11. August 1999 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Victor Mature

Sein oder nicht

Unser Mann fürs Grobe: Schauspieler Victor Mature mit 84 Jahren gestorben

Wenn es etwas gibt, was Stars auszeichnet, dann ist es die Tatsache, dass sie nicht von der Schauspielkunst alleine leben. Es schadet nichts, wenn sie ihr Handwerk beherrschen, aber im Unterschied zum Theater kann sich das Kino auch Leute leisten, die keinerlei Talent mitbringen. Aussehen, Attitüde oder Präsenz reichen mitunter völlig. Victor Mature etwa wurde niemals nachgesagt, er sei ein geborener Mime, und was das angeht, hat er sich auch keine Illusionen gemacht: „Ich bin kein Schauspieler”, hat er gesagt, „und es gibt 64 Filme, die das beweisen.” Trotzdem hat er es zu was gebracht – und sei es nur zu einem Platz in unserem Herzen.

Er hat 1940 als Höhlenmensch Tumak in dem Prähistorienfilm ONE MILLUION B.C. angefangen – und ist auf dieser Evolutionsstufe sozusagen stehengeblieben. Ein Mann fürs Animalische, Exotische, Unzivilisierte. Er war Samson, Demetrius und Hannibal, hat Tartaren und Ägypter, Mongolen und Indianer gespielt. Und wenn er in der Gegenwart auftrat, dann war er eine Tonne Muskeln in einem Anzug – mit zwei Tonnen Brillantine im Haar. Ein Mann fürs Grobe und ein gefundenes Fressen für Frauen, die schnelle Befriedigung, aber keinen Partner fürs Leben suchen – und davon gab es in den Filmen der Vierziger und Fünfziger Jahre genug. Zum Beispiel Hedy Lamarr, die als Delilah zusieht, wie der in Liebe erblindete Mature in einer Sklavenmühle im Kreis läuft. Ein tödlich verwundetes Tier, das nicht versteht, wie es in diese Situation geraten ist. Natürlich musste Mature in DAMSON UND DELILAH Sätze sagen, die jedem Schauspieler die Schamesröte ins Gesicht steigen ließen, aber er hatte so eine aufrichtige Art, mit seiner ganzen physischen Präsenz für seine Rolle einzustehen, die es unmöglich machte, nicht mit ihm zu fühlen.

Beefcake nannte man die Posen, in denen die Studios ihre männlichen Pinups präsentierten. Da stand Mature in einer Reihe mit Lancaster, Curtis, Hudson und all jenen, die der Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer ein Gesicht verliehen – aber darin an letzter Stelle: zu offensichtlich in seinem Appeal, zu stolz die Brust geschwellt, zu weiß die gebleckten Zähne, zu ölig die ganze Erscheinung. Im Grunde sah er aus wie eine Karikatur von Dean Martin, noch mehr Sülze, aber definitiv keine Spur von Ironie. Und trotzdem brachte es auch er zu großen Rollen: In Hathaways KISS OF DEATH wurde er noch von Richard Widmark überschattet, aber in John Fords MY DARLING CLEMENTINE kann er als Doc Holliday sogar Henry Fonda durchaus Paroli bieten. Auch hier ist er ein Mann, der vor den Schatten der Vergangenheit in immer größere Finsternis flieht, in Suff, Hass und Verachtung, aber doch instinktiv fasziniert ist, wenn ein Wanderschauspieler auf den Tisch steigt und Hamlets Monolog rezitiert – den will er hören und sich dabei auch nicht stören lassen. Ein großer Moment, in dem das Kino dem Theater zeigt, was eine Harke ist.

Mature hat sich zurückgezogen, sobald das Kino nach anderen Attraktionen suchte. Er hatte sein Geld in eine Kette von Fernsehgeschäften gesteckt, als das neue Medium boomte. Der Mann war eben smarter, als die meisten wahrhaben wollten. Letzten Mittwoch ist Victor Mature in Rancho Santa Fe im Alter von 84 Jahren gestorben.

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