Venedig 2003 (6)

FREITAG ABEND. Wie im wirklichen Leben befiel das Festival zum Abschied der echte Blues. Das lag weniger daran, daß der Wettbewerb am Lido zu Ende gegangen war, als an jener Reihe zur Geschichte des Blues, die Martin Scorsese produziert und nun in Venedig präsentiert hat. Die erste Folge von Wim Wenders war in Cannes zu sehen gewesen, die letzte von Clint Eastwood ist noch in Arbeit, aber die restlichen vier Beiträge von Mike Figgis, Richard Pearce, Marc Levin und Scorsese selbst liefen hier im Block und versetzten die Filmfestspiele einen Tag lang in Schwingung.

Mike Figgis, dessen Filme wie LEAVING LAS VEGAS sich ihren Themen fast musikalisch nähern, hat RED; WHITE & BLUES eher nüchtern aufgezogen und seine Interviewausschnitte ziemlich brav arrangiert. Aber es ist auch so interessant genug zu hören, wie Eric Clapton und Eric Burdon, Steve Winwood oder Mick Fleetwood von ihren ersten Begegnungen mit der schwarzen Musik erzählen. Schließlich gehört es zu den vornehmeren Aufgaben des Dokumentarfilms, alte Männer von Dingen reden zu lassen, von denen sie etwas verstehen. Das wahre Ereignis war jedoch Scorseses FEEL LIKE GOING HOME, in dem er sich an die Fersen des jungen schwarzen Blues-Musikers Corey Harris heftet, der erst im amerikanischen Süden, dann in Westafrika nach den Wurzeln seiner Musik sucht. Ausgerechnet Scorsese erweist sich als offenster und neugierigster der Regisseure, der seine Fühler nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf einen anderen Kontinent ausstreckt. Wenn Harris Ali Farka Touré in Mali besucht, der ihn mit seiner Großfamilie am Busbahnhof begrüßt und voller rätselhafter Sätze steckt, dann sieht der Fluß Niger auf einmal dem Mississippi so ähnlich, daß der Brückenschlag richtig sinnfällig wird. Der wahre Held dieser Reihe ist jedoch Alan Lomax, ein besessener Ethno- und Musikologe, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts das Land bereist und sich mit seinem Aufzeichnungsgerät überall dort niedergelassen hat, wo Menschen Lieder haben. Seinem Archiv verdankt nicht nur diese Reihe alles – deshalb singt Scorsese sein Lied.

Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterPrint this page

07. September 2003 von peter
Kategorien: Bericht, Venedig | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert