Die Sendung mit der Maus

30 Jahre SENDUNG MIT DER MAUS. Wir können sagen, wir sind dabei gewesen. Wir können uns zwar an nichts erinnern. Aber man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass wir die erste Folge gesehen haben. Was hätte man denn sonst sehen sollen? Während Werner Höfer am Internationalen Frühschoppen (was für ein Wort!) herummoderierte, erklärte Marcel Prawy im österreichischen Fernsehen klassische Musik – das waren für Kinder keine echten Alternativen. Heute kann man von Glück reden, wenn Kinder inmitten all der anderen so genannten Kinderprogramme auf die Sendung mit der Maus stoßen. Was für ihre Eltern gut war, kann ihnen bestimmt auch nicht schaden.

Schließlich haben wir dort gelernt, wie Gummibärchen gemacht werden und Verkehrsschilder und allerlei anderes Zeugs. Nicht, dass wir uns an die Erklärungen erinnern könnten – das meiste gibt uns auch heute noch Rätsel auf –, aber das ist im Grunde auch gar nicht so wichtig. Das Entscheidende an den Sachgeschichten war, dass sie die Welt, die uns umgibt, als etwas Gemachtes entlarvten. Dass sie undurchdringliche Objekte wie eben Gummibärchen oder Verkehrsschilder, deren Existenz zu hinterfragen man nie auf die Idee gekommen wäre, in einen Kreislauf einreihten, der sich von alleine nie offenbart hätte. Dinge sind nicht da – sie werden gemacht. Das war ein irgendwie beruhigender Gedanke, der eine ganze Kindergeneration in Ingenieursberufe trieb und auch sonst mächtig Sinn stiftete. Wahrscheinlich war er dem Geist der 68er entsprungen: Wenn Dinge gemacht werden, können sie auch anders gemacht werden. Das führte aber komischerweise nicht zum Umsturz, sondern in die 80-er Jahre, wo man zum Schluss kam: Was gemacht wird, kann auch gekauft werden. Undsoweiter bis ins Jahr 2001, in dem Kinder uns gegenüber nur einen Vorteil haben: dass sie auch die SENDUNG MIT DER MAUS als etwas Gemachtes erkannt haben.

Die tieferen Geheimnisse der Maus kann man deshalb nur im Expertengespräch klären. Wir sprachen mit Teresa (12), die längst ahnt, dass es im Leben eine Menge Dinge gibt, welche auch die Maus nicht erklären kann; und mit Artur (7), der von sich behaupten kann, dass er das Kind ist, welches das Vier-Stunden-Band vom 25. Jubiläum der Maus weltweit am öftesten geguckt hat, und folglich wahrscheinlich alles auswendig kann – was er im Übrigen aber nur ungern zugibt.

