Jean-Claude Lauzon | Michael Althen

13. August 1997 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Jean-Claude Lauzon

Cold, cold ground

Filmregisseur Jean-Claude Lauzon 
bei Absturz ums Leben gekommen

Fünf Jahre hatte es gedauert, ehe der Kanadier Jean-Claude Lauzon nach seinem in Cannes umjubelten Erstling UN ZOO LA NUIT einen zweiten Film nachlegte. Das Warten hatte sich gelohnt: LEOLO war ein Gedicht von einem Film, eine grelle Träumerei, an der stets rabenschwarze Alpträume nagten. Ein kleiner Junge sehnte sich hinaus aus seiner Welt der düsteren Hinterhöfe im Armenviertel Montréals in ein lichteres Sizilien, fort aus seinem Alltag in die Wunderwelt eines Romans. Aber er zahlte einen hohen Preis für seine Träume.

Seither waren schon wieder fünf Jahre vergangen, und man fing an, sich zu fragen, wann Lauzon wohl wieder einen Film machen würde. Daraus wird nun nichts mehr: Der 44jährige ist beim Absturz seiner Cessna in einem Unwetter 100 Kilometer vor der Eskimo-Siedlung Kujuuak ums Leben gekommen.

Als Lauzon 1993 für LEOLO in München war, hat er mit dem charmantesten Lächeln erzählt von seiner Angst vor dem leeren Papier, vor den Entscheidungen am Drehort, vor dem Wankelmut des Talents. Und davon, daß er sich in der Einsamkeit der kanadischen Wälder viel wohler fühle und einmal 16 Tage lang in einem Baum auf der Lauer gelegen habe, um mit Pfeil und Bogen einen Hirsch zu erlegen. Er sagte auch: „Man muß schon verrückt sein, sich dem Kampf des Filmemachens zu stellen, wenn man die Möglichkeit hat, einfach ins Flugzeug zu steigen und über die Wälder zu fliegen. ”

Am Ende seines nun letzten Films hat Lauzon Tom Waits mit seiner Grabesstimme vom „Cold, Cold Ground” singen lassen. Der Boden muß verdammt kalt gewesen sein in der Provinz Quebec, als Jean-Claude Lauzon vergangenen Sonntag von einem Fischereiausflug zurückkehren wollte. Mit ihm starb seine Begleiterin, die 27jährige Schauspielerin Marie-Soleil Tougas.

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