07. April 2010 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | A Single Man

Requiem für einen Verlorenen

Der Modemacher Tom Ford hat einen traumschönen Film nach dem Roman A SINGLE MAN von Christopher Isherwood gedreht - wie maßgeschneidert für Colin Firth

Das Schöne am Kino ist, dass manchmal schon die Art, wie jemand an seiner Zigarette zieht, genügt, um sich in einen Film zu verlieben. Oder wie einer einen Anzug trägt. Wobei es natürlich sehr hilft, wenn dieser Anzug von jemandem wie Tom Ford so geschneidert wurde, dass er wie 1962, aber nicht nach Kostümfilm aussieht. Dass man hinterher sofort so angezogen sein möchte wie Colin Firth als SINGLE MAN, kann nur gegen den Film verwenden, wer nicht verstanden hat, dass die Mode zu den Künsten gehört, zu denen das Kino eine der innigsten Beziehungen pflegt.

Tom Ford ist der Mann, der in den Neunzigern Gucci runderneuert hat und für das Outfit von Daniel Craig als Bond verantwortlich war. Die Idee, Christopher Isherwoods legendären Schwulenroman zu verfilmen, hat er lange vor sich hergetragen, ehe er so weit war, das Projekt wirklich in Angriff zu nehmen. Herausgekommen ist ein Film, der gar nicht leugnen will oder kann, dass er von einem Modemacher in Szene gesetzt worden ist. Jede Einstellung ist eingerichtet wie ein Schaufenster, das Ganze eine einzige große Modestrecke, und natürlich ist das kein besonderes filmisches Verfahren, aber eben eines, das der Schaulust stark entgegenkommt.

So wie in der Mode auf Gesichter für Kampagnen gesetzt wird, so hat Ford für diese Herzenangelegenheit von einem Film auf Colin Firth gesetzt und gewartet, bis er verfügbar war. Dieses Casting ist nicht so sehr ein Coup, weil die Wahl so überraschend wäre, sondern weil sie als einzig mögliche erscheint. Firth spielt George Falconer, einen englischen Literaturprofessor, der seit Jahren an einem College in Los Angeles lehrt und beschlossen hat, sich umzubringen, weil der Verkehrstod seines langjährigen Lebensgefährten eine Leere hinterlassen hat, über die er nicht hinwegkommt.

Der Mann, der aus dem Stoff ein Ereignis macht

Wenn der Film beginnt, sieht man noch mal die Szenerie des Unfalls und wie George sich hinabbeugt, um die Lippen seines toten Freundes zu küssen – doch dann erwacht er aus diesem Albtraum in einen weiteren Tag, dem er durch seine Gewohnheiten und Rituale eine weiterhin perfekte Form zu verleihen versucht, obwohl ihm doch der Inhalt längst abhandengekommen ist. Und Colin Firth ist genau der Mann, der daraus ein Ereignis macht, wie jemandem, dem das Wahren der Fassung zur zweiten Natur geworden, der Sinn hinter den Dingen entglitten ist. Er schafft es, durch diese Welt zu wandeln und sie mit einer Zärtlichkeit zu berühren, die aus dem Wissen um die flüchtige Schönheit der Dinge rührt und aus der Trauer, bei der Berührung nichts mehr zu empfinden. Insofern ist A SINGLE MAN durchaus ein Wiedergänger von Louis Malles IRRLICHT, in dem Maurice Ronet einen letzten Tag unter den Lebenden verbringt, nachdem er beschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Das sind natürlich alles andere als Empfindungen, für die man mit dem Oscar ausgezeichnet wird, und so ist es schon erstaunlich genug, dass Firth immerhin nominiert war. Und das hat wahrscheinlich mit jener Großaufnahme zu tun, bei der man ihn in einer Rückblende sieht, wie er am Telefon vom Tod seines Freundes erfährt und ihm beschieden wird, dass die Familie auf seine Anwesenheit bei der Beerdigung keinen Wert lege – wie er versucht, die Fassung zu wahren, wie er seine versagende Stimme zur Disziplin zwingt und wie ihn nach dem Ende des Gesprächs dann die bleierne Gewissheit in den Sessel drückt und seine Augen überlaufen lässt, während es draußen in Strömen regnet, ist so erschütternd, dass es quasi alles beglaubigt, was den Film sonst nur an der Oberfläche zu bewegen scheint.

Ein Brodeln unter der gepflegten Erscheinung

Denn wenn es in Los Angeles so etwas wie Jahreszeiten gäbe, dann wäre hier alles ins goldene Licht des Herbstes getaucht, aber weil eben die Natur für dieses letzte Glühen der Farben nicht zur Verfügung steht, sind es die Oberflächen, die immer wieder einen farbigen Glanz ausstrahlen, als wollten sie im nächsten Moment vergehen. Und Ford und sein Kameramann Eduard Grau sind sich auch nicht zu fein dafür, diesen Effekt immer wieder zu betonen, indem sie auf ihrer entsättigten Palette gedämpft kühler Töne gelegentlich Farben erblühen lassen, die Lippen einer Frau, die Wange ihres Freundes, das Kleid eines Mädchens oder das Licht über der Stadt.

Tom Ford drückt dabei manchmal ganz buchstäblich auf die Tube. Wenn ein junger Mann mit George flirtet, dann parkt sein Mercedes nicht nur genau zwischen den Augen eines Posters für Hitchcocks PSYCHO, sondern die ganze Szenerie färbt sich auf eine Weise purpurn, als seien die Zeiten von Technicolor noch in voller Blüte. Das wirkt vielleicht maniriert, aber andererseits sind es eben solche bildlichen Exzesse, die einen Eindruck davon vermitteln, dass unter der durch und durch gepflegten Erscheinung dieser elegischen Welt des Jahres 1962 bereits etwas anderes brodelte, was als Pop die Zukunft in ein ganz anderes Licht rückte. Und wenn in der schönsten Szene Colin Firth und Julianne Moore zu „Green Onions“ von Booker T tanzen, dann ist das auch deswegen so herzzerreißend, weil den beiden klar ist, dass sie mit dieser Musik schon nicht mehr gemeint sind.

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