Tri Top

Zu den großen Rätseln der westlichen Welt muss man die Frage zählen, wohin Produkte eigentlich verschwinden, wenn es sie nicht mehr gibt. Und wie man bitteschön viertausendseitige Romane über die eigene Jugend verfassen soll, wenn die Erinnerung schwächelt und sich nirgends nachsehen lässt, ob auf den Etiketten des Fruchtsirups Tri Top die Zauberformel zur Zubereitung nun 4+1 oder 5+1 lautete. Eigentlich ist es auch egal, weil das Zeug so oder so pappsüß schmeckte und nur durch großzügigen Umgang mit Wasser und vor allem Eiswürfeln seinen Zweck erfüllte. Andererseits wollten die Leute ihren Sirup natürlich auch verkaufen und nicht zusehen, wie man mit einer Flasche einen ganzen Kindergarten durch den Sommer brachte.

Tatsache ist jedenfalls, dass Tri Top so gründlich von der Erdoberfläche verschwunden ist, dass selbst mehrwöchige Recherchen keine dieser Flaschen zu Tage gefördert haben – weswegen wir uns mit einem eher symbolischen Foto begnügen müssen. Trotzdem sind wir sicher, dass in irgendeiner Garage eines Zweifamilienhauses in Franken noch eine Tri-Top- Flasche steht und als Behältnis für Rosshaarpinsel ein würdiges Auskommen hat. Und wenn man die zerlaufenen Farbspuren abkratzen würde, bekäme man Auskunft über jene Formel, mit der Tri Top einst die Welt erobern wollte. Offenbar ist das nicht ganz gelungen, aber immerhin stand weiten Teilen der westdeutschen Jugend in den siebziger Jahren der Sirup bis zum Hals – wenn er ihnen nicht gar zu den Ohren herauskam.

Es steht zu vermuten, dass die Tri-Top-Flaschen im Rahmen einer groß angelegten Spurenbeseitigung landesweit aus den Regalen konfisziert wurden, weil sich bewahrheitet hatte, was viele schon lange vermutet hatten: dass das Zeug nämlich radioaktiv ist. Es lässt sich nicht mehr belegen, dass der Sirup im Dunkeln leuchtete, aber als gesichert darf gelten, dass Tri Top für meinen Haarausfall verantwortlich zu machen ist – und vermutlich auch für den ein oder anderen psychischen Defekt. Eigentlich ein klarer Fall für die Stiftung Warentest.

Tri Top tauchte in einer Zeit auf, da klar wurde, dass man einen jugendlichen Markt auf Dauer nicht mit dem Apotheken-Appeal des Hohen C erobern kann, und es verschwand, noch ehe sich der Orangensaft in O-Saft verwandelte. Die Flasche hatte eine Form, die man wohl konisch nennen muss, aber ähnelte dabei weniger einem Kegel als den damals allgegenwärtigen Lava- Lampen. Und so wie das Zeug, das in letzteren herumquoll, aussah, so schmeckte ungefähr der Sirup – auch wenn der ultramoderne Name (tree top = Baumspitze) einen eher natürlichen Geschmack transportieren sollte. Er war jedenfalls wie die Flaschenform voll auf der Höhe der Zeit, und beide sind vermutlich von einem jener Designer-Typen entworfen worden, die in Form von Luigi Collani damals die Talkshows bevölkerten. Garantiert trug er allzeit viel zu große, getönte Brillengläser, mächtige Kotletten und einen exzentrischen Schnurrbart, also rundum jene Sorte von Auftreten, wie sie später Ion Tiriac gepflegt hat. Weil man damals aber mit Tennis hier zu Lande noch kein Geld verdienen konnte, musste man Fruchtsirupflaschen entwerfen, die eigentlich einen Platz in einem Designmuseum verdienten, stattdessen aber im Arsenal unnützer Erinnerungen vermodern. Irgendwas ist schief gelaufen auf dem Weg zur Sirupisierung der westlichen Welt.

Es mag damit zusammenhängen, dass man in den Siebzigern, vermutlich als Folge der Mondlandung und Bewusstsein erweiternder Drogen, der Meinung war, der Fortschritt dürfe vor dem Fruchtsaft nicht Halt machen. Und wenn also Astronauten ihre Nahrung in Form von Dragees zu sich nehmen können, dann lassen sich auch Kinderbedürfnisse in konzentrierter Form an den Mann bringen. Natürlich gab es Himbeersirup in jenen Flaschen, die eher an Farbverdünnergefäße gemahnen, schon länger; und mit Ahoi-Brause wurden Kinder wahrscheinlich schon in Vorkriegszeiten vergiftet – aber in der fortschrittsgläubigen, zukunftsweisenden Form von Tri Top hatte es Fruchtsäfte noch nicht gegeben. Sie sahen nun aus, als könnten sie von der Nasa jederzeit auf den nächsten bemannten Raumflug mitgenommen werden. Damals kamen schließlich auch die in der Mitte zusammenfaltbaren Fahrräder in Mode, und überhaupt musste die ganze Welt plötzlich zusammenklappbar, eindampfbar, reduzierbar werden. Das war man der Zukunft schuldig.

Komischerweise waren all diese Erwägungen Kindern damals völlig egal. Sie waren in erster Linie enttäuscht, bei den Großeltern statt eines Kastens Limo im Kühlschrank nur eine Flasche Tri Top vorzufinden. Warum Eltern, außer wenn es um Kindergeburtstage ging, für die Verkaufsargumente von Tri Top unempfänglich waren, Großeltern hingegen begeistert darauf hereinfielen, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Vermutlich lag es an der Zauberformel 4+1, die sie als Kriegsgeneration besonders einleuchtend fanden. Und zwar so sehr, dass immer gleich mehrere Flaschen angeschafft wurden. Aber keineswegs, wie von uns Kindern wiederholt angemahnt, mit Kirschgeschmack, sondern hartnäckig mit dem muffigen Aroma der Schwarzen Johannisbeere. Dabei fand in der kompletten Künstlichkeit des Kirschgeschmacks das durch und durch artifizielle Unternehmen Tri Top so richtig zu sich, während in der Johannisbeere eine falsche Natürlichkeit nachgeäfft wurde, die eher an den Geruch der später in Wohngemeinschaften so beliebten Wollfusselpullis erinnerte.

Man schraubte also das Mischverhältnis auf kariesfördernde und also gesundheitsschädigende drei oder gar zwei zu eins herunter, damit das Zeug schneller weg kommt und endlich Kirsche angeschafft werden konnte. Die Großeltern versprachen Besserung und stellten, wenn man die Flaschen mühsam weggetrunken hatte, unbeirrt wieder Johannisbeere in den Kühlschrank. Es war zum Verzweifeln. Und man konnte sich noch nicht einmal so richtig beschweren, weil sie das Zeugs ja nur uns zuliebe angeschafft hatten. Sonst trank das auch kein vernünftiger Mensch. Das nächste Mal aber Kirsch, ganz bestimmt. Ja freilich, warum hast du uns das denn nicht gleich gesagt? Und dann kauften sie wieder Johannisbeere. Es war hoffnungslos. Aber es hatte System. Denn mit derselben Unbeirrbarkeit wurde auch immer wieder, trotz flehentlicher Bitten, nicht etwa Vollmilch-Nuss, sondern Zartbitterschokolade angeschafft – und auch die in der familienfreundlichen Zehnerpackung, an der man locker einen Sommer lang zu knabbern hatte. Oder eben nicht. Denn man nahm die Tafeln zwar mit bittersüßem Lächeln im Empfang, um sie zu Hause jedoch an die Eltern weiterzuschenken. So habe ich an meine Großeltern, die grundgute, freundliche Menschen waren, doch eher eine zartbittere Erinnerung – mit deutlichem Johannisbeernachgeschmack. Andererseits verbinden sich mit den zunehmend sich einschwärzenden Siruprändern, die dadurch entstanden, dass man zum Mischen – typische Designeridee! – die geriffelte weiße Schraubkappe verwenden sollte, die Erinnerungen an heiße Sommernachmittage im Kirschbaum, der Geruch des Motorrasenmähers und von gemähtem Gras und das Gefühl der kühlen Küche, wo der Duft von Apfelstrudel hing. Es kann eben nicht immer der Geschmack der Madeleine sein – manchmal muss Tri Top genügen.

Was uns wieder zu der Frage bringt, wohin diese obskuren Objekte unserer kindlichen Begierden verschwunden sind. Und warum sie niemand bewahrt hat. Wer erinnert sich noch an den lineallangen geflochtenen Schoko-Riegel, der mit den drei Musketieren warb? Oder an den Braunen Bär, der unter seinem Eis einen Karamellkern barg? Oder an die Zahnpasta Strahler 80, die mit dem fabelhaften Slogan warb: Strahler-Küsse schmecken besser, Strahler-Küsse schmecken gut. Warum hat niemand diese Dinge aufgehoben? Warum? Verdammt, wozu haben wir eigentlich Museen?

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22. August 2001 von marieundtom
Kategorien: Essay, Leben | Schreibe einen Kommentar

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