29. August 2003 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 2003 (1)

60. Filmfestspiele von Venedig

Ich weiß nicht, ob es Liebe ist

Frankreich als Maß der erotischen Dinge beim Festival von Venedig - und wieder nicht: Filme von Jacques Doillon und Raoul Ruiz

VENEDIG, 28. August
Für eine Stadt ist es immer schön, wenn Filmstars zum Festival kommen – selbst für Venedig. Andererseits tun sie selten mehr, als in die Kameras zu winken und der versammelten Presse zu versichern, wie gerne sie in Venedig seien. Kein Wunder, wenn da jemand auf den Gedanken kommt, sie könnten etwas mehr tun für die Stadt. So hat Roberta Busanel Bearzi, Präsidentin der Vereinigung „Viversani a Venezia“, die sich um die städtischen Gesundheitseinrichtungen kümmert, kurzerhand einen Brief an Woody Allen geschrieben, ob er sich nicht einsetzen könne gegen die drohende Verlegung des einzigen Zivilkrankenhauses der Altstadt aufs Festland nach Mestre. Er sei schließlich einer von ihnen, ein Venezianer, und außerdem doch „sehr aufgeschlossen für jede Art von gesundheitlichen Problemen“. In der Tat könnte sich jede Gesundheitsorganisation keinen besseren Fürsprecher wünschen als einen der führenden Hypochonder der Welt, und womöglich sollten Filmstars ganz allgemein bei Festivalbesuchen zur Übernahme solcher Patenschaften überredet werden – Winken allein genügt dann nicht mehr.

Unterdessen ist es selbst auf dem Lido so schwül, daß auch Gustav Aschenbach wahrscheinlich wieder die Haarfärbung im Schweiße seines Angesichts zerlaufen wäre. Was aber den Festivalchef Moritz de Hadeln offenbar nicht daran gehindert hat, wegen organisatorischer Engpässe einen schweißtreibenden Tobsuchtsanfall zu bekommen, den die lokale Presse mit Giovanni Trapattonis Ausbruch vergleicht, als er seine Bayern-Spieler der Arbeitsverweigerung bezichtigte. Die Aufregung hätte de Hadeln sich sparen können, denn Venedig ist immer noch das schönste und entspannteste Festival der Welt, und wenn es zu heiß wird, ist man im Kino ohnehin immer am richtigen Ort.

Auf die Eröffnung mit Woody Allen (F.A.Z. von gestern) folgte gleich ein erster Höhepunkt des Wettbewerbs, RAJA von Jacques Doillon. Der Franzose, der immer schon einen genauen Blick für die Rituale der Jugend und des Erwachsenwerdens besaß, erzählt eine Geschichte aus Marokko, von einer jungen Frau und ihrem französischen Arbeitgeber, in der die ganze Palette von erotischer Anziehung, gesellschaftlichen Unterschieden und unvereinbarer Mentalität durchgespielt wird. Der Franzose (Pascal Greggory), der vor Beziehungsproblemen in sein Anwesen in Marrakesch geflohen ist, hat ein Auge auf eines der Mädchen geworfen, die in seinem Garten arbeiten, Raja. Eigentlich will er nur Sex, aber ehe er es sich versieht, kommt etwas anderes ins Spiel, Gefühle, die man kaum Liebe nennen kann, die aber über die Begierde hinausgehen. Raja hingegen weiß zwar kaum, wie sie der Zuneigung des Alten begegnen soll, scheint aber dennoch entschlossen, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, ihrem Freund, ihrer Herkunft, ihrem Elend zu entkommen. So entspinnt sich ein komplexes Geflecht von Abhängigkeit und Schüchternheit, Eitelkeit und Verzweiflung, Flucht und Entgegenkommen. Daß die fröhliche Unschuld der Mädchen mit einem eher pragmatischen Verhältnis zur Sexualität gepaart sein könnte, entzieht sich dem selbstgefälligen Franzosen, der glaubt, mit Geld ließe sich alles lösen. Immer tiefer verstricken sich die beiden in einer Choreographie von Mißverständnissen, die von zarten Gefühlen und brutaler Nüchternheit zugleich lebt. So können eben nur die Franzosen von der Liebe erzählen.

Der fröhliche Chilene Raoul Ruiz dreht zwar in Frankreich, behandelt die Liebe aber, als sei sie nur ein weiterer Reflex in einem seiner filmischen Spiegelkabinette. UNE PLACE PARMI LES VIVANTS (Ein Platz unter den Lebenden) beginnt mit einem Unfall. Ein Maler bricht seine Arbeit an der Leinwand ab, setzt sich mit einer Weinflasche auf die Balkonbrüstung. Sein Modell meint noch, er solle vorsichtig sein, wendet sich kurz ab, und als sie wieder hinsieht, ist der Mann verschwunden. Erst denkt sie an einen Scherz, doch dann hört sie von der Straße Aufregung und sieht den Maler in seinem Blut liegen – nur die Flasche ist heil geblieben. Ein Anfang, der den Surrealisten wohl gefallen hätte, und deshalb der Auftakt für eine Reihe surrealistischer Kompositionen, in denen willkürlich Gegenstände übergroß ins Bild gerückt werden, während sich die Handlung im Hintergrund vollzieht. Unglücklicherweise muß der Maler das Geschehen aus dem Jenseits kommentieren, gemeinsam mit einem erfolglosen Romanautor, dessen Tod offenbar erst noch bevorsteht, weil man ihn als Chronisten einer Mordserie erlebt, die irgendwo an der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit spielt.

Raoul Ruiz serviert sein Vexierspiel um Fakten und Fiktionen mit jenem Augenzwinkern, das ihm gerne Wettbewerbsplätze auf Festivals beschert, aber seine Filme um so blutleerer wirken läßt, je blutiger es zur Sache geht. Dasselbe gilt natürlich ohnehin für die EL MARIACHI-Fortsetzung ONCE UPON A TIME IN MEXICO von Robert Rodriguez, die mehr Leichen produziert, als man zählen kann. Aber dafür kommen Antonio Banderas und Salma Hayek nach Venedig – und wer weiß, für welche Patenschaften man die beiden hier gewinnen kann.

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