07. August 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | DVD-Kritik, Rezension | Hitchcock Collection auf DVD

Filme auf DVD: Ohne Hühnchen

Die missratene Hitchcock-Collection von Universal

Man hätte es ahnen können – und doch ist man dann immer wieder verblüfft. Als die DVD aufkam, verhieß sie philologische Errungenschaften, von denen man bis dahin kaum zu träumen wagte. Aber die Illusion vom vollkommenen cineastischen Glück währte nicht lange. Denn natürlich stellte sich bald heraus, daß dieselbe Verbrecherbranche, die für die verheerende Qualität von Kaufkassetten verantwortlich war, mit dem neuen Medium nicht weniger fahrlässig umging. Es gibt zwar Originalfassungen und Untertitel, Audiokommentare und Drehbuchvergleiche, alternative Enden und anderes Zusatzmaterial – und es wäre schön, wenn man sagen könnte: nicht immer, aber immer öfter. Es gilt indes: immer öfter nicht. Weil jeder am großen Geschäft teilhaben will, finden sich immer häufiger DVDs, die nur die deutsche Tonspur enthalten. Gerade ist endlich SHORT CUTS von Robert Altman auf den Markt gekommen – nur auf deutsch. LEAVING LAS VEGAS kursiert schon seit längerem nur in der deutschen Fassung. Das hat damit zu tun, daß die Rechte zu teuer waren; deshalb sind diese Fassungen auch vergleichsweise billig. Aber wozu dann der ganze Aufwand?

Vollends bizarr wird es allerdings, wenn Universal die Filme von Alfred Hitchcock in einer sogenannten Collection auf den Markt bringt, die sich cinephil gebärdet, aber das Ansehen des Meisters mit Füßen tritt. Die Ausgabe kursierte seit einiger Zeit in vergleichsweise teuren Boxen, jetzt sind die Filme auch einzeln erhältlich und kosten verlockenderweise nur um die zehn Euro. Das ist grundsätzlich erfreulich, zumal die Filme fallweise mit durchaus interessantem Zusatzmaterial ausgestattet sind: den stets grandiosen Kinotrailern, in denen Hitch persönlich auftritt, und überwiegend gelungenen Dokumentationen über Entstehung oder Restaurierung. Und tatsächlich ist schwer zu entscheiden, ob dieses Bonusmaterial nicht womöglich den jeweiligen Malus aufwiegt. Für zehn Euro oder drunter.

Doch letztlich überwiegt doch der Verdruß über die Dämlichkeit des Umgangs mit dem Original. Bei FENSTER ZUM HOF kann man zur Not noch nachvollziehen, daß das ursprünglich schmalere 4:3-Format auf der DVD in 5:3 präsentiert wird – das heißt, daß oben und unten immer ein Stück fehlt. Das ist ärgerlich, aber entspricht der gängigen Unsitte, die heute oft breiteren Fernsehformate möglichst auszufüllen – sonst entstünde rechts und links ein schwarzer Rand. Bei dem Western RIO BRAVO führt das dazu, daß den Cowboys stets die Hüte und die Stiefel fehlen. Geradezu schwachsinnig ist es jedoch, DIE VÖGEL, der ursprünglich mal Breitwandformat besaß (1:1,85), auf 1:1,33 zurechtzustutzen – so daß rechts und links ein gutes Stück vom Bild einfach fehlt. Wenn sich zwei Leute gegenübersitzen, sieht man also vor allem ihre Nasen von den Bildrändern ins Bild hineinragen. Die ganze Sache ist um so idiotischer, als in der wirklich sehenswerten Dokumentation das Originalformat durchaus respektiert wird und die Bilder in voller Breite zu sehen sind. Man kann sagen, daß all dies immer noch besser ist als die sogenannten Pan&Scan-Versionen, in denen Breitwandbilder elektronisch abgeschwenkt wurden, um zwei Leute, die sich gegenübersitzen, wenigstens wechselweise zu zeigen. Was ursprünglich eine ruhige Einstellung war, wurde dann entweder in einen Schwenk verwandelt, der erst den linken, dann den rechten Rand zeigte, oder gleich durch einen Schnitt zerteilt – da waren Metzger am Werk.

Dazu kommt aber, daß in DIE VÖGEL ausgerechnet ein Moment fehlt, der sich jedem, der den Film gesehen hat, unauslöschlich eingeprägt hat: Wenn nämlich die Kinder unter der Führung ihrer Lehrerin sich ganz leise aus dem Schulhaus bewegen sollen, weil die Vögel bereits Position auf einem nahen Klettergerüst bezogen haben. In der „Collection“-Fassung sieht man nur, wie die Kinder instruiert werden, und dann schon ihre panische Flucht – der Part dazwischen fehlt einfach. Daß in PSYCHO einige jugendfreie Schnitte angebracht wurden, ist im Vergleich dazu fast schon eine läßliche Sünde.

Was Universal geritten haben mag, solchen Schrott auf den Markt zu bringen, ist vollständig schleierhaft. Aber Sir Alfred leibhaftig zu sehen, wie er im Trailer zu PSYCHO den Genickbruch des Detektivs nach dem Treppensturz gestisch anzudeuten versucht oder für DIE VÖGEL auf den Verzehr eines Hühnchens verzichtet, ist trotzdem immer wieder eine Schau.

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