31. August 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 2000 (1)

Der Stoff, aus dem die Helden sind

Die Filmfestspiele in Venedig eröffnen mit Clint Eastwoods „Space Cowboys”

Rollen wir die Sache von hinten auf: Im Wettbewerb wird das deutsche Kino wieder Mal keine Rolle spielen, und doch sind die Deutschen, wenn man die Zeitung aufschlägt, in aller Munde. Und vielleicht sind das ja die Geschichten, die das deutsche Kino erzählen muss, wenn es wieder eine Rolle spielen möchte – indem es dem Bild entspricht, das man sich im Ausland von uns macht.

Hier also eine lose Sammlung aus dem Lokalblatt Il gazzettino: Seite 1 – was sonst: Schumi hat Angst vor Häkkinen. Seite 9: Amore fra il ministro e la contessa: Vor dem „schwarzen Hintergrund neonazistischer Gewalt” habe sich der so genannte ministro della difesa Scharping in die Gräfin Kristina Pilati-Borggreve verliebt. Das nennt man hierzulande politica rosa. Seite 15: In den nächsten vier Wochen werden dem Blatt vier Videocassetten beigelegt, in denen es um Frauengeschichten geht, die mit einem Löwen ausgezeichnet wurden. Ehe es „Ein Herz im Winter”, „Quiju” und „Drei Farben: Blau” gibt, erwartet den Leser am ersten Wochenende „Die bleierne Zeit” von Margarethe von Trotta. Seite 20: Nochmal Schumis Ungemach im Detail. Seite 23: Eine 15-jährige Mühldorferin wurde in der Bar „Il gelatone” auf dem Lido ohne Papiere aufgegriffen, nachdem die „quindicenne tedesca” vor zwei Wochen mit einer Freundin aus Bayern geflohen war. Die Eltern haben das Mädchen in Empfang genommen, die Freundin ist weiterhin verschwunden. Seite 27: Vor dem Teatro La Fenice wurde eine deutsche Touristin am hellichten Tag von einem „gut gekleideten Mann” ausgeraubt. Verlust: 200 000 Lire, ein Fotoapparat, eine Swatch-Uhr und eine Brille. Seite 33: Am 7. September wird Claudia Schiffer erwartet, über die Nicolas Roeg den Kurzfilm „The Sound of Claudia Schiffer” gedreht hat.

Da kann man sich doch über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Hier deswegen unser Vorschlag für den deutschen Wettbewerbsbeitrag im nächsten Jahr: Ein Rennfahrer und ein Model kommen nach Venedig, wo sie ihre entflohene Tochter suchen. Während das Model vor dem Teatro Fenice von einem gut gekleideten Verteidigungsminister ausgeraubt wird, verliebt sich der Rennfahrer, der beruflich große Probleme hat, in eine Gräfin, die von einem Elternpaar aus Mühldorf ohne ersichtlichen Grund verfolgt wird. Regie führt jedenfalls Margarethe von Trotta, und der Film wird im Jahr 2003 den Lesern von Il gazzettino gratis beigelegt. Und Tom Tykwer wird sich fragen, warum er seinen diesjährigen Beitrag „Der Krieger und die Kaiserin” nicht „Der Minister und die Gräfin” genannt hat.

Das Festival von Venedig hat erst mal andere Sorgen als die Zukunft des deutschen Kinos und konzentriert sich voll auf die Überreichung des goldenen Ehrenlöwen aus den Händen von Sharon Stone an Clint Eastwood. Das ist auf alle Fälle ein geschickter Schachzug, der Cannes und Berlin ärgern wird. Zwei der größten lebenden Stars bringen Glamour an den Lido. Dabei waren es die Franzosen, die Eastwood als Filmemacher einst entdeckt haben, und es war auch Eastwood, der als Jurypräsident in Cannes „Pulp Fiction” durchgeboxt hat.

Aber was zählt, ist die Gegenwart – und da gilt: Eastwood ist gerade siebzig geworden und hat den Eröffnungsfilm „Space Cowboys” im Gepäck. Seine besten Filme werden nochmal gezeigt – und zum besseren Verständnis das Porträt „Out of the Shadows” von Bruce Ricker, das sich durch nichts auszeichnet als durch die Präsenz Eastwoods selbst.

Einmal heißt es da, John Wayne habe bei „The Shootist”, als er einen Mann von hinten erschießen sollte, zu seinem Regisseur Don Siegel gesagt: „Das können Sie vielleicht Clint Eastwood machen lassen, aber nicht mich!” Und dann sieht man Eastwood lächelnd sagen, Wayne habe ihn als Person durchaus leiden können, aber nicht das, wofür er stand. Er habe eben an das Bild von Amerika geglaubt, das er verkörperte. Und natürlich liegen Eastwoods Qualitäten auch darin, dass er diesem Bild ein anderes entgegengestellt hat. Und dafür hat er dann in seinem oscargekrönten Film „Unforgiven” im Abspann auch Don und Sergio gedankt, den beiden Regisseuren, die ihm mit dem „Mann ohne Namen” und „Dirty Harry” Rollen geschaffen haben, auf denen er sein Image aufbauen konnte – und das hatte mehr mit James Cagney als mit John Wayne zu tun.

Und zu den Wundern des Hollywood-Kinos zählt, dass ausgerechnet dieser Gewalttäter mit dem trockenen Humor sich zu den fruchtbarsten Filmemachern Amerikas entwickelte: ein Mann, der begriff, dass der Western und der Jazz die ureigensten Kunstformen seines Landes sind – und der das auch reflektieren konnte. Dass Gewalt und Show in Amerika untrennbar verbunden sind. Und dass die Freiheit des Westens von Anfang an eine Sache kapitalistischer Ausbeutung war. Was Buffalo Bill mit seinen Wildwest-Shows war, das hat Eastwood nicht nur mit „Bronco Billy” realisiert, sondern in gewisser Weise auch mit seinem Star-Status, der den Geschmack von Freiheit und Abenteuer vermarktet hat.

Genau mit diesem Image treibt er sein Spiel in „Space Cowboys”, einem Film, der sich auch auf Philip Kaufmans „Der Stoff, aus dem die Helden sind” und auf Michael Bays „Armageddon” seinen Reim macht. Eastwood spielt einen ehemaligen Flieger, der in den Sechzigern um seine Teilnahme an dem Raumflugprogramm der Nasa betrogen wurde. Und weil ein von ihm konstruierter Satellit die Erde bedroht, erzwingt er für sich und seine drei alten Kumpanen (Donald Sutherland, James Garner und Tommy Lee Jones) jenen Raumflug, der ihnen einst verweigert wurde.

Der Witz besteht darin, dass die alten Herren den Erfordernissen des heutigen Kinos eine Nase drehen. „Space Cowboys” ist eine Fortführung des zeitgenössischen Kinos mit den Mitteln einer Rentner-Gang. Eastwood ist wahrscheinlich der Einzige, der auch jenseits der 70 diese Geschichte durchziehen kann. Und der in einer Zeit, da man für solche Geschichten keinen Regisseur mehr, sondern eine PR-Maschinerie braucht, mit seiner eigenen Person diese Gesetze der kapitalistischen Schwerkraft überlisten kann. Er inszeniert die Geschichte so unaufgeregt und ohne jede Eitelkeit herunter, dass man geneigt ist, ihm jede Verantwortung für die Zukunft seines Landes zu übertragen – nicht nur den Bürgermeisterjob in seiner Heimatstadt Carmel, den er einst inne hatte.

In dem Filmporträt gibt es eine weitere Stelle, in der Meryl Streep sich an die Dreharbeiten von „Die Brücken von Madison County” erinnert: In einer Szene, sagt sie, habe Eastwood, der auch der Regisseur war, tatsächlich zu weinen begonnen und sich von der Kamera weggedreht. Da war sie wirklich erstaunt, weil normalerweise Schauspieler gerade in solchen Momenten geradezu die Kamera suchen, weil sie die Academy beeindrucken und Stimmen für die Oscars sammeln wollen. Hinterher habe sie ihn gefragt, warum er das gemacht hat, und er habe geantwortet, das Publikum wolle ihn nicht weinen sehen. Das habe sie beeindruckt: Jemand, der so genau weiß, was sein Publikum will.

Da sind wir wieder bei jener Mischung aus Instinkt und Berechung, die dem Wilden Westen von Anfang an innewohnte. Es heißt, Eastwood sei schon einen Tag früher angereist, „um seine Freiheit zu haben”. Und es kann gut sein, dass er in der Accademia sitzt und Gemälde von Carpaccio bewundert – so wie er es am Anfang von seinem vorletzten Film „Absolute Power” getan hat. Ein Mann mit einem Hut in einem Museum. Und nur im Kino kann es passieren, dass dieser Mann hinterher Zeuge wird, wie der Präsident der USA eine Frau vergewaltigt und ermordet. In Venedig kann davon bislang nicht die Rede sein: Da werden nur 15-jährige Mühldorferinnen auf dem Lido aufgegriffen.

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