Der Wald in der Kunst

Es ist wie bei Shakespeare. Oder sagen wir vielleicht besser: wie bei Kurosawa – der Anschaulichkeit wegen. In DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD, Kurosawas MACBETH-Verfilmung, erfüllt sich die Prophezeiung, daß Birnams Wald anrückt auf Dunsinan, auf eindrucksvolle Weise. Wie dort das Heer mit seiner Baumtarnung dem Schloß entgegenstrebt, schafft einen so plastischen, geradezu kompakten Eindruck vom Wald als Einheit – gerade weil der gar nicht dem hiesigen Hochwald gleicht. Plötzlich sieht man vor lauter Bäumen den Wald.

So ähnlich kommt man sich vor, wenn man dieser Tage die Künste durchstreift. Man fühlt sich wie Macbeth auf Dunsinan: Von allen Seiten scheint plötzlich der Wald auf einen zukommen. Gerade glaubt man sich dem Märchenhorror entronnen, da taucht der Wald in seiner ganzen Schrecklichkeit wieder auf. Gerade so, als wäre er nach dem Waldsterben wieder auferstanden und irrte jetzt als Untoter durch unsere Geisteslandschaft.

Nochmal von vorn: Der Wald war weg, und jetzt ist er wieder da. Nachdem das Weltall erobert ist und der Großstadtdschungel sich zum Cyberspace verflüchtigt hat, liegen die wahren Abenteuer plötzlich wieder dort, wo sie schon immer waren. Er ist fast so, als würde man von der eigenen Kindheit wieder eingeholt und als hätten wir die Waldeinsamkeit, die in unseren Herzen herrscht, nur vergessen.

Gerade ist in Amerika Stephen Kings neuer Roman „The Girl Who Loved Tom Gordon” erschienen; der handelt davon, wie ein neunjähriges Mädchen beim Ausflug auf dem Appalachian Trail Mutter und Bruder aus den Augen verliert, immer weiter vom Weg abkommt und immer tiefer in die Wälder von New Hampshire gerät. Man mag von Stephen King halten, was man will, sein Erfolg belegt, daß er den Finger stets am Puls der Zeit hat – und dieser Puls rauscht, wie der alte Waldschrat Eichendorff es sagen würde, wie „die Erde, wie in Träumen, wunderbar mit allen Bäumen”.

Insekten sind nicht das Schlimmste, was dem Mädchen im Wald begegnet, das Schlimmste ist die Angst. Jene Angst, die der Dichter Kenneth Patchen so beschrieben hat: „Komm jetzt, mein Kind, wenn wir vorhätten, dir weh zu tun, glaubst du, wir würden hier lauern, neben dem Weg im dunkelsten Teil des Waldes?” Von der naheliegenden Antwort auf diese rhetorische Frage lebt die Schauer- und Horrorliteratur von jeher. Und King ist klug genug, ganz auf die Schreckgespenster des Mädchens zu setzen, nicht auf tatsächliche Bedrohungen: „Um zehn Uhr saß Trisha auf dem Rücksitz des Wagens ihrer Mutter. Um halb elf hatte sie sich im Wald verirrt. Um elf versuchte sie, sich nicht zu fürchten. Versuchte, nicht zu denken ’Es ist ernst, es ist sehr ernst‘. Versuchte, nicht daran zu denken, daß manchmal Leute, die sich im Wald verirrten, ernsthaft verletzt werden. Oder daß sie manchmal starben. ”

Der Verlag wirbt für King mit dem Wortspiel „grimmer than Grimm”, und das Buch ist zwar nicht grausiger als die Gebrüder Grimm, aber es rührt natürlich an dieselben Themen, die sich in den Märchen artikulieren. Es ist immer das gleiche: Jemand kommt vom (rechten) Weg ab, jemand verirrt sich, und sofort schlägt die Geschichte den Weg nach innen ein, in den Spinnwebwald der eigenen Seele, wo die Ängste wie fette Spinnen in den dunklen Ecken lauern.
Vielleicht liegt es ja daran, daß der Wald von jeher die einzige Landschaftsform war, in der man vor lauter Bäumen die Übersicht verlieren konnte. Bevor es Städte gab, war dies der Ort, der keinen Horizont kannte. Der jeden Blick auf den Schauenden selbst zurückwarf. Der mehr als andere Naturerscheinungen mit Einsamkeit und Innerlichkeit gleichgesetzt wurde. Und in Deutschland führte das mehr als anderswo zu jenen Phantasien von der Einheit von Mensch und Natur, von denen sich die Romantiker, aber auch die Ideologen von Blut und Boden genährt haben. Der auf sich geworfene Mensch, der in der Naturanschauung zu sich selbst findet, ist so eine idyllische Vorstellung, die an den Rändern von allerlei (auch totalitären) Schrecken angefressen wird.

Weil eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, reicht King fürs Comeback (oder doch Revival?) des Waldes kaum aus. Bleiben wir in Amerika, wo wieder der KRIEG DER STERNE tobt, aber die wahren Schrecken im Walde lauern. Gerade läuft dort ein Film namens BLAIR WITCH PROJECT, in dem die Filmemacher Daniel Myrick und Eduardo Sanchez eine Legende um eine Hexe in den Black Woods Hills gestrickt haben. Ihr Film gibt vor, lediglich die wiedergefundenen Aufnahmen dreier junger Filmemacher zu zeigen, die 1994 bei den Dreharbeiten zu THE BLAIR WITCH PROJECT verschwunden sind. Man sieht, wie das Trio sich aufmacht, in den Wald geht, sich dort verliert, über bedrohliche Zeichen stolpert, in Panik gerät und sein bitteres Ende findet. Das Ganze ist natürlich nur eine geschickte Erfindung: ein Horrorfilm, der so tut, als wäre er live aufgezeichnet. Außer der wachsenden Panik der jungen Leute, die darauf mit Selbstzerfleischung reagieren, sieht man eigentlich nichts – aber wie bei King liegt genau darin der wahre Schrecken.

Auch in Europa ruft man neuerdings wieder in den Wald hinein. Im neuen Film POLA X von Leos Carax irren die Geschwister wie einst Hänsel und Gretel endlos durch den Wald, während das verwahrloste Mädchen stockend seine Geschichte erzählt, die auf den Horror im Balkankrieg verweist und auf den Schrecken, seine Vergangenheit verloren zu haben. Der Bruder, der ein Schriftsteller auf der Suche nach sich selbst ist, kommt aus diesem Waldspaziergang als anderer Mensch hervor. Und auch in Dominik Grafs Fernsehfilm DEINE BESTEN JAHRE kommt die Heldin nach einem Irrgang im nächtlichen Wald mit ihrer Vergangenheit ins Reine, als läge auch im europäischen Misch- und Nadelwald ein Herz der Finsternis, an das man auf dem Weg zu sich selbst rühren muß. Jedenfalls taugt der totgesagte Wald neuerdings wieder als Seelenspiegel.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück: Man muß hinter dieser Waldeslust ja nicht gleich eine neue Ernsthaftigkeit, Innerlichkeit, Rückwärtsgewandtheit vermuten, um darin ein System zu erkennen. Die Welt scheint sich vor dem Sprung in neue, zunehmend virtuelle Welten nochmal ihrer alten Topographie versichern zu wollen. Umso mehr, als dort Seele und Landschaft noch eine Verbindung eingehen, die im Cyberspace noch niemand auszuloten vermag.

Und zu allem Überfluß steht in Peter Handkes letztem Theaterstück „Die Fahrt im Einbaum” der Satz: „Im Wald ist Zukunft. ”

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17. Juli 1999 von janine
Kategorien: Essay, Leben | Schreibe einen Kommentar

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