Die Fiktionalisierung des höchsten Amtes im Kino

Was Amerikaner vom Rest der Welt unterscheidet, ist die Tatsache, dass dort jeder Junge irgendwann mal davon geträumt hat, Präsident zu werden. Früher war das auch noch eine lohnende Aussicht, denn mit etwas Glück konnte es passieren, dass einem Marilyn Monroe ein Geburtstagsständchen sang. Seither hat das Amt nicht unbedingt an Ansehen dazugewonnen, und die Rolle Hollywoods beschränkt sich in diesem Zusammenhang auch nicht mehr darauf, fröhliche Liedchen zu singen.

Es war Ronald Reagan, der die Präsidentschaft und das Filmgeschäft zur Deckung gebracht hat, und seither gibt es ohnehin keine Präsidenten mehr, sondern nur noch Präsidentendarsteller – wobei es keine Rolle mehr zu spielen scheint, ob sie auf der Leinwand oder im Oval Office ihrem Job nachgehen. Oft genug wurde in letzter Zeit angemerkt, dass Martin Sheen, der in der populären Fernsehserie „The West Wing” den Präsidenten spielt, bei den Wählern wahrscheinlich bessere Chancen gehabt hätte als Bush und Gore zusammen.

Schwer vorstellbar jedenfalls, dass auch nur einer der beiden Kandidaten in irgendeinem Minderjährigen den Wunsch weckt, eine ähnliche Karriere einzuschlagen. Mehr denn je hatte man den Eindruck, dass sie nur Marionetten sind, die eine bestimmte Rolle spielen. Hinter jedem Auftritt ahnte man die Anweisungen der Imageberater, jeder öffentliche Kuss wirkte dutzendfach geprobt, und jedes feuchte Auge war gut ausgeleuchtet. Selten schienen zwei Anwärter so gefangen in ihren einstudierten Posen und Pointen, und man kam nicht umhin, sich dabei glaubwürdigere Darsteller zu wünschen.

Ohnehin funktionieren Politik und Kino und vor allem das Fernsehen nach denselben Mechanismen. Es geht hier wie dort darum, ein Image zu kreieren, das sich als Markenzeichen verkaufen lässt: ein Spruch, ein Gesicht, eine Geste. Und es brauchte nicht erst Barry Levinsons Politsatire „Wag the Dog” um zu begreifen, dass Politik dasselbe Geschäft mit der Fiktion betreibt wie das Filmemachen und sich deshalb nahe liegender Weise auch gleich der Profis vom anderen Fach bedient, die sich auf die Inszenierung der Bilder verstehen. So vermutet man hinter den Fernsehbildern der Kandidaten stets einen ganzen Pulk von Drehbuchautoren, die sich den Kopf zerbrechen, welche Geschichten man den Kandidaten auf den Leib schreiben könnte – oder wie man das wenige Material, das Politikerbiografien in der Regel bieten, möglichst publikumswirksam aufbereiten könnte. Und dieses ständige Bemühen, die Wahlkampfrealität zur markengerechten Fiktion umzuschreiben, erinnert natürlich an die Arbeit der Script-Departments in den Fernsehsendern. An dem Fall Lewinsky hätten sich allerdings selbst Hollywoods beste Script-Doktoren die Zähne ausgebissen.

Erstmal gar nicht sexy

Mag sein, dass Clinton als Präsident anfangs nicht auf jedermann sexy wirkte – wie sexy er sein würde, schwante da ohnehin noch keinem –, für Hollywood war er jedenfalls sexy genug, um dem Amt eine neue Publikumswirksamkeit zu verleihen. So viel Präsidentschaft war im Kino noch nie wie in den Jahren seit 1993. Und darunter waren natürlich einige Schauspieler, denen man sofort und bedenkenlos das eigene Land anvertraut hätte, aber ebenso viele, denen man nicht einmal einen Gebrauchtwagen abgekauft hätte. Die prominenteren Kandidaten unter ihnen waren: Harrison Ford in „Air Force One”, Michael Douglas in „Willkommen, Mr. President”, Kevin Kline in „Dave”, Bill Pullman in „Independence Day”, Gene Hackman in „Absolute Power”, Jack Nicholson in „Mars Attacks!”, John Travolta in „Mit aller Macht” und zuletzt Jeff Bridges in „The Contender”. Dazu wurden diverse reale Präsidenten aufgewärmt, bevorzugt Nixon, aber auch Kennedy, Thomas Jefferson oder John Quincy Adams. Der Präsidentenfilm wurde geradezu zu einem eigenen Genre zwischen Biopic, Kriegsfilm und Komödie.

Womit auch schon klar ist, dass das höchste Amt zum Genre eigentlich gar nicht taugt, weil es im Grunde völlig unfilmisch ist. Denn in der Regel tun Präsidenten nichts anderes als Reden halten, Empfänge geben und über Entscheidungen grübeln. Nicht unbedingt Tätigkeiten, deren Darstellung im Kino für große Begeisterung sorgt. Deshalb mussten Flugzeuge entführt, Doppelgänger erfunden, Außerirdische eingeflogen werden, um der Sache etwas Pep zu verleihen. Wie sich dem präsidentialen Umgang mit Zigarren auch kinematografisch etwas abgewinnen lassen könnte, war allerdings ein Einfall, der nicht einmal Hollywoods abgefeimtesten Produzenten durch den Kopf gegangen wäre.

Die Vermutung liegt also nahe, dass sich Produzenten des Themas vor allem deswegen angenommen haben, weil sich Hollywood von jeher von allen Formen der Macht angezogen fühlte, um die eigene darin gespiegelt zu sehen. Und die Präsidentschaft ist schließlich das Zentrum jener Macht, mit der Hollywood sich selbst am besten auskennt: mit der Herrschaft über die Träume der Menschen und ihre Manipulation. So gesehen war die Entscheidung von gestern Nacht nur eine Entscheidung, welchen Film sie in den nächsten vier Jahren lieber sehen wollen; welcher Darsteller die überzeugendere Besetzung ist; oder von wem man weniger befürchten muss, dass er wie sein Vorgänger aus der Rolle fällt.

Richtig rührend ist in diesem Zusammenhang der Vorstoß des Hollywood-Stars Warren Beatty, der eine Zeit lang damit geliebäugelt hat, sich ebenfalls in die Politik zu begeben und um ein Amt zu bewerben. Er hatte dafür tatsächlich ein Programm mit lauter redlichen Anliegen – dabei hätte doch gerade er wissen müssen, dass es in diesem Geschäft nicht auf Inhalte ankommt, sondern nur noch auf die Präsentation. Das wäre jedenfalls ein ganz anderer Film geworden.
Bis auf weiteres gilt: Wer Präsidenten nachmacht oder verfälscht oder Nachgemachte oder Verfälschte in Umlauf bringt, wird mit einer Amtszeit nicht unter vier Jahren bestraft.
MICHAEL ALTHEN

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08. November 2000 von marieundtom
Kategorien: Essay | Schreibe einen Kommentar

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