20. Juni 2000 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Charles Berling

Fragen & Antworten: Verlorene Illusion

Charles Berling erzählt, wie es 
war, bei Depardieu zu spielen

Wenn man Charles Berling jetzt wieder an der Seite von Carole Bouquet und Gérard Depardieu in DIE BRÜCKE VON AMBREVILLE sieht, dann hat man den Eindruck, dass es sich bei ihm genau um die Sorte Schauspieler handelt, die im deutschen Kino fehlt: Sympathische Männer, die sich auf kein Rollenfach festlegen lassen und das Einfache so gut wie das Komplexe spielen können. Michael Althen traf den Schauspieler in Paris.

SZ: Den Film hat Ihr Kollege Gérard Depardieu mit Frédéric Auburtin inszeniert – ist es für einen Schauspieler nicht verwirrend, mit zwei Regisseuren zu arbeiten?
Berling: Anfangs hat man tatsächlich die Befürchtung, man müsse sich da gegen zwei Köpfe durchsetzen. Aber die beiden haben sich gut ergänzt. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Kino, der eine als Schauspieler, der andere als Autor und Assistent, und beide zusammen betreiben das Filmemachen als Handwerk. Es ging nicht um große Ideen, sondern um ganz praktische Erfahrungen. Das waren keine Filmautoren, die nach Genialität streben, sondern zwei Leute, die Lust hatten, eine Geschichte zu erzählen, ganz direkt und präzise. Und die Diskussionen, wie ich meine Rolle spielen sollte, orientierten sich auch ganz am Praktischen, wie bei Handwerkern. Das war wie alles Einfache ganz nach meinem Geschmack.
SZ: Und wie ist das, von einem Schauspielerkollegen inszeniert zu werden?
Berling: Gérard hat überhaupt kein Interesse, seine Macht als Star, Regisseur und Produzent auszuspielen, sondern war auch nur von diesem Willen getrieben, eine Geschichte so einfach wie möglich zu erzählen. Und wenn die Szenen dann beim Schnitt nicht funktioniert haben, wurden sie einfach entfernt. Das klingt nicht gerade verblüffend, ist aber keineswegs die Regel. Auch das zeugt von einer handwerklichen Aufrichtigkeit: nicht an dem festzuhalten, was auf dem Papier stand, sondern nur dem zu trauen, was auf der Leinwand zu sehen ist. Das ist ein Kino, das ganz und gar menschlich ist, und nicht versucht, mit jeder Szene die Kunst neu zu erfinden. Es herrschte bei den Dreharbeiten eben jener Geist, wo keiner dem anderen etwas zu beweisen hatten. Jeder wusste, wo sein Platz ist.
SZ: Der Film spielt 1962. Woran haben Sie sich da orientiert?
Berling: Natürlich haben wir seither einige Illusionen verloren, was die Liebe angeht. Aber im Großen und Ganzen hat sich sicher nichts geändert, und so habe ich die Figur aus der Situation heraus entwickelt, bin praktisch der Eigendynamik gefolgt.
SZ: Macht es das nicht schwerer, so eine Rolle zu spielen?
Berling: Das macht es weder leichter noch schwerer – zumal unser Film eine gewisse Zeitlosigkeit besitzt, man kann auch sagen: Unzeitgemäßheit, die sich als Reinheit des Ausdrucks äußert. Bei uns gab es keine Kameras auf der Schulter oder so modische Sachen, sondern wir haben uns ganz auf das großartige Drehbuch von François Dupeyron verlassen. Das Wichtigste bei einem Kunstwerk ist, dass es Lust am Leben vermittelt. In diesem Sinne muss Kunst dem Betrachter etwas zurückgeben.

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