01. September 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 2000 (2)

Kahle Köpfe

Clint Eastwood dominiert 
die Filmfestspiele in Venedig

Das Szenario kommt einem bekannt vor. Ein Star auf der Flucht vor Paparazzi. Nur finden in Venedig solche Verfolgungsjagden auf dem Boot statt. Sharon Stone wurde auf ihrem Boot von zahllosen anderen Booten gejagt, und dabei kam es zwischen den Verfolgern zu einem Unfall. Ein Fotograf wurde leicht verletzt, ein anderer musste ins Krankenhaus. Die Italiener mit ihrem Sinn für Übertreibung nennen es ein „dramma”, fast schon eine Tragödie. Im Übrigen hat sich herausgestellt, dass Miss Stone barfuß war. So ist das auf solchen Festivals: die piedi nudi des nächstbesten Stars erregen mehr Aufmerksamkeit als Filme aus Belgien, Bengalen oder sonstwo.

Als Sharon ihre Schuhe wieder anhatte, konnte sie ihrem Kollegen Eastwood den Goldenen Ehrenlöwen überreichen. Eastwood seinerseits kam am nächsten Tag zu einem so genannten Workshop, wo er Auskunft darüber geben sollte, wie er arbeitet. Zwei Kritiker der Cahiers du cinéma und zwei italienische Fachkräfte stellten Fragen, und es war richtig niedlich, zu sehen, wie sich die Kollegen die Zähne ausbissen. Eastwood war freundlich, verbindlich, sogar bemüht, irgendwie Antworten zu finden auf Fragen, mit denen er nichts anfangen konnte. Ob dies nicht eine Metapher hierfür sei oder jenes nicht ein Symbol dafür, wollten die Franzosen beharrlich wissen und übersahen dabei, dass Eastwood als Geschichtenerzähler die Dinge viel pragmatischer angeht, viel instinktiver. Wenn er sich so viele Gedanken darüber machen würde, was dies oder jenes in seinen Filmen wohl bedeuten mag, wäre er nicht der große Regisseur, der er ist. So redeten alle herzlich aneinander vorbei, und man hatte mehr denn je den Eindruck, dass Eastwood ein echtes Kind des amerikanischen Kinos selbst ist, ein Produkt seiner Lehrmeister Leone und Siegel, seiner Karriere als Star und jenem Versprechen auf Freiheit, das sein Land für Leute wie ihn birgt. Und wenn man ihn dann so auf dem Podium sitzen sieht, ein bemerkenswert sanfter Mann, der mit sich im Reinen zu sein scheint, dann denkt man, dass seine Züge sich immer mehr seinem Image angeglichen haben, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen seinem Image und seiner Person. Das ist die Art von Frieden, die das Kino offenbar für die Seinen bereithält.

Für andere Leute ist Eastwood – oder zumindest das System, das er verkörpert –, der Feind. 113 koreanische Filmschaffende haben sich die Köpfe kahl rasieren lassen, um gegen die Übermacht Hollywood zu protestieren. Die südkoreanische Regierung hatte angedroht, die Quote von 146 Tagen, an denen die dortigen Kinos südkoreanische Filme zeigen müssen, zu senken. Die Initiative, die hier die Aufmerksamkeit der Presse auf sich lenken will, nennt sich „Coalition for Cultural Diversity in Moving Images”. Die Aktion mit den geschorenen Köpfen hat allerdings schon 1998 stattgefunden. Manche Nachrichten brauchen eben etwas länger, den Erdball zu umrunden. So wird es auch noch einige Tage dauern, bis man erfahren wird, was es mit den Filmen aus Belgien, Bengalen oder sonstwo auf sich hat.

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