31. Mai 2000 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Clint Eastwood

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Clint Eastwood wird 70 – und das Alter steht ihm immer besser

Über den Mann ist alles gesagt, und doch ist es immer wieder aufs Neue ein Vergnügen, bestätigt zu sehen, was man über Eastwood bereits zu wissen glaubt. Dazu muss man etwas ausholen, um den Wert und die Glaubwürdigkeit des Folgenden besser einordnen zu können.

Unlängst ist ein Buch des Drehbuchautors William Goldman erschienen, „Which Lie Did I Tell?” (Pantheon Books, $ 26,95), in dem die mehr oder minder desillusionierenden Erfahrungen auf dem Weg vom Drehbuch zum Film geschildert werden. Dabei findet sich kaum ein Projekt, bei dem Goldman nicht vom Studio, Produzenten oder Regisseur belogen, betrogen oder über den Tisch gezogen wurde. Mit einer Ausnahme: ABSOLUTE POWER, von dem Goldman sagt, das sei weißgott kein großer Film geworden, aber es sei eine großartige Erfahrung gewesen.

Goldman, der mit der Adaption des Romans große Probleme hatte, beschreibt da sein Treffen mit Eastwood, von dem er befürchtete, er werde sein Drehbuch in der Luft zerreißen. Ein kleines Produktionsbüro auf dem Studiogelände von Warner, nur zwei Angestellte – und das in einer Welt, wo die Größe und Lage solcher Büros immer auch Status und Selbstverständnis der Stars widerspiegeln muss. Goldman sitzt also da und ist aufs Schlimmste gefasst, als Eastwood fragt, ob man die Präsidentengattin in die Suche nach dem Mörder einbinden könne. Goldman erleichtert: kein Problem. Und ob man die Tochter des Detektivs in eine Gefahrensituation bringen könne, das sei vielleicht hilfreich. Auch da sieht Goldman kein Problem. Und dann? Dann ist die Drehbuchbesprechung beendet. Und das obwohl sich solche Treffen normalerweise über Tage hinziehen und noch nie ein Drehbuchautor so eine Besprechung glücklicher verlassen hat, als er sie begonnen hat.

Dann fragt jemand nach dem Casting, und Eastwood verzieht das Gesicht. Er besetzt seine Rollen lieber nach Sympathie. „Wenn ich jemanden mag, dann rufe ich ihn an, ob er bei mir spielen möchte. Scheint auch zu funktionieren. ” Und dann beginnt Eastwood plötzlich zu strahlen, weil der kleine Sohn seiner Mitarbeiter hereinkommt. Er nimmt ihn auf den Arm, geht mit ihm zum Wagen und verabschiedet sich von Goldman. Der schreibt: „Jeder Drehbuchautor sollte so ein Treffen haben, bevor er stirbt. ”

Später bei den Dreharbeiten in Baltimore beobachtet er dann Eastwood, wie effektiv er arbeitet und die meisten Szenen schon beim ersten Mal klappen. Oft sagt er den Schauspielern: „Sagen Sie einfach schon mal Ihre Sätze und kümmern sich gar nicht um uns – wir arbeiten noch ein bisschen an der Beleuchtung. ” Und wenn der Schauspieler fertig ist, stellt sich heraus, dass die Kamera mitgelaufen war und die Szene bereits im Kasten ist.

Dann ist Mittagspause, und Eastwood marschiert an seiner wartenden Limousine vorbei, um zu Fuß zur Kantine zu gehen – und ehe die ungläubigen Passanten reagieren können, ist er schon ein paar Schritte weiter. Und dann stellt er sich – unglaublich – auch noch bei der Essensausgabe wie alle anderen in die Schlange. Wer das für normale Höflichkeit hält, übersieht, dass nirgends so auf Hierarchie geachtet wird wie beim Film. Und Goldman, der sonst mit Häme nicht spart, schreibt abschließend: „Ich glaube, dass sich Eastwood (wie übrigens auch Paul Newman) deswegen all die Jahre ganz oben gehalten hat, weil er sich selbst treu geblieben ist: weil er trotz seines Ruhms und trotz der Millionen auf ihn gerichteten Blicke ein Mensch wie wir alle ist. ”

Eastwood ist also tatsächlich ein Mann, der sich selbst nicht wichtiger nimmt als seine Filme – und die Filme nicht wichtiger als das Leben. Das verbindet ihn als Regisseur mit den großen alten Männern des Westerns wie John Ford und Raoul Walsh, die sich auch nie länger als nötig mit dem Inszenieren aufhielten, und als Schauspieler mit Typen wie Gary Cooper oder Robert Mitchum, die wussten, dass es in ihren Rollen vor allem auf Haltung ankommt. In jedem Fall gehört Eastwood zu jenen Künstlern, die sich zuerst einmal als Handwerker begreifen – und dazu gehört eben auch, das man bei der Arbeit weder Material noch Zeit verschwendet. Und wie seinen Vorbildern geht es ihm nicht darum, das Kino neu zu erfinden, sondern mit bewährten Mustern zu spielen – Western, Polizeifilm, Thriller, Musikfilm. Dabei kommen so wunderbar gelassene Filme heraus wie ERBARMUNGSLOS, HONKTONK MAN, BRONCO BILLY, BIRD, PERFECT WORLD, TRUE CRIME, PALE RIDER, DER TEXANER und wie sie alle heißen, 21 Filme insgesamt, die zum Schönsten gehören, was das amerikanische Kino im letzten Vierteljahrhundert hervorgebracht hat.

Vielleicht rührt diese Selbstverständlichkeit des Erzählens bei Eastwood auch daher, dass er sozusagen eine Erfindung des Kinos selbst ist. In einer Dutzendrolle einer Western-Serie hat er angefangen, wurde dann bei Sergio Leone zum Fremden ohne Namen, ehe er den Dirty Harry bei Don Siegel spielte. Zum klassischen Helden verhielt sich Eastwood wie diese Anfänge zu ihren Vorbildern. Und womöglich funktionieren seine Filme als Regisseur so gut, weil er aus seinen Erfahrungen als Schauspieler instinktiv wusste, wie viel ironische Distanz seine Helden brauchen und wie viel Nähe sie vertragen. Schon seine erste Regiearbeit „Play ,Misty‘ for Me” handelte von einem Discjockey, der von einem weiblichen Fan verfolgt wird, also von einem Helden, dessen Intimsphäre bedroht ist. Und so spielte er immer weiter Männer, die in die Enge getrieben werden oder vor dem Abgrund stehen und versuchen müssen, ihre bedrohte Identität zu wahren. Seine Entschlossenheit wirkte um so grimmiger, je gebrochener seine Figuren angelegt waren. Wobei sich im Alter allmählich eine gewisse Milde breit macht, auch in der Inszenierung von Bestsellerverfilmungen wie DIE BRÜCKEN VON MADISON COUNTY oder MITTERNACHT IM GARTEN VON GUT UND BÖSE, denen er spielend seinen Stempel aufdrückt. Es setzt sich jene Erkenntnis durch, die er in der Arbeit längst schon verwirklicht hat: Die einzige Heimat, die dem wahren Helden bleibt, ist die Familie.

70 Jahre alt wird er heute, und das Schönste daran ist, dass kein Ende abzusehen ist.

1 Kommentar

  1. Ein „Textgeschenk“, das einen beim Lesen beglückt.

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