Screener

Seit drei Wochen tobt in Hollywood der Krieg um die sogenannten Screeners, die von den Studios versandten Vorab-Kassetten und -DVDs, jetzt ist zumindest ein Waffenstillstand in Sicht. Die Entscheidung der Motion Picture Association of America (MPAA), keine Filme mehr an Stimmberechtigte zu verschicken, um der Videopiraterie Einhalt zu gebieten, hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Erst haben 140 Regisseure, dann 300 Schauspieler protestiert und schließlich die Filmkritiker von Los Angeles ihre Preisverleihung abgesagt. Der Bann der Screeners, so ihr Argument, benachteilige vor allem die unabhängigen Studios, deren kleinere Filme von weniger Leuten gesehen werden könnten. Das Ganze sei ein Komplott der großen Studios, denen der Erfolg der Independents bei den diversen Preisen schon seit langem ein Dorn im Auge ist. Jetzt scheint die MPAA zurückzurudern und den Bann aufheben zu wollen, zumindest teilweise. Statt der qualitativ überlegenen DVDs sollen wenigstens die guten alten VHS-Kassetten an Academy-Mitglieder verschickt werden dürfen, wenn sie mit einem Code versehen werden, mit dem sich Raubkopien zurückverfolgen lassen. Damit scheint die Branche zunächst besänftigt, bringt aber wiederum Verbände wie die Auslandspresse, welche die Globes vergibt, die Schauspielergilde und die Britische Filmakademie in Rage – deren Mitglieder scheinen weiter vom Bann betroffen. Während sich die Angelegenheit also weiter zu verkomplizieren scheint, hat gerade eine Studie der Filmindustrie Düsteres prophezeit. Im Jahr 2010, heißt es da, werden übers Internet jährlich voraussichtlich Filme im Wert von 870 Millionen Dollar legal heruntergeladen werden – es wäre fast eine halbe Milliarde mehr, wenn es keine Filmpiraterie gäbe. Schon jetzt werden schätzungsweise weltweit 6000 Filme pro Stunde illegal aus dem Internet geholt. Und je weniger Zeit der Vorgang beanspruchen wird, desto schneller wird diese Zahl steigen. Es wird der Film- also nicht anders als der Musikindustrie gehen, die gerade schwer unter den illegalen Kopien zu leiden hat. Wobei man als Konsument gerne mal die Verluste verrechnet sehen würde mit den Gewinnen, die bei der Umstellung von Platte auf die fast doppelt so teure, in der Herstellung aber billigere CD entstanden sind. Ähnliches gilt übrigens im Film für die Kinopreise.

Bann hin oder her, das Problem wird die MPAA auch über die Oscars hinaus verfolgen.

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23. Oktober 2003 von peter
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