Venedig 2003 (3)

VENEDIG, 1. September
Bernardo Bertoluccis vorletzter Film STEALING BEAUTY erlebte in Cannes ein Debakel, danach kam BESIEGED, der es noch nicht einmal mehr in unsere Kinos schaffte, und Bertoluccis neuem Film DREAMERS eilte ebenfalls ein verheerender Ruf voraus. Konnte es sein, daß der Italiener nach den Oscars für den LETZTEN KAISER alles verlernt hatte, was den LETZTEN TANGO, den KONFORMISTEN oder 1900 zu Meisterwerken gemacht hatte? Oder ist es doch eher so, daß die Leute blind geworden sind für alles, was die Schönheit so eines Alterswerks ausmacht, für jene Abgeklärtheit, die sich paart mit der Bereitschaft, noch einmal alles aufs Spiel zu setzen? DREAMERS ist jedenfalls eine der schönsten Liebeserklärungen ans Kino überhaupt, eine Ode an die Jugend und ein Märchen aus dem Pariser Frühling des Jahres 68.

Ein junger Amerikaner lernt in der Cinemathèque das Geschwisterpaar Isa und Theo kennen, Filmverrückte wie er, die stets in den ersten Reihen sitzen, um den Bildern so nah wie möglich zu sein. Kino ist ihr Leben, und als Isa gefragt wird, woher sie komme, sagt sie, sie sei 1959 auf den Champs-Elysées geboren worden. Und wer nicht weiß, daß genau dort die Nouvelle Vague begann, begreift es, als Isa beginnt, „New York Herald Tribune!“ zu rufen und wie ein Echo Jean Seberg in AUSSER ATEM auftaucht, die 1959 dasselbe rief, als sie mit Belmondo über die Champs-Elysées lief.

Die Art, wie Bertolucci unvermittelt Filmausschnitte in die Erzählung schneidet, ist von so verblüffender Direktheit und von solcher Demut, daß einem wirklich die Augen übergehen vor lauter Glück. Da streicht dann Isa durchs Zimmer und an den Wänden entlang wie einst Greta Garbo, und im nächsten Augenblick sieht man diese in KÖNIGIN CHRISTINA; oder Theo beschwört das letzte Bild von LICHTER DER GROSSSTADT, und schon taucht Charlie Chaplin auf; oder all drei beschließen, den Rekord von Godards AUSSENSEITERBANDE zu brechen, die es in 9 Minuten 45 Sekunden durch den Louvre geschafft hat, und während die drei an den Gemälden vorbeirasen, laufen synchron ihre Vorbilder durchs Bild. Diese unverstellte Cinephilie findet sich schon in Gilbert Adairs Vorlage, aber in der Verfilmung entwickelt sie eine ganz andere Kraft, weil das Trio tatsächlich mit seiner Traumwelt zu verschmelzen scheint.

Den spielerischen Zugang zum Kino verquickt das Geschwisterpaar mit erotischen Spielereien, in deren Netz sich auch der Amerikaner Matthew verfängt. Wer eine Filmfrage nicht beantworten kann, muß einen Preis zahlen. Als Theo BLONDE VENUS nicht erkennt, muß er auf ein Bild Marlenes aus dem BLAUEN ENGEL onanieren; und als Matthew SCARFACE nicht schnell genug einfällt, muß er mit Isa schlafen. So verwandelt sich die große elternfreie Wohnung langsam in einen Spielplatz der Begierden, wo alles erlaubt ist, aber nichts wirklich erlebt wird.

Die Cinephilie ist ein süßes Gift, welches das Leben durchtränkt, aber die Welt ausblendet. Die Geschwister, die Cocteaus schrecklichen Kindern ähneln, haben sich eingesponnen in ein Traumreich, wo sie alle Emotionen in Schach halten können. Doch irgendwann durchschaut Mathew das Spiel und fordert mehr als nur die Nebenrolle. Als die drei in der Wirklichkeit ankommen, kämpfen die Studenten auf den Barrikaden gegen die Polizei. Die Geschwister halten auch das für ein gefährliches Spiel, bei dem sie mitmischen können, doch Matthew wendet sich ab. Damit keiner auf die Idee kommt, Bertolucci würde damit der eigenen revolutionären Vergangenheit den Rücken zukehren, läßt er die Piaf über das Schlußbild singen „Non, je ne regrette rien . . .“. Einen schöneren Film über das Dreieck von Kino, Liebe und Leben kann man sich hier am Lido gar nicht vorstellen.

Beim bisherigen Publikums- und Kritikerfavoriten GOODBYE, DRAGON INN von Tsai Ming-Liang geht es um dieselben Dinge, aber seine Schönheit ist eher theoretischer Natur. In endlosen Einstellungen wohnt man der letzten Vorstellung in einem großen Kino in Taipeh bei. Draußen regnet es in Strömen, drinnen verlieren sich ein paar Zuschauer, die den alten Schwertkämpferfilm DRAGON INN ansehen und zum Teil dessen Schauspielern so ähnlich sehen, als wären sie wie Geister von der Leinwand herabgestiegen. Die behinderte Kassiererin geht ihren Verrichtungen nach, der Vorführer versucht ihrer Zuneigung zu entgehen, und die Schwulen suchen auf der Toilette nach Gleichgesinnten.

Die Idee ist bestechend, die Bilder sind wunderschön, aber auch ermüdend langatmig, und nach kurzer Zeit ahnt man, daß die Kamera das Kino nie verlassen wird, sondern diese LAST PICTURE SHOW schweigend bis zu Ende begleiten wird. Der Film gibt zu früh sein Strickmuster preis, kann die Spannung also nicht durchhalten, aber Tsai hat in Venedig für VIVE L’AMOUR schon einmal einen Goldenen Löwen und in Berlin für THE RIVER einen Silbernen Bären gewonnen, so daß GOODBYE, DRAGON INN bis auf weiteres als Favorit gelten darf. Auf einem Filmfestival gibt es ohnehin nichts Schöneres, als wenn dem Kino selbst Kränze geflochten werden.

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02. September 2003 von peter
Kategorien: Bericht, Venedig | Schreibe einen Kommentar

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