18. Juli 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Porträt | Hartmut Bitomsky

Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Kinowahrheiten des Hartmut Bitomsky sind trotz B-52-Bombern ein veritables Lektürevergnügen

Der schönste Filmbuchtitel stammt von ihm, und man muß ihn sich richtig auf der Zunge zergehen lassen: „Die Röte des Rots von Technicolor“. Alles, was Hartmut Bitomskys Texte ausmacht, steckt da schon drin: eine Genauigkeit der Wahrnehmung, ein Bewußtsein von den Produktionsweisen des Kinos und ein Schuß Poesie. Im Vorwort zu „Kinowahrheit“ schreibt nun der Regisseur Christian Petzold, er habe „Die Röte des Rots“ so „gelesen, wie ich Langspielplatten hörte. Stückweise.“

Das gibt einen ganz guten Eindruck davon, wie man sich Bitomskys Texten nähern kann. Indem man sich beim Hineinlesen mit ihrem Sound vertraut macht. Ein paar Takte genügen, dann ist man schon gefangen. Die Worte sind mit Bedacht gesetzt, aber die Texte kommen nie bedächtig daher. Über Michael Ciminos HEAVENS’S GATE schreibt er etwa: „Der Film ist lang. Die Momente dehnen sich mächtig aus. Die Story zeichnet sich in ihnen nur schwach ab. Meistens steht sie auf der Stelle, und wenn sie sich bewegt, in kleinen Schüben, dann sehr oft jenseits der Bilder und der Darstellung. Die Hemmnisse herrschen über das Handeln.“

Das war 1983, als es mit der Zeitschrift „Filmkritik“, deren Mitherausgeber und Redakteur Bitomsky seit 1973 war, langsam zu Ende ging. Aber das Schreiben über den Film war für ihn immer nur eine von vielen Arten, mit Bildern umzugehen. Von Anfang an machte er auch selbst Filme, in den frühen Siebzigern Lehrfilme zur politischen Ökonomie mit Harun Farocki, dann 1975 den Spielfilm AUF BIEGEN UND BRECHEN, dazu Dokumentationen über John Ford und Humphrey Jennings – und 1980 dann den wunderbaren amerikanischen Reisefilm HIGHWAY 40 WEST. Seither hat er sich fast ganz aufs Filmen verlegt, zuletzt auf die Dokumentation B-52, über den Mythos der gleichnamigen Bomber (unser Foto), aber weil diese Arbeiten genauso seinem Schreibstil verpflichtet sind, ist auch deren Lektüre ein Vergnügen. Man kann das in „Kinowahrheit“ anhand der Texte, die im Zusammenhang mit seinen Filmen DER VW KOMPLEX, DEUTSCHLANDBILDER oder DAS KINO UND DER TOD entstanden sind, überprüfen. So heißt es einmal in „Der Kotflügel eines Mercedes-Benz“, beim Lesen der Texte aus der Nazi-Zeit falle auf, „mit welcher Vorliebe sie trotzdem zu schreiben pflegen, wenn es den Satz auch nach einem obwohl oder obgleich verlangt. Sie halten die beiordnenden und unterordnenden Konjunktionen nicht auseinander, und das mit einer Unbeirrbarkeit, die auf eine Absicht schließen läßt und nicht allein auf Unvermögen.“

Gerade dieser Text, der im Zusammenhang mit einer Arbeit über Nazikulturfilme entstanden ist, veranschaulicht aufs schönste, wieviel ein genauer Blick zutage fördern kann und wie wichtig es ist, sich dabei stets der eigenen Befangenheit bewußt zu sein. Man muß wissen, daß man blind wird, wenn man die Filme nur noch als Belegmaterial begreift, wenn sie gegen sich selbst aussagen, „wie man es mit Agenten macht, die übergelaufen und umgedreht worden sind“. Daß das Zögern und Zweifeln auch Eingang in seine Texte findet, macht sie so anschaulich. Weil er die Bilder nie fürs Ganze nimmt, sondern sie in Bezug setzt, gewinnen sie fast schon eine neue Materialität. Was er schreibt, geht nicht in den Filmen auf, sondern hält in jedem Fall jene Distanz zu den Bildern, in der der Schreibende selbst sichtbar wird – so wie Bitomsky sich als Regisseur in seinen Filmessays auch gerne selbst bei der Arbeit vor den Monitoren zeigt, nicht aus Eitelkeit, sondern um zu zeigen, aus welcher Position heraus er mit den Bildern umgeht. Statt die Filmausschnitte einfach einzublenden, nimmt er die Filmfotos in die Hand, zeigt die Abläufe blätternd von Hand. Ähnlich plastisch treten einem die Filme beim Lesen seiner Texte entgegen.

Der Betrachter selbst ist als Gegenüber immer wieder präsent: „Die Leute in den Filmen der Nouvelle Vague waren mir so nah gewesen, daß ich sie wie unerträgliche Übertreibungen empfand. Ich kritisierte sie, heftig, wie man Geschwister kritisiert, deren haltlose Prahlereien man zu genau kennt und durchschaut.“ Das ist 1981 erschienen, unter dem Titel „Ein neuer Godard“, und schon darin wird klar, daß das Wissen um die alten Godards in seinem Schreiben aufgehoben ist. Heutzutage finden die neuen Godards gar nicht mehr ins Kino, sondern versanden auf Festivals.

Es gibt viele schöne Sätze in diesem Buch, das bei jedem Durchblättern mit neuen Erkenntnissen überrascht, aber der schönste ist womöglich folgender, der ihm beim Sehen des Dutzendfilms VERGEWALTIGT HINTER GITTERN einfällt, als die Kamera einen Sprung über einen Zaun mit einer Kranfahrt einfängt: „Vielleicht ist das die einzig mögliche Form der Freiheit, zwei graziöse Meter über der Erde beim Einbruch und von einer Kranfahrt gewiegt, Polizei auf den Fersen.“ Genau darum geht es beim Schreiben über Film: Daß man etwas sieht, was so noch keiner gesehen hat, obwohl es für alle sichtbar wäre.

Hartmut Bitomsky: „Kinowahrheit“. Verlag Vorwerk 8, Berlin 2003. 288 S., Abb., br., 19 Euro

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