Aber vielleicht darf man nicht kleinlich sein, wenn es ums Ganze geht. Die Last der Eröffnung trägt der Film locker – auf den Schultern seiner beiden Hauptdarstellerinnen.

AIMÉE & JAGUAR, BRD 1999 – Regie: Max Färberböck. Buch: Färberböck und Rona Munro nach dem gleichnamigen Buch von Erica Fischer. Kamera: Tony Imi. Szenenbild: Albrecht Konrad, Uli Hanisch. Musik: Jan Kaczmarek. Darsteller: Maria Schrader, Juliane Köhler, Johanna Wokalek, Heike Makatsch, Detlev Buck, Peter Weck, Dani Levy, Rosel Zech. Verleih: Senator. 125 Minuten.

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10. Februar 1999 von janine
Kategorien: Filmkritiken, Rezension | Schreibe einen Kommentar

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