Typen-Psychologie

Das ist ja mal eine wirklich dringende Frage: „Wie mache ich mehr aus meinem Typ?“ Solche Fragen hat man früher nur Avon-Beraterinnen ungestraft stellen können, und die sind heute praktisch ausgestorben. Womöglich hat man im vorigen Jahrhundert damit Frauen um einen Tisch versammeln können heutzutage kann man damit allenfalls noch Kolumnisten hinterm Ofen vorlocken. Alle anderen nehmen bei der Frage Reißaus, weil sie um nichts in der Welt einem Typ angehören, sondern vor allem sie selbst sein wollen. Man muss zum Beweis die Frage nur mal googeln und weiß, was die Stunde geschlagen hat. Wo noch die unsinnigste Anfrage ein paar Hunderttausend Ergebnisse zutage fördert, bringt man es hier auf genau dreizehn Treffer. Dreizehn.

Die Frage stellt sich offenbar außer Friseur Gerhard Meir keiner mehr. Der bietet unterm Stichwort „Junge Karriere“ eine „Styling-Beratung inklusive Haarschnitt“ an, die in einem „Fit-for-Success-Paket im Wert von rund 2700 Euro“ dabei ist, das ansonsten aus einer Fashion-Beratung, einem individuellen Karriere-Coaching und einem Siemens-Handy besteht. Das Startgebot liegt bei einem Euro. Wer bei der Vorstellung noch keinen Haarausfall kriegt, wird sich vielleicht beim zweiten Treffer die Frage stellen, ob er wirklich mehr aus seinem Typ machen will.

Die Passauer Neue Presse meldete für die Gemeinde Engelsberg im vergangenen November zwischen dem Schulungsabend der Feuerwehr zum Thema „Biogas-Anlage“ und dem Seniorennachmittag, wo Bruder Kleophas zum Thema „Lachen ist gesund“ referiert, eine Veranstaltung des Katholischen Frauenbunds im Gasthaus Stelzenberger: „Wie mache ich mehr aus meinem Typ?“ Seither machen die Teilnehmerinnen wahrscheinlich den Passauer Raum unsicher und verschaffen dem örtlichen Gottesdienst ungeahnten Zulauf.

Und auch in Tirol muss man sich in Acht nehmen: Dort haben sich Google sei Dank vergangenen März die „Business & Professional Women Austria“ auf der „2. Tiroler Erfolgs Frauen Messe“ im Hotel Schloss Mondsee diesem „doch sehr weiblichen Thema“ gewidmet und vorgeführt bekommen, „wie man einerseits in nur wenigen Minuten mit kleinen Tricks ein dezentes natürlich gepflegtes Aussehen erzielen kann, und wie man andererseits mit verschiedenen Farbtönen ein ausdrucksstarkes Abend Make-up schminkt“ Es sei, so heißt es, eine „wirklich gelungene und lustvolle Veranstaltung“ gewesen, bei der „so manches neue Gesicht den Abend verlassen“ habe, „nicht ohne den Öffentlichkeitstest an der Schlosshotel-Bar zu absolvieren“. Hui!

Dass das ZEIT-Magazin aber auch immer so sexy Fragen stellen muss!

Michael Althen ist Redakteur bei der FAZ. Alle zwei Wochen erscheint dort in der Samstagsbeilage „Bilder und Zeiten“ seine Kolumne „Heute morgen“.

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24. Januar 2008 von janine
Kategorien: Glosse | Schreibe einen Kommentar

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