SZ: Artur, was findest du denn bei der SENDUNG MIT DER MAUS am besten?
Artur: Alles.
SZ: Außer alles. Was genau?
Artur: Die Raketen, die nach oben fliegen. Echte Raketen. Da wird erklärt, wie es gemacht wird.
SZ: Und aus was wird’s gemacht?
Artur: Knallstoff. Oder was war das?
Teresa: Du bist auch ein Knallstoff.
SZ: Was fandest du denn am besten?
Teresa: Was ich gerne mochte, ist die Sendung, wo sie erklären, wie diese komischen Salbei-Bonbons gemacht werden. Nein, nicht aus Salbei, sondern aus diesen Blättern von den komischen Bäumen, wo immer die Koalas sitzen.
SZ: Eukalyptus?
Teresa: Genau. Da werden also die Blätter klein gemacht, und dann kommt so eine Soße raus, die aussieht wie Honig.
Artur: Da kenn’ ich mich auch aus.
Teresa: Dann kommt es in eine Maschine, von dort auf so eine Platte, und dann wird es geknetet, bis es hart ist. Und dann wird es in kleine Stücke geschnitten. Oder umgekehrt. Das habe ich mir jedenfalls schon fünfmal angeschaut.
SZ: Und was fällt dir noch ein, Artur?
Artur: Knallerbsen. Und wie man Raketen macht.
Teresa: Das hast du schon mal gesagt.
Artur: Und wie Spaghettis gemacht werden. Die werden geschnitten und auf eine Ablage getan und dann werden sie verpackt.
Teresa: Die haben auch mal erklärt, was der Unterschied zwischen „dasselbe” und „das gleiche” ist. Da haben sie gesagt: Ich schreibe mit demselben Stift wie… wie…jetzt habe ich wieder vergessen, was was ist. Wenn man also mit demselben Stift schreibt, dann ist es, wenn zwei Leute… mit dem gleichen schreiben. Wenn das aber der gleiche ist, dann haben zwei Leute einen Stift, der genauso aussieht.
Artur: Ich erklär’s dir richtig: Wenn ich mit demselben Bleistift etwas schreibe, dann sieht das so aus. Und wenn sie dann dieselben Klamotten anhaben…
SZ: Wie sieht das dann aus?
Artur: Gleich. Ganz gleich. Und wenn wir in einen Anzug reinsteigen, wir beide, dann sieht das so aus.
SZ: Dann haben wir denselben Anzug an.
Teresa: Das ist total kompliziert. Das haben sie aber geschafft, so zu erklären, das es auch das kleinste Kind versteht.
Artur: Ja. Und Raketen, wie sie in die Luft fliegen. Da kommt unten erst ganz wenig Feuer raus und dann immer mehr und dann fliegt sie zschsch. Dann wirft die Rakete eine Rakete ab, und dann fliegt sie alleine.
Teresa: Es wird auch gezeigt, wie ein Astronautenanzug gemacht wird. Aus wie viel Schichten. Und dass die so eine Art Windel anhaben.
Artur: Wie, wie, wie macht ein Astronaut Pipi? Wo, wo, wo geht ein Astronaut aufs Klo?
Teresa: Und dann gibt es noch die Geschichte mit den Müllmännern, die habe ich aber nur gehört. Da wollte ein Sohn immer Müllmann werden, weil er dachte, super, da muss ich nur an einem Tag arbeiten. Dann haben sie das in der Sendung gezeigt, und seitdem will er es nicht mehr machen, weil er gecheckt hat, dass er da nicht nur einen Tag in der Woche arbeiten muss.
Artur: Und Stangeneier.
SZ: Das gibt’s doch gar nicht.
Teresa: Doch das gibt’s. In Österreich. An der Grenze von Österreich.
SZ: Das wird da behauptet?
Teresa: Das hat man sogar gezeigt! Das sind Eier, die sind ganz lang. Da tut man in eine Röhre außenrum das Eiweiß und dann das Eigelb innenrein – und dann wird alles nochmal vorbereitet.
SZ: Unglaublich.
Teresa: Und dann haben sie einmal ganz ganz viele Mausefallen aufgestellt und haben auf jede Mausefalle einen Tennisball drauf.
Artur: Tischtennis.
Teresa: Genau, Tischtennisball. Und dann haben sie einen Ball in das Ganze reingeworfen, und dann gab es eine Kettenreaktion. Das war cool.
SZ: Und was sollte damit erklärt werden?
Teresa: Irgendwas mit Atomkraftwerken . . . Artur, was war nochmal das mit dieser schwarzen Flüssigkeit?
Artur: Erdöl.
SZ: Was macht man aus Erdöl?
Teresa: Alles.
Artur: Alles. Zum Essen.
SZ: Auch Menschen?
Artur: Ja. Oder?
Teresa: Ne, das ist nicht Erdöl. Das war was anderes. Diese kleinen Dinger da.
Artur: Bakterien.
Teresa: Jedenfalls haben sie da ein Regal mit Spielsachen, Büchern, Puppen, Kuscheltieren und fragen, was passieren würde, wenn es das und das nicht geben würde. Und dann blinkt es so, und dann sind auf einmal alle Puppen weg. Und dann die Bücher.
SZ: Bei Erdöl also?
Artur: Ja, daraus macht man Plastik.
Teresa: Und dann haben sie gezeigt, wie der Tee in den Beutel kommt. Erstmal gehen sie in das ganz feuchte Weite neben dem Chiemsee.
Artur: Bayern!
Teresa: Ganz weit weg, im feuchten Bayern oder so, neben dem Chiemsee. Da schneiden sie sich Pfefferminz ab, und dann wird es ganz klein geschnitten.
Artur: Die Stengel ab!
Teresa: Genau, dann kommen die Stengel in das eine und die Blätter in das andere Teil, und dann werden kleine Häufchen gemacht. Und dann kommt das in so ein bestimmtes Papier rein, das wird zugemacht und es kommt noch dieser Zettel ran. Und nebenbei haben sie gezeigt, wie man das selber machen kann. Da haben sie es aber in ganz normales Papier reingetan und es in Wasser getaucht und gemerkt, dass das gar nicht geht. Deswegen muss man als Papier für den Beutel so ein komisches Bananenpapier nehmen, damit sich das auflösen kann. Das war ganz interessant.
SZ: Und wozu braucht es eigentlich die Maus, wenn die Sachgeschichten so interessant sind?
Teresa: Das ist doch ganz nett zwischendurch. Das ist eine lustige Idee, eine Maus so groß und orange und einen Elefanten so klein und blau zu machen.
SZ: Und die Ente. Wie heißt die?
Teresa: Die heißt gar nicht. Die heißt Ente. Ist doch eine lustige Kombination.
SZ: Und was ist mit Käpt’n Blaubär?
Artur: Der Käpt’n Blaubär ist doof. Weil man dann weiß, dass es gleich zu Ende ist.
SZ: Und wer macht die Maus?
Artur: Wie heißt der?
Teresa: Thomas oder Peter?
SZ: Armin und Christoph.
Teresa: Die sind cool.
Artur: Christoph ist witzig, der hat mal gezeigt, wie man eine Pizza macht.
SZ: Und was macht Armin?
Teresa: Der hat mal auf so einer riesigen Karte aufgezeichnet, in welchen Städten sie überall schon waren. Und dann haben sie die Städte verbunden, und dann war da eine riesige Maus auf der Karte.
Artur: Nach dem Interview mal ich ein Bild von der SENDUNG MIT DER MAUS.
SZ: Das geht nicht, weil du danach ins Bett musst.
Artur: Doch, das geht.
Teresa: Kann ich jetzt Gute Zeiten, schlechte Zeiten gucken?
SZ: Umpf!

Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterPrint this page

17. März 2001 von marieundtom
Kategorien: Interview | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert