Bernd Eichinger

Als er vergangenen April von der Deutschen Filmakademie für sein Lebenswerk geehrt wurde, waren sich nicht alle ganz sicher, ob Eichinger mit seinem sechzig Jahren nicht noch zu jung für einen Ehrenpreis sei. Ihm selbst dürfte es nicht anders gegangen sein. Und natürlich war ihm klar, dass es Leute gab, die unterstellen würden, dass die von ihm auf den Weg gebrachte Akademie, die seine Filme unerwartet regelmäßig sehr zurückhaltend bedacht hatte, auf diese Weise verfrüht Wiedergutmachung betreiben wollte.

Man muss das noch mal erwähnen, um zu begreifen, was dann geschah. Dass Eichinger, als er auf die Bühne gerufen wurde, nicht wirklich wusste, wie er empfangen würde. Und der Saal auch nicht unbedingt wusste, wie er reagieren würde. Und dann kam alles anders. Denn natürlich war im Moment seines Auftauchens allen wieder schlagartig klar, was der Mann wirklich bedeutet; und wo der deutsche Film wäre ohne ihn. Jedenfalls ganz sicher nicht in diesem Saal. Und so erhoben sich alle und wollten gar nicht mehr aufhören mit den Ovationen. Und Eichinger, der gerne den harten Hund gab, aber doch ein durch und durch sentimentaler Kerl war, war davon so sichtlich angerührt, dass sich die Menge immer noch mehr daran begeisterte, wie viel ihr Respekt diesem Mann bedeutete. Und so waren beide Seiten ganz überrascht von ihrer Liebe, die zu diesem magischen Moment führte. Und noch vergangenen Monat hat er in einem Gespräch bezeugt, wie sehr ihn das angefasst habe. So sagte er das, und mehr musste er auch nicht sagen. Er war kein Mann der Worte, aber er wusste, worauf es ankommt.

Nicht auszudenken heute, die Deutsche Filmakademie hätte ein Jahr länger mit ihrer Ehrung gewartet. Das hätte sich der deutsche Film nie verziehen. Auch ohne zu wissen, wie glückhaft dieser Abend verlaufen ist.

Große Worte sagen sich jetzt so dahin, und natürlich muss man im Feuilleton nicht so tun, als hätte man immer nur freundliche Worte für ihn gehabt. Nicht alles war gelungen, was er anpackte – da machte er auch selbst keinen Hehl daraus. Wo er vom Gelingen aber überzeugt war, suchte er auch die Auseinandersetzung. Er kämpfte stets mit offenem Visier, und auch das ist keine Selbstverständlichkeit bei Leuten, die sich gut und gerne auf ihren Erfolg zurückziehen könnten. Offenheit war nicht nur eine Tugend, die er sich mal so nebenher leistete, sondern auch eine Triebfeder seines Erfolgs. Und bei aller Kritik musste man schon ganz schön blind sein, wenn man nicht erkannte, was für eine singuläre Erscheinung Bernd Eichinger war und wie sehr seine Erfolge, die in manchen Jahren fast im Alleingang den Bestand des deutschen Kinos garantierten, grundlegend waren für das, was wir heute mit Mühe für selbstverständlich halten: eine Professionalität im Umgang mit Filmen, Stars und Stoffen, die natürlich an Hollywood geschult ist, aber deutsche Verhältnisse berücksichtigt.

Man darf dabei nicht vergessen, dass der Mann zu einer Zeit angetreten ist, großes Kino in Deutschland zu machen, als die Filmbranche hierzulande in anderen Kategorien dachte. So liegen seine Anfänge als Produzent tatsächlich beim Autorenfilm, als er in den Siebzigern nach einem Studium an der Münchner HFF FALSCHE BEWEGUNG von Wim Wenders, DIE STUNDE NULL von Edgar Reitz, HITLER -EIN FILM AUS DEUTSCHLAND von Hans-Jürgen Syberberg, GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD von Maximilian Schell oder DIE GLÄSERNE ZELLE von Hans W. Geißendörfer produzierte, der dann auch für den Oscar nominiert wurde – aber seine Geburt als Produzent, wie er sich das eigentlich vorstellte, folgte erst 1981 mit CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO, einem Stoff, den er entdeckt, entwickelt und nach seinen Vorstellungen ins Kino gebracht hat – und als es mit Roland Klick nicht ging, dann eben mit Uli Edel. Aber es war ein Eichinger-Film, und seither hat er das Bild vom Produzenten in Deutschland geprägt wie kein anderer.

Dass dazu in seinem Fall Turnschuhe und Röhrenjeans gehörten, zeigt nur, dass er stets abgelehnt hat, irgendwelchen Gepflogenheiten zu folgen. Er wusste, was er seinem Image schuldig war, und hat dem Affen Zucker gegeben. Eichinger wurde so sehr eine eigene Marke, dass die meisten gar nicht mehr genau unterscheiden konnten, ob er einen Film mit der von ihm einst marode übernommenen Constantin nur verliehen oder selbst produziert hatte. Mit der UNENDLICHEN GESCHICHTE und DER NAME DER ROSE machte er jedenfalls auf derselben Schiene weiter, aber wer glaubt, erfolgreiche Romane zu verfilmen sei quasi ein Selbstläufer, muss nur mal lesen, wie Eichinger selbst einst in der Zeitschrift „Transatlantik“ seine Verhandlungen mit amerikanischen Studios beschrieben hat, als es nur noch vier Tage bis zum Drehbeginn der ROSE waren und Hunderte von Mitarbeitern im hessischen Kloster Eberbach bereitstanden, während er in Los Angeles noch um Unterschriften zitterte, bei denen es um dreißig Millionen Mark ging.

Da schreibt er dann, wie ihn nach seiner Rückkehr die Journalisten auf der Pressekonferenz fragen, wieso er eigentlich nur Bestseller-Verfilmungen mache – wegen der Sicherheit? Er lässt diese Frage so stehen, weil nach der Schilderung der Verhandlungen klar ist, dass in diesem Geschäft wirklich nichts sicher ist – am allerwenigsten die vermeintlich sicheren Sachen. Und schildert dann lieber, wie er die erste Klappe erlebt, als die Kamera endlich rollt und er weiß: „Jetzt – in diesem Augenblick entsteht eine neue Realität. Meine – und keiner weiß davon. Denn dieser Augenblick gehört nur mir.“

Natürlich genügt es nicht, einen guten Stoff mit guten Leuten zusammenzubringen, damit sich das Publikum dann automatisch einstellt. Man sieht ja schon an dem Umstand, dass Eichinger in dieser Disziplin konkurrenzlos geblieben ist, dass genau das womöglich das Schwierigste ist: das richtige Zusammenspiel zwischen all den Elementen eines Films zu finden, die Energie zu haben, ein Projekt gegen alle Widerstände durchzuziehen, den Instinkt, was bei den Leuten ankommt, und das Glück, das in der Tat in diesem Job nur den Tüchtigen hold ist.

Die Krönung all der Stoffe, an die er von LAST EXIT BROOKLYN über das GEISTERHAUS bis zu den ELEMENTARTEILCHEN geglaubt hat, war sicherlich jener, hinter dem er jahrelang hergejagt ist: DAS PARFÜM von jenem Patrick Süskind, der für Helmut Dietl in ROSSINI Heiner Lauterbach vergeblich hinter den Rechten seines Romans herjagen ließ. Dass es Eichinger irgendwann doch schaffte, die Fiktion Lügen zu strafen, spricht für seine Hartnäckigkeit oder was es sonst noch braucht, das Unmögliche doch zu erzwingen. Und trotzdem war er klug genug, die Regie Tom Tykwer zu übertragen, weil er bei seinen eigenen Regie-Projekten MÄDCHEN ROSEMARIE und DER GROSSE BAGAROZY bei aller Ambition gesehen hatte, dass Überzeugung und Talent allein eben nicht reichen, um jenen Überschuss zu erzielen, auf den es im Kino am Ende ankommt.

Seinen nicht minder ambitionierten Projekten DER UNTERGANG und DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX drückte er dann ebenfalls seinen persönlichen Stempel auf, obwohl sie von anderen inszeniert wurden, und die Oscar-Nominierungen für die beiden waren ihm natürlich eine Herzensangelegenheit, für die man ihn gerne auf der Bühne gesehen hätte. Denn wer so viel Erfolg hatte wie er, weiß, dass es irgendwann nicht mehr auf die einzelnen Filme ankommt, sondern auf den Respekt, den man sich verdient hat. Was für ein Glück, dass man ihm den in den letzten Jahren reichlich erwiesen hat.

Einer seiner Lieblingsfilme war Viscontis LEOPARD, in dem Burt Lancaster sagt, die Dinge müssten sich ändern, um die gleichen bleiben zu können. Und dann verlässt er das Fest im Morgengrauen, während die Kirchenglocken läuten, und es ist klar, dass nichts mehr sein wird, wie es war.

Bernd Eichinger ist am Dienstag in Los Angeles bei einem Essen einem Herzinfarkt erlegen. Er wurde nur 61 Jahre alt. Aber er war doch schon ein Leopard.

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27. Januar 2011 von marieundtom
Kategorien: Nachruf | Kommentare deaktiviert für Bernd Eichinger