Marketing der Filmlegenden

Dies ist das Jahr der Comebacks. Als wolle das Kino kurz vor dem Sprung ins nächste Jahrtausend nochmal beweisen, daß es nicht halb so schnellebig ist, wie ihm gern vorgeworfen wird, daß es durchaus jene Tugenden besitzt, die sonst nur den anderen Künsten zugeschrieben werden: Geduld, Gedächtnis, Genie.
Gerade läuft in den Kinos DER SCHMALE GRAT von Terrence Malick, der 21 Jahre lang nicht mehr von sich hat hören lassen. Im Sommer kommt Stanley Kubricks letzter Film EYES WIDE SHUT, nachdem der Regisseur 12 Jahre lang geschwiegen hat. Und im Mai startet STAR WARS – EPISODE I: THE PHANTOM MENACE, dessen Schöpfer George Lucas zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder Regie geführt hat. Alle drei Regisseure haben den Kult um ihr Werk und ihre Person gepflegt, indem sie geschwiegen haben oder verschwunden sind – und selbst der Tod Kubricks wirkt wie eine letzte Verweigerung, eine ultimative Mystifizierung. Als wollten die Regisseure das Terrain zurückerobern, das sie den Stars im Laufe der Jahre räumen mußten, als wollten sie nochmal allen zeigen, wer die wahren Herren im Reich des Kinos sind.

Aber was wie ein später Sieg der Autorentheorie aussieht, ist letztlich doch wieder ein Triumph des Marketing über den schöpferischen Geist. Und zwar gerade weil die Strategien Teil der Selbstinszenierung sind: Je größer die Kontrolle, die diese Regisseure ausübten, je strikter die Geheimhaltung, mit der sie ihre Dreharbeiten umgaben, desto mehr Eigenleben entwickelten die Produkte. Und gerade das Internet hat Spionen und Spekulationen Tür und Tor geöffnet, so daß man fast den Eindruck haben kann, die Schatten, die diese Filme vorauswerfen, seien größer als die Ereignisse selbst.

Letzten Mittwoch zeigte Warner auf der ShoWest in Las Vegas, einer Messe für Kinobesitzer, einen 90sekündigen Trailer zu EYES WIDE SHUT, also die ersten Bilder, welche die Öffentlichkeit überhaupt zu sehen bekam. Darin, so heißt es, sehe man eine nackte Nicole Kidman vor einem Spiegel stehen und ihre Ohrringe abnehmen. Tom Cruise nähere sich von der Seite, ebenfalls nackt, und streichle Kidman, die sich weiter im Spiegel betrachtet. So viel zu den nackten Tatsachen – den Rest erledigt die Imagination. Diese fürs amerikanische Kino ungewöhnlich erwachsene Szene schürt Erwartungen, an denen sich der Film messen lassen muß. Genau das ist Marketing: die gezielte Steuerung des Informationsflusses zwischen den Filmemachern und der Öffentlichkeit. Im Idealfall kommen Erwartung und Produkt zur Deckung. Was passiert, wenn das nicht gelingt, sah man bei GODZILLA. Aber das ist immer noch besser, als wenn sich überhaupt keine Erwartung schüren läßt.

Dieses Problem hat George Lucas nicht – zumal er zu den Erfindern dieser Blockbuster-Mentalität gehört. Seine STAR WARS-Trilogie – KRIEG DER STERNE (1977), DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK (1980) und DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER (1983) – hat eine eingeschworene Gemeinde. Und wer zu jung war, um ihr zuzugehören, der konnte bei der überarbeiteten Neuauflage vergangenes Jahr beitreten. Obwohl im Kino nichts so schnell altert wie die Zukunft, waren die alten Filme beim Neustart ungewöhnlich erfolgreich – aber das Einspielergebnis ist weniger wichtig als die Tatsache, zum Start der Fortsetzung eine neue Generation auf das STAR WARS-Universum eingeschworen zu haben.

Die Fortsetzung führt die Trilogie nicht fort, sondern erzählt die Vorgeschichte – daher der Titel EPISODE I. Die bereits existierenden drei Filme laufen fortan unter dem Zusatz EPISODE IV-VI – die Episoden II und III plant Lucas in den nächsten Jahren zu drehen. Aber die Filme sind ohnehin nur noch der Auslöser für ein weit größeres Geschäft. Und wahrscheinlich liegt Lucas’ Genie vor allem darin, das von Anfang an erkannt zu haben. Schon in den Siebzigern hat er dem Studio 20th Century-Fox die Filmrechte im Tausch gegen die Lizenzeinnahmen verkauft. Fox sah das Geschäft – Lucas die Zukunft. Die Filme spielten etwa eine Milliarde Dollar ein – die damit zusammenhängenden Produkte (Spielzeuge, Bücher, Kleidung, etc. ) vier Mal so viel. Allein 1999, so gehen die Schätzungen, werden für eine Milliarde Dollar STAR WARS-Spielzeuge verkauft. Und das Ganze ist aufgezogen wie ein Militärfeldzug: Wer vor dem 3. Mai PHANTOM-Produkte zum Verkauf bringt, verliert die Lizenz. Es heißt, Lucasfilm werde die Spielzeugläden stichprobenartig kontrollieren. Bald wird es heißen: Kinderland ist abgebrannt.

Seit Donnerstag kann man auf der offiziellen Website (www.starwars.com) den zweieinhalbminütigen Trailer besichtigen – mit zehn Millionen Besuchern rechnet Apple, die sich für diese Aktion mit Lucasfilm zusammengetan haben. Einen Phantomfilm sieht man da, Bruchstücke eines neuen Imperiums, in das sich die Erwartungen hineinsteigern können: Armeen marschieren durch Wüsten, Monsterfische verschlingen Raumschiffe, auf Klippen erbaute Städte und orientalische Paläste, Roboter und Mutanten, Lichtschwerter und Phantome. Ehe der Film das Publikum am 19. Mai (bei uns 2. September) vor vollendete Tatsachen stellt, kann man nochmal die Phantasie spielen lassen. Doch irgendwann wird alles zur Deckung gebracht, und all die Teilinformationen und Vorabbilder gerinnen zum fertigen Produkt – dann herrscht wieder Krieg im All. Und die wahren Träume leben fort als elektronisches Phantom in den Archiven des Internet. Manchmal kann Kino ganz schön ernüchternd sein.

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15. März 1999 von janine
Kategorien: Essay | Schreibe einen Kommentar

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