22. März 1996 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | 12 Monkeys

12 MONKEYS von Terry Gilliam

Die Geworfenen

Eigentlich, sagt Terry Gilliam, wollten sie im Vorspann sagen, 12 MONKEYS sei nur inspiriert von Chris. Markers LA JETÉE. Aber Inspiration kennt die Autorengilde in ihrem strengen Regelwerk nicht. Nun heißt es also, der Film basiere auf Markers knapp halbstündigem Kurzfilm von 1962. Man kann es auch so sagen: Alles, was an Terry Gilliams Film interessant ist, wurde aus LA JETÉE übernommen. Was der Autor David Peoples, der sich bislang durch die Drehbücher zu BLADE RUNNER und ERBARMUNGSLOS ausgezeichnet hat, und seine Schwester Janet hinzugefügt haben, ist das ganze Affentheater, ohne das Hollywoodfilme mit großem Budget nicht auszukommen scheinen. Das spricht nicht unbedingt gegen den Regisseur, die Peoples oder ihren Film: Eine gute Idee bleibt eine gute Idee. Und die Beteiligten waren und sind schließlich klug genug, daraus keinen schlechten Film zu machen.

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sich so sehr nach der Vergangenheit zurücksehnt, daß er die Zeit außer Kraft setzt. Seine Erinnerung wird zu Gegenwart und Zukunft zugleich. Das ist das Herz, das auf dem Grunde beider Filme schlägt, der letzte Funken Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt.

Die paradoxen Geschichten beginnen in der Zukunft: Die Menschheit ist beinahe ausgelöscht, bei Marker durch einen Krieg, bei Gilliam durch einen Virus. Die Überlebenden führen ein klaustrophobisches Leben im Untergrund der Städte, hier Paris, dort Philadelphia. Eine Elite von Wissenschaftlern schickt ausgewählte Individuen mit besonders ausgeprägten Erinnerungen auf Zeitreise zurück in die Gegenwart. Der Held des Films wird immer wieder von Erinnerungen an eine Szene auf einem Flughafen heimgesucht: ein kleiner Junge, eine schöne Frau, ein Mann, der zusammenbricht, und Leute, die von Panik erfaßt werden. Der Held trifft bei seinen Reisen in die Vergangenheit die Frau, verliebt sich und beschließt, aus der Zukunft zu desertieren. Aber die Zukunft entläßt ihn nicht. Auf dem Flughafen holt sie ihn ein – der Mann wird erschossen.

Im Moment des Todes bekommt das Bild, das den Helden verfolgt hat, endlich seinen Platz in der Geschichte. Es ist das Bindeglied, das den Teufelskreis zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammenhält, weil in ihm alle Zeitebenen zusammenfallen. Er selbst ist der kleine Junge, der zusammen mit der Geliebten zusieht, wie der Mann, der er selbst ist, erschossen wird. Im nächsten Moment sagt der Erzähler: „Er verstand, daß er der Zeit nicht entkommen kann und daß der Moment, den er als Kind gesehen und der ihn verfolgt hatte, der seines eigenen Todes war.“ Dann wird das Bild schwarz. 12 MONKEYS führt da noch weiter, findet noch einen neuen Dreh, weil dort der Held die Aufgabe hat, den Virus, dessen Ausbreitung die Menschheit ausgelöscht hat, in die Zukunft zu retten, um dort einen Impfstoff zu entwickeln.

Das faszinierende an Chris. Markers Film ist, daß er mit Ausnahme eines Bildes, wo die Heldin die Augen aufschlägt, wie eine fotoromanza vollständig durch Photos erzählt wird. Natürlich hat 12 MONKEYS gegen diese Methode, die ganz und gar auf die Vorstellungskraft baut, keine Chance. LA JETÉE, was „Rollfeld“ oder „Projektil“ oder – die ins Leben und Denken des Helden katapultierte – „Geworfene“ heißen kann, vermag dieselbe Ergänzungsarbeit zu leisten wie das Gedächtnis selbst: Zum Bild sich die Bewegung dazuzudenken ist eine ähnliche Anstrengung, wie zur Erinnerung sich das Leben zu vergegenwärtigen. 12 MONKEYS hingegen ist so flüchtig, wie es nur die Gegenwart selbst sein kann.

Bruce Willis, Madeleine Stowe, Brad Pitt und Christopher Plummer tun das Ihre, um dem Remake Präsenz zu verleihen. Und Gilliam, der bei den Monty Pythons für die Animation zuständig war, legt auch hier ein Gespür für die graphischen Qualitäten seines Materials an den Tag. Mit gewaltigem Dekor, ausladenden Gesten und hektischer Action macht er Markers meditativer Moderne den Garaus. Aber er findet wie schon in BARON MÜNCHHAUSEN oder KÖNIG DER FISCHER Momente bizarren Humors und verquerer Leidenschaften, die 12 MONKEYS zu einem eigenständigen Kunstwerk machen.

Zum Beispiel: Beim ersten Versuch, in die Vergangenheit zu reisen, landet Gilliams Held im Irrenhaus. Dort haben sie nur auf Leute gewartet, die davon faseln, sie seien aus der Zukunft geschickt worden, um die Menschheit vor der Ausbreitung einer Seuche zu retten. Das gibt Gilliams Perspektive ganz gut wieder: Die Welt ist ein Irrenhaus – und die Zukunft hat womöglich schon begonnen.

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