25. September 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | DVD-Kritik, Rezension | Der rosarote Panther

Verklagen Sie Ihren Architekten!

Inspektor Clouseau und die Affäre Dreyfus: Blake Edwards' Kinoserie um den "Rosaroten Panther" ist als Filmkollektion auf DVD erschienen

Alles beginnt mit einer Zufahrt auf den berühmtesten Diamanten der Welt, dessen kristalline Perfektion durch eine winzige Unreinheit getrübt ist, die dem Stein seinen Namen gibt: Pink Panther, der rosarote Panther, ein winziges Funkeln des Chaos in der geschliffenen Ordnung, dem im Vorspann die gleichnamige Trickfigur entspringt. Zu dieser einfachen Idee gesellt sich die Musik von Henry Mancini – Bam, badam, bambadambadam, badambadah, badabadabam -, die dem Panther einen Müßiggang diktiert, mit dem er alle anderen aus dem Tritt bringt. Regisseur Blake Edwards hatte den Zeichnern die Anweisung gegeben, sie sollten bei dem Panther an den englischen Salonlöwen Noel Coward denken. Für den Ton der Serie war daran vor allem wichtig, daß der Figur eine Anmut und Gelassenheit innewohnt, die man dort nicht vermuten würde. Und auch wenn in den Trickfilmvorspännen der Panther und Inspektor Clouseau erbitterte Gegner sind, zeichnet sich letzterer im Film genau dadurch aus, daß er blind ist für das Chaos, das er anrichtet, und so die Ordnung wiederherstellt, die er zuvor durcheinandergebracht hat.

Für eine Serie sind die Pink-Panther-Filme reichlich konfus. Ursprünglich sollte 1964 Peter Ustinov den Clouseau spielen, aber weil man sich nicht einig wurde, wurde Peter Sellers besetzt, der mit Edwards die Liebe zum Slapstick teilte und den Inspektor überhaupt erst zu der vertrottelten Figur machte, die der Serie ihren Stempel aufdrückte, obwohl der rosarote Panther ihr Taufpate blieb – zumindest im Original. In Deutschland rückte man später den Inspektor in den Vordergrund. So hieß THE PINK PANTHER STRIKES AGAIN (1976) bei uns INSPEKTOR CLOUSEAU – DER ,BESTE‘ MANN BEI INTERPOL und REVENGE OF THE PINK PANTHER (1978) dann INSPEKTOR CLOUSEAU – DER IRRE FLIC MIT DEM HEISSEN BLICK. Insgesamt entstanden zu Lebzeiten Sellers‘ fünf Clouseau-Filme, zwei wurden nach seinem Tod aus Resten und Rückblenden zusammengebastelt, und eigentlich müßte man auch noch den Nachzügler THE SON OF PINK PANTHER dazuzählen, in dem Roberto Benigni 1993 ohne rechten Erfolg dem Vorbild hinterherhechelte.

Warum in der ansonsten liebevoll aufgemachten DVD-Collection bei MGM (Bestell-Nr. 2434208) ausgerechnet der dritte und der siebte Film der Serie fehlen, nämlich THE RETURN OF THE PINK PANTHER (1975) und THE CURSE OF THE PINK PANTHER (1983), bleibt ein Rätsel. Zumal DIE RÜCKKEHR, elf Jahre nach EIN SCHUSS IM DUNKELN entstanden, der Serie naturgemäß einen ganz anderen Tonfall verlieh und DER FLUCH zu Ende bringt, was der sechste Teil offenließ. Dafür gibt es eine Extra-DVD mit den schönsten Kurzfilmen des Panthers, einer Dokumentation über Blake Edwards, diversen Werbeauftritten von Peter Sellers sowie einem Audiokommentar von Edwards, der zwar nicht übermäßig informativ, aber rührend ist, weil man merkt, wie der Regisseur seine alten, zumeist verstorbenen Freunde und Kollegen vermißt. Vor allem natürlich den manisch-depressiven Peter Sellers, der mit ihm zusammen bei dieser Serie reich wurde, weil die beiden ihre Gage gegen eine Einspielbeteiligung getauscht hatten.

DER ROSAROTE PANTHER erzählt von einem Detektiv, der einem Juwelenräuber auf der Spur ist, mit dem ihn nicht nur seine eigene Frau betrügt, sondern für dessen Verbrechen er am Ende auch noch verurteilt wird – was für eine Gaunerkomödie ziemlich sophisticated, für einen Detektivfilm aber doch ein starkes Stück ist. Im Grunde ist Clouseau anfangs nur ein Sonderling, der mit seiner Tolpatschigkeit allen auf die Nerven geht – eine Situation, die Edwards und Sellers später in ihrem Meisterwerk THE PARTY bis an die Grenzen ausgelotet haben. Der Höhepunkt ist ein Maskenball, der in eine Verfolgungsjagd auf Roms Straßen mündet, an der zwei Leute im Gorillakostüm, Clouseau in Ritterrüstung sowie seine als Zebra verkleideten Gehilfen teilnehmen. Edwards‘ spezielle Note besteht darin, daß er nicht etwa der rasenden Jagd folgt, sondern sie aus der Sicht eines alten Mannes zeigt, der nächtens eine an sich verlassene Straße überqueren will, aber durch das Auftauchen von immer schnelleren Gefährten mit immer unwahrscheinlicherer Besetzung jedesmal daran gehindert wird – bis er schließlich aufgibt, sich einen Stuhl nimmt und dem Spektakel in aller Ruhe zusieht. Der Witz liegt darin, daß man als Zuschauer plötzlich den Blickwinkel des ahnungslosen Betrachters einzunehmen versucht, der sich natürlich auf den Irrsinn überhaupt keinen Reim machen kann.

Das genüßliche Auskosten der Entgeisterung des Mannes, der sich irgendwann einfach in die Rätselhaftigkeit der Situation fügt und ihr als Betrachter beiwohnt, illustriert am besten, wieviel Edwards vom Slapstick gelernt hat, der auch ein Wort für diese Methode prägte: slowburn. Das ist die Reaktion in Zeitlupe, das Hinauszögern der Pointe über ihre Fälligkeit hinaus, die gnadenlose Überdehnung des Zwerchfells. Zusammen mit dem pratfall, dem Fall auf den Hosenboden, dem Stolpern, Danebentreten und Hinstürzen, sind das die Grundpfeiler von Edwards‘ Humor. Wobei er das tit-for-tat, das Auge-um-Auge, von Laurel und Hardy hat, die Eleganz der Inszenierung aber eher von Buster Keaton, der auch die Kamera im rechten Moment vom Geschehen abrückte. Schon der Anfang von EIN SCHUSS IM DUNKELN, den Edwards von Anatole Litvak übernommen hat, ist ein choreographisches Wunderwerk. Da folgt die Kamera an der Fassade eines Landsitzes dem nächtlichen Kommen und Gehen der Liebeshungrigen, über Balkone und Treppen, durch Türen und Flure: eine viereinhalbminütige Choreographie des Seitensprungs, an deren Ende im Dunkeln Schüsse fallen. Obwohl das Hausmädchen (Elke Sommer) mit der Waffe in der Hand gefunden wird, kommt der herbeigerufene Clouseau, nachdem er erst einmal in den Brunnen vor dem Tor gefallen ist, zu dem Schluß, daß sie unschuldig ist. Dabei ist das der einzige Schluß, den die Indizien nicht zulassen. Daß Clouseau mit den falschen Schlüssen zu den richtigen Ergebnissen kommt, treibt seinen Vorgesetzten Dreyfus (Herbert Lom) so gründlich in den Wahnsinn, daß er bald nur noch von einem einzigen Wunsch besessen ist: Clouseau umzubringen. Damit schneidet er sich aber nicht nur dauernd ins eigene Fleisch, sondern hat am Ende mehr Unschuldige auf dem Gewissen als jeder Verbrecher.

Vor diesem Konflikt verblassen zunehmend die eigentlichen Fälle. Clouseau muß dauernd seine Haut retten und merkt dabei noch nicht einmal, wer ihm nach dem Leben trachtet. Er ist vollauf damit beschäftigt, neue und immer absurdere Verkleidungen auszuprobieren und sich mit seinem chinesischen Kammerdiener Cato (Burt Kwouk) zu prügeln. Um seine Wachsamkeit zu schulen, hat Clouseau Cato nämlich die Anweisung gegeben, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Vorwarnung anzugreifen. Daß bei den Auseinandersetzungen jedesmal die Wohnung zu Bruch geht, scheint niemanden zu stören. Mit solchen Szenen, die sich völlig selbst genügen, hat Blake Edwards nach und nach seine eigene Serie in ihre Bestandteile zerlegt und der Logik seines Helden folgend von Folge zu Folge eine Spur der Verwüstung hinter sich gelassen, so daß selbst der Tod des Hauptdarstellers nicht mehr ins Gewicht fiel. In der Mitte des sechsten Teils verschwindet Clouseau und feiert erst am Ende des siebten Teils seine Wiederauferstehung – in Form von Roger Moore. Das Chaos hat gesiegt, die Ordnung ist dahin. Oder um es mit den Worten von Jacques Clouseau zu sagen, der eine Tür verpaßt hat und gegen die Wand gelaufen ist: „Sie sollten Ihren Architekten verklagen!“

1 Kommentar

  1. sehr gut geschrieben.

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