27. September 2000 | Süddeutsche Zeitung | Restaurant-Kritik, Rezension | Der Steckerlfisch

Kostprobe (9) Der Steckerlfisch

Das Schönste an der Wiesn ist ganz zweifellos der Steckerlfisch – theoretisch. So wie überhaupt die ganze Schönheit der Wiesn eher theoretisch ist – weil sie praktisch eigentlich eher unerträglich ist. Der Steckerlfisch hingegen wäre auch praktisch super, wenn man je dazu käme, endlich auch mal einen zu essen. Das aber ist praktisch unmöglich, weil man immer mit den falschen Leuten unterwegs ist. Entweder mit Erwachsenen, die schon von weitem abwinken: „Danke, mir ist schon schlecht. ” Oder mit Kindern, die Fisch ohnehin nur in seiner natürlichen Form als Fischstäbchen akzeptieren und im übrigen alles, was sie vom Fahrgeschäft abhält, für eine Zumutung halten. Ich bin aber ganz sicher, dass mir der Steckerlfisch fantastisch schmecken würde, wenn man mich nur mal probieren ließe. All die aufgereihten Fische, die über den glimmenden Kohlen vor sich hin rauchen, sehen zumindest großartig aus. Schon bei dem Geruch läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Da merkt man dann auch gar nicht, dass man der einzige vor dem Stand ist. Meines Erachtens ist überhaupt noch nie ein einziger Fisch dort verkauft worden. Vermutlich geht es allen gleich – mit den falschen Leuten unterwegs. Der Steckerlfisch ist demnach wie der Vogeljakob vom Fremdenverkehrsamt oder dem Kulturreferat auf der Wiesn aufgestellt worden, damit keiner merkt, dass die Wiesn auch nicht mehr das ist, was sie mal war.
MICHAEL ALTHEN

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