17. Juli 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | DVD-Kritik, Rezension | Filme auf DVD

Filme auf DVD

Vier Filme von Virgil Widrich

Der Salzburger Virgil Widrich ist offenbar eine Art Multimediatalent. Der Mann hat mit Peter Greenaway gearbeitet, einen Arthouse-Verleih betrieben, CD-Roms gestaltet und nebenher noch an seiner Karriere als Filmregisseur gebastelt. Der Ausdruck ist insofern gerechtfertigt, als Widrich durchaus am handwerklichen Aspekt des Filmemachens interessiert ist. In einer Zeit, da an Computern daran gearbeitet wird, Effekte so realistisch wie möglich aussehen zu lassen, geht es in COPY SHOP und FAST FILM eher ums Gegenteil: die Arbeit sichtbar zu machen, die hinter jedem einzelnen Trickbild steckt. In seiner Arbeit als Animator befaßt sich Widrich weniger damit, unbelebte Objekte zu animieren, als das Filmbild selbst zu beleben. Man hat den Eindruck, dabei zusehen zu können, wie das Kino in seine Bestandteile zerlegt und neu zusammengesetzt wird. Für FAST FILM hat Widrich 65 000 Filmbilder ausgedruckt und zu Objekten gefaltet, die er dann wiederum Bild für Bild belebt hat. So inszeniert er mit Bildern aus zahllosen Hollywoodfilmen eine Verfolgungsjagd, in der Papierflieger und -züge als rasende Leinwände die Vorbilder in einen neuen Kontext stellen und ihnen ein neues Gesicht verleihen. Die Filmgeschichte wird auf diese Weise bei ihm zu einer Spielart von Origami. Wobei die Falzränder genauso für eine neue Stofflichkeit sorgen wie jene Papierränder, die nicht geschnitten, sondern gerissen wurden. Im Grunde ist FAST FILM 14 Minuten Hollywood für Heimwerker, ein Actionfilm zum Selberbasteln.

Der zwölfminütige COPY SHOP, der 2001 für einen Kurzfilm-Oscar nominiert war, besteht wiederum aus 18 000 Trickfilmkadern, die tatsächlich aussehen, als kämen sie aus dem Kopierer. Das paßt wiederum zur Phantomhaftigkeit der Geschichte, die von einem Mann im Kopierladen erzählt, der sich am Kopierer selbst vervielfältigt und am Ende einer Armee von Kopien seiner selbst gegenübersteht, die ihm erst auf dem Fuße folgen und sich ihm schließlich im ewigen Kopierkreislauf in den Weg stellen. In beiden Filmen wird der Funktionsweise des Kinos auf unterhaltsame Weise ein Zerrspiegel vorgehalten.

Entsprechend versucht der Kurzfilm TX-TRANSFORM, den Widrich 1998 zusammen mit Martin Reinhart gedreht hat, die Koordinaten der Wahrnehmung selbst außer Kraft zu setzen, indem die Raum- und die Zeitachse vertauscht werden. Wo sonst das einzelne Bild den ganzen Raum, aber nur eine Vierundzwanzigstelsekunde zeigt, bildet es nun jeweils die gesamte Dauer, aber nur einen Bruchteil des Raumes ab (Foto oben). Ein hintersinniges Unterfangen, das die kurze Geschichte einer nächtlichen Zugfahrt aussehen läßt, als seien die Bilder wie ein Handschuh umgestülpt worden. In allen drei Fällen verwandelt Virgil Widrich das Kino in ein Spiegelkabinett, in dem man sich als Betrachter in kürzester Zeit hoffnungslos verirrt.

4 Films by Virgil Widrich: FAST FILM, COPY SHOP, HELLER ALS DER MOND, TX-TRANSFORM, EX-DVD 03 (www.extraplatte.at)

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