Kinowelt

Wenn man 1998 vor dem Börsengang unter Filmkritikern herumfragte, ob sie an den Erfolg der Kinowelt-Aktie glaubten, erntete man nur ein müdes Kopfschütteln. Der Verleih hatte zwar im Vorjahr mit dem „Englischen Patienten“ und „Scream“ zum richtigen Zeitpunkt Erfolg gehabt, aber darüber hinaus kaum den Eindruck vermittelt, daß hier ein schlafender Riese zu wecken wäre. Wie es weiterging, ist bekannt: Die Aktie explodierte – und Kinowelt war plötzlich ein milliardenschweres Unternehmen, ein player.

Wenn man ein Jahr später unter Filmkritikern herumfragte, welcher der zahllosen an die Börse gegangenen Filmfirmen sie am ehesten einen langfristigen Erfolg zutrauen, hörte man am lautesten den Namen Kinowelt. Alle hielten es für eine vielversprechende Strategie des Unternehmens, sich möglichst schnell zu diversifizieren, um im Ernstfall mehrere Standbeine zu haben. Auch der Rest dieser Geschichte ist mittlerweile bekannt: Die Aktie stürzte ins Bodenlose – und seit dieser Woche wird über den Konkurs der Kinowelt spekuliert.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Zum einen natürlich, daß Filmkritikern niemals zu trauen ist – schon gar nicht in Finanzdingen -; und zum anderen, daß auch Aktien, die am Neuen Markt gehandelt werden, den Gesetzen der old economy unterliegen. Jeder, der die Branche länger beobachtet, weiß, daß im Filmgeschäft einem Erfolg viele Mißerfolge gegenüberstehen, die Investitionen also hoch und die Gewinnchancen letztlich niedrig sind. Der Börsenwahnsinn spiegelte also ohnehin nie real existierende Verhältnisse wieder – und schon gar nicht die des deutschen Kinos. Das hatte vom Boom nicht viel und muß deshalb jetzt auch nicht Trübsal blasen.

Natürlich gibt es Entlassungen, die schmerzen, und Filmprojekte, die jetzt trockengelegt werden – das sind Geschichten, die keine Branche gerne hört. Aber wer glaubt, das Börsendebakel werde dem deutschen Film, wie er sich im Kino präsentiert, in irgendeiner Weise schaden, hat nicht genau hingesehen. Es ist ja nicht so, daß mit dem Aktienboom im deutschen Kino auf einmal eine Goldgräberstimmung ausgebrochen wäre. Die Millionen sind keineswegs in Produktionen aus dem eigenen Land geflossen, sondern überwiegend in Rechte und Lizenzen ausländischer Filme und Serien, die buchstäblich um jeden Preis erworben wurden. Das hat den Börsenmillionen den Ruf des stupid money eingetragen. Aber so dumm waren die Deutschen nicht, daß sie ihr Geld vermehrt in deutsche Projekte gesteckt hätten. Man kann einwenden, daß dazu im schwerfälligen Filmgeschäft auch nicht ausreichend Zeit bestand, aber es darf bezweifelt werden, ob dem deutschen Kino ein goldenes Zeitalter bevorgestanden hätte, in dem plötzlich jene Gelder flüssig geworden wären, von denen man sich oft genug Besserung versprochen hat. Die Milliardenfonds deutscher Anleger stecken ihr Geld auch lieber in Hollywood-Produktionen.

Das war ja lange Zeit das Mantra der ewigen deutschen Filmverbesserer, es fehle dem deutschen Film an Geld, um endlich mit den anderen mithalten zu können. Lieber viel Geld für wenig Projekte, hieß es, als umgekehrt. Obwohl man nicht behaupten kann, daß es mit größeren Budgets besonders häufig gelungen wäre zu renommieren. Was im Ausland oder auf Festivals Furore machte – also Filme wie „Lola rennt“ oder „Der Totmacher“ -, lebte in keinem Fall vom Budget, sondern von Ideen und der Konsequenz, mit der sie umgesetzt wurden. So kann man mit Fug und Recht behaupten, daß es das deutsche Meisterwerk, das an mangelnder Finanzierung gescheitert wäre, überhaupt nicht gibt. Genausowenig wie es die bornierten Fernsehredakteure gibt, die brilliante Regisseure an ihrer Entfaltung hindern. Es gibt sie natürlich schon – aber wer wirklich gut ist, läßt sich davon nicht aufhalten. Was nicht heißen soll, daß etwas schon gut ist, nur weil es sich durchsetzt.

Die deutsche Kritik befindet sich da ohnehin in einer ewigen Zwickmühle. Sie wünscht sich natürlich auch erfolgreiche Filme, mag aber andererseits nicht jeden Erfolg beklatschen. Wenn aber die anderen Filme, von denen sie womöglich träumt, an der Kasse regelmäßig durchfallen, ist man schnell beim Subventionsbetrieb, der für die Kinolandschaft auch keine Lösung darstellt. Obwohl man im Kino immer alles zusammendenken muß, leben der Markt und die Kunst nebeneinander her. Im Idealfall gehen sie Hand in Hand, meistens tun sie das nicht. In jedem Fall fährt man besser, wenn man sich darauf konzentriert, gute Filme zu machen, statt auf den Erfolg zu spechten.

So oder so hat der Untergang eines Unternehmens wie der Kinowelt keinen Einfluß darauf – genausowenig wie der Erfolg eines Films wie „Der Schuh des Manitu“. Auch dessen Gewinne werden kein Geld für andere, anspruchsvollere Projekte nach sich ziehen, sondern in dieselbe Art von Filmen fließen. Im Zweifelsfall haben die dann Titel wie „Der Handschuh des Manitu“. Oder kann sich jemand daran erinnern, daß der gewaltige Erfolg der Otto-Filme in irgendeiner Weise der Filmkunst jener Jahre zugute gekommen wäre?

Für das deutsche Kino war das ganze Börsenwunder also ohnehin nur eine Fata Morgana. Anfangs vielleicht eine funkelnde Hoffnung, doch schon beim Näherkommen stellte sich heraus, daß alles nur heiße Luft ist. Es gibt keine Hoffnung für den deutschen Film. Darin liegt seine Chance. Oder wie Herbert Achternbusch sagen würde: Du hast keine Chance, also nutze sie.
MICHAEL ALTHEN

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06. September 2001 von marieundtom
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