Venedig 2003 (5)

VENEDIG, 4. September
Bilder, überall Bilder, die dem steten Drang zur Bewegung unterworfen sind und immer unaufhörlicher vor dem Auge vorbeihasten. Irgendwann in der zweiten Festivalhälfte kommt der Punkt, wo die Augen müde werden und mit einem gewissen Gleichmut auf das Treiben reagieren. Wer aber hofft, auf der Kunstbiennale der Flut entgehen zu können, täuscht sich gewaltig. Ein Innehalten ist dort noch weniger möglich, denn wohin der Blick sich auch wendet, begegnet er einem allgegenwärtigen Flimmern. Die bildende Kunst ist ja mal angetreten, dem Kino die Leviten zu lesen, es in seine Bestandteile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Das war zwar eine Arbeit, die das Kino selbst schon Jahrzehnte früher geleistet hat, aber die Begegnung war dennoch fruchtbar.

Im Arsenale, wo sich die Kunst vorwiegend als Gerümpelkammer präsentiert, läuft man alle paar Schritte an Kabinen vorbei, in denen Videoschirme oder -projektionen wie in einer Peepshow Attraktionen feilbieten. Wo Kunst draufsteht, sollte eigentlich auch Kunst drin sein, aber statt dessen herrscht eine geradezu groteske Beliebigkeit, ein trunkener Bildertaumel, dem es an jener Disziplin fehlt, für die im Kino schlimmstenfalls wenigstens die Produzenten zuständig sind. Es sagt womöglich alles, daß jene Bilder, die ein Hund (!) mit umgeschnallter Kamera aufgenommen hat, noch zu den originellsten zählen. Da wundert man sich nicht, daß andernorts die Malerei wieder hoch im Kurs steht, und freut sich wieder richtig aufs Kino, wo die Leute wenigstens wissen, was sie tun, wenn sie die Kamera einschalten – auch wenn man sich über die Ergebnisse streiten kann.

Ein Film wie Bruno Dumonts TWENTYNINE PALMS kann es sicher mit allem aufnehmen, was die Kunstbiennale zu bieten hat, denn gerade sein Insistieren auf der Dauer als filmischer Kategorie hat unter Videokünstlern wahrscheinlich mehr Anhänger als unter Kinofreunden. Der Franzose hat mit seinen beiden ersten Filmen LA VIE DE JÉSUS und L’HUMANITÉ mindestens so viele Leute verstört wie begeistert, aber seine beiden Dramen aus der beengenden nordfranzösischen Provinz haben in Cannes Preise gewonnen und die Hoffnung geschürt, sein Ausflug nach Kalifornien werde ähnlich aufregende Geschichten zutage fördern. Aber er findet in dem Ort Twenty-nine Palms und der Joshua-Tree-Wüste nichts, was Antonioni nicht schon in ZABRISKIE POINT entdeckt hätte. Die beiden ähneln sich in ihrer naiven Vorstellung, sie könnten die amerikanische Weite mit ihrer europäischen Imagination kolonialisieren, aber wo der Italiener damals dem Zeitgeist ein gewaltiges Fanal bereitet hat, versperrt sich der Franzose von vornherein solchem Ansinnen. Ein verliebtes Paar, er Amerikaner (David Wissak), sie Russin (Katerina Golubeva aus POLA X), macht sich mit seinem Geländewagen auf in die Wüste, und es wäre schon zuviel gesagt, wenn man behauptete, sie küßten und sie schlügen sich. Es ist eher so, daß sie vögeln und dann schweigen; kurze Versuche einer Unterhaltung scheitern daran, daß sie kaum Englisch und er nur wenig Französisch kann.

Es wird also viel geschwiegen, nichts erklärt, und die Kamera gibt sich auch nicht viel beredter. Man sieht, was man kennt, Wüste, Swimmingpools, Motels, Tankstellen, Diner und wieder Wüste, und weil man alles so lange sieht, beginnt das Gehirn fieberhaft zu arbeiten: Was machen die beiden dort, und worauf will der Film hinaus? Im Presseheft wird man gebeten, den „Plot“ nicht zu verraten, was einigermaßen absurd ist, weil es nichts gibt, was sich zum Plot verdichten ließe. Das Ende kommt dennoch als Schock und birgt eine einigermaßen bizarre Moral, die erst im Rückblick verdeutlicht, worauf Dumont hinauswollte: daß männliche Sexualität immer ein Akt der Gewalt ist. Was in der französischen Provinz atemberaubende Tableaus erzeugte, verflacht diesmal vor dem fernen Horizont. Und doch brennt sich auch dieser Film durch schiere Penetranz ins Gedächtnis ein, beansprucht fast wider besseres Wissen einen Platz in der Erinnerung.

Das ist genau jene Kühnheit, welche Joel Coen bei aller Verrücktheit nicht besitzt. In INTOLERABLE CRUELTY ist George Clooney zwar bestens aufgelegt und selbst Catherine Zeta-Jones eine Augenweide, aber am Ende ist das Ganze eben nur eine smarte Komödie über einen Scheidungsanwalt, der wegen einer Frau seinen Prinzipien untreu wird. So wie Takeshi Kitanos KITAICHI eben auch nur ein Kitanofilm ist, allerdings der beste seit langem. Erstmals erzählt Kitano im historischen Gewand, zieht als blinder, blonder Schwertkämpfer durchs Land, der Dinge hört, die andere nicht einmal sehen können. In seiner Mischung aus umstandsloser Gewalt und lakonischem Humor ähnelt er immer mehr Clint Eastwood, auch wenn der Japaner viel verspielter ist und keine Gelegenheit ausläßt, das Genre zu durchlöchern. Und so gelingen auch ihm spielend verstörende Bilder, von denen die bildende Kunst zur Zeit offenbar noch nicht mal träumen kann.

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05. September 2003 von peter
Kategorien: Bericht, Venedig | Schreibe einen Kommentar

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