Venedig 2003 (7)

VENEDIG, 7. September. Es ist wie beim Fußball: Wer gewinnt, hat offenbar alles richtig gemacht. Katja Riemann wurde also am Samstag auf dem Filmfestival von Venedig für ihre Leistung in Margarethe von Trottas ROSENSTRASSE als beste Schauspielerin mit der Coppa Volpi ausgezeichnet und wiederholt damit den Erfolg von Götz George, der 1995 in Venedig mit DER TOTMACHER triumphierte. Der Preis wird ihr eine besondere Genugtuung sein, nachdem sie zuletzt im deutschen Kino nicht mehr dieselbe Rolle wie in den Neunzigern spielen konnte, als sie allgegenwärtig schien. Ob sie mit ROSENSTRASSE wirklich den Gipfel ihrer Möglichkeiten erreicht hat, kann man im Moment des Triumphes dahingestellt sein lassen. Das deutsche Kino hat nach dem Oscar für Caroline Links NIRGENDWO IN AFRIKA und dem Erfolg von Wolfgang Beckers GOODBYE, LENIN! in diesem Jahr auf eine Weise an internationalem Renommee gewonnen, die in merkwürdigem Kontrast zu seinem Selbstbewußtsein steht.

Zumal auch in der Nebenreihe Controcorrente Michael Schorr mit SCHULTZE GETS THE BLUES (F.A.Z. vom 4. September) für die beste Regie ausgezeichnet wurde und selbst bei den Kurzfilmen Andreas Krein für seine Harold-Lloyd-Hommage HOCHBETRIEB eine besondere Erwähnung bekam. Man kann natürlich fragen, wieviel solche Juryentscheidungen wirklich wert sind, aber zur Beantwortung genügt es vielleicht, sich in die Rolle jener zu versetzen, die leer ausgegangen sind. Im Falle von Katja Riemann wären das zum Beispiel ihre Konkurrentinnen Naomi Watts in 21 GRAMS, Nathalie Baye in LES SENTIMENTS oder Samantha Morton in CODE 46. Oder bei Schorr Regisseure wie Sofia Coppola, John Sayles, Raoul Ruiz oder Lars von Trier und Jørgen Leth. So gilt fürs deutsche Kino in Venedig: Ende gut, alles gut. Gejammert wird später, denn der nächste Wettbewerb in Cannes ohne deutsche Beteiligung kommt bestimmt.

Was den Wettbewerb der 60. Mostra internazionale d’arte cinematografica in Venedig angeht, so war er auf eine Weise schwach besetzt, daß der Schnapsidee der Controcorrente genannten Neben- oder Gegenreihe ganz neue Bedeutung zukam. Man hätte die Beiträge der beiden Reihen beliebig gegeneinander austauschen können, ohne daß jemand den Unterschied gemerkt hätte. Die Anteile an leicht verdaulichen und schwerblütigen, an läppischen und gelungeneren Filmen waren etwa gleich – was ja vor allem bedeutet, daß sich aus den besseren Filmen beider Reihen fast schon ein toller Wettbewerb hätte zusammenstellen lassen. Ob das aus Geschmacksgründen unterblieben ist oder aus Kalkül, wird nur Festivalchef Moritz de Hadeln allein wissen. Beide Jurys – die eine unter Vorsitz von Mario Monicelli mit Michael Ballhaus, die andere unter Vorsitz von Laure Adler mit Ulrich Tukur – neigten jedenfalls überwiegend jenen Filmen zu, die schwere symbolische Geschütze auffuhren. Im Wettbewerb gewann der Russe Andrej Swjaginstew mit DIE RÜCKKEHR, im Controcorrente der Kurde Hiner Saleem mit seinem armenischen VODKA LEMON.

De Hadeln wird es eine besondere Befriedigung gewesen sein, daß ausgerechnet DIE RÜCKKEHR, den er im letzten Moment dem Wettbewerb von Locarno noch abspenstig gemacht hat, am Ende siegte. Sein Einsatz für den Erstlingsfilm hat sich also ausgezahlt, zumal er tatsächlich zu den besseren Beiträgen zählte. Swjagintsew erzählt von zwei halbwüchsigen Junges, deren Vater nach zwölf Jahren Abwesenheit zurückkehrt und sie auf eine Reise zu einer Insel im Ladoga-See mitnimmt. Die Bilder aus der Weite des russischen Nordwestens sind von kristallener Schönheit, aber die Geschichte legt sich mitunter bleiern über sie. Der Vater ist von eiserner Strenge, der ältere Sohn fügt sich, der jüngere widersetzt sich. Daß der Vater im Gefängnis war, kann man nur ahnen, was er auf der gottverlassenen Insel sucht, bleibt ebenfalls erstmal im dunkeln. So lädt sich die Reise des Trios mit jener biblischen Bedeutung auf, die sich anfangs schon andeutet, als die Jungs in einem Bilderbuch blättern, das die Geschichte von Abraham und Isaak erzählt. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Spannung zwischen den dreien, das unbarmherzige Schweigen des Vaters und der verzweifelte Trotz des Sohnes den Zuschauer auch dann bei Atem halten, wenn ihn die Mutwilligkeit der Situation verdrießt.

Gerade die Gesichter der beiden Jungen sind mit einer Zuneigung gefilmt, die es um so tragischer erscheinen läßt, daß der ältere der beiden, Wladimir Girin, im wirklichen Leben kurz nach den Dreharbeiten in dem See, wo im Film das Drama eskaliert, ertrunken ist. Seltsame Duplizität der Ereignisse: Schon in Cannes war mit dem türkischen UZAK ein Film prämiert worden, dessen Hauptdarsteller zwischenzeitlich ums Leben gekommen war.

Mit viel Spannung war der letzte Film des Wettbewerbs erwartet worden: 21 GRAMS von Alejandro González Iñárritu, der mit AMORES PERROS Furore gemacht hatte. Daß am Ende ein Darstellerpreis für Sean Penn herauskam, ist insofern eine sonderbare Entscheidung, weil Penn zwar ein unbedingt preiswürdiger Schauspieler ist, aber in diesem Film seltsam fehl am Platze wirkt. Die Geschichte unterscheidet sich nicht wesentlich vom nächstbesten Fernsehdrama, das von einer Frau (Naomi Watts) handelt, die ihre Familie bei einem Verkehrsunfall verliert, von einem Mann (Sean Penn), dem das Herz des Toten eingepflanzt wird, von seiner Frau (Charlotte Gainsbourg), die ein Kind von ihm will, und dem Täter (Benicio Del Toro), der an der Schuld zerbricht. Nur sind das Vorher und das Nachher so dekonstruiert und zusammengeschnitten, daß man erst nach einer guten Dreiviertelstunde hinter den wahren Ablauf des Dramas kommt.

Einundzwanzig Gramm, heißt es, sei das Gewicht, das man im Moment des Todes verliert – was das mit dem Film zu tun hat, bleibt unklar. Da könnte man auch behaupten, die Seele werde durch all die Schicksale, die man im Laufe eines Festivals sieht, um einundzwanzig Gramm schwerer. Vermutlich ist es ja so.

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08. September 2003 von peter
Kategorien: Bericht, Venedig | Schreibe einen Kommentar

